Musik und Theater

Africana

Neustadtgasse 29

In den 1960er-Jahren kamen in Winterthur Musikclubs auf, die erstmals «schwarze Musik» spielten. Eine treibende Kraft dahinter war der Musiker René Theiler. Zirka 1963 eröffnete er das „Africana“ in der Neustadt. Das Lokal gab in Winterthur stets zu reden. Es war etwas neues, etwas freches gewesen.


Reihenweise Motorräder bildeten einen typischen Anblick vor dem «Africana». Aufnahme 1970er-Jahre.
Foto: winbib, Andreas Wolfensberger (Signatur FotDig_WolfA_0155)

Das Zeitalter der Music-Clubs

1963 kaufte der Wahlwinterthurer René Theiler die Liegenschaft an der Neustadtgasse 29 und eröffnete dort das Lokal «Africana». Weil die Stadt damals nur ein begrenztes Kontingent an Alkoholausschankbewilligungen erteilte, war das «Africana» von Anfang an eine alkoholfreie Wirtschaft.

Theiler war selbst viele Jahre lang als Berufsmusiker in Jazzbands unterwegs gewesen und hatte unter anderem auch auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen gespielt. Weil er mit der Musik verbunden bleiben wollte, baute er eine Konzertbühne in seiner Beiz ein. Das Lokal dekorierte er im «afrikanischen Stil» und stellte darin eine Musikbox mit 200 aktuellen Rockschallplatten auf.

In den 1960er-Jahren war ein Music-Club dieser Art für die Arbeiterstadt Winterthur eine Neuheit. Theilers Konzept basierte auf möglichst günstigen Preisen: Ein Glas Coca Cola gab es für 80 Rappen und dazu kostenlose Live-Musik. Bei den Konzerten wurde jeweils nach zwei Stunden das Lichtangemacht und das Publikum ausgetauscht. So spielten die Bands meist drei Konzerte am gleichen Abend.

Damals gab es noch keine Vermittlungsagenturen für Rockbands. Theiler musste seine Kontakte deshalb selbst knüpfen. Für Winterthur engagierte er unter anderem die «Slaves», die «Sevens», «Jimmy and the Rackets» und «Les Sauterelles». Weil das Winterthurer Lokal für grössere Konzerte zu klein war, eröffnete Theiler 1965 ein zweites «Africana» in St. Gallen. Dort liess er Bands wie die «Spencer Davis Group» und «Pink Floyd» auftreten.

Mit seinen Konzerten traf Theiler den Nerv der Zeit. 1968 übernahm er das Gastronomielokal an der Steinberggasse 16 und eröffnete dort den «Hotel Albani Dance Club».

Zwischen Jazz und Motorrädern

Das Winterthurer «Africana» etablierte sich in den Anfangsjahren als beliebter Jugendtreff und Motorradfahrerbeiz. Im Volksmund nannte man es etwas zugespitzt «Aff». Als Zentrum der Musikszene lockte das «Africana» nicht nur Winterthurer Jugendliche an, sondern auch Gäste aus anderen Teilen der Schweiz und dem nahen Ausland.

Die Winterthurer Beizenkultur war damals noch stark von traditionellen Stammlokalen geprägt. Parteien, Vereine und andere gesellschaftliche Gruppierungen hatten ihr eigenen Treffpunkte. Im «Africana» waren es vor allem Jugendliche, Musikbegeisterte und Motorradfahrer. Es bildeten sich feste Cliquen, zu denen Aussenstehenden nicht immer leicht Zugang fanden. Nicht alle konnten deshalb die Bar betreten.

Während das «Africana» in den 1960er-Jahre noch zu den wichtigsten Treffpunkten der Winterthurer Jazz- und Popmusikszene gehörte, verlor es dieses Alleinstellungsmerkmal im Verlauf der 1970er-Jahre allmählich. Mit dem Jugendhaus und dem «Albani-Club» gab es inzwischen Alternativen. Gleichzeitig entwickelte sich das «Africana» in St. Gallen zu einem wichtigen Konzertlokal.

René Theiler seinerseits wandte sich zunehmend dem Geschäft mit Spielautomaten zu. Diese hielten bald auch im «Africana» Einzug. Damit veränderte sich der Charakter der Beiz, die sich allmählich vom Musiklokal zum Spielsalon entwickelte. In Teilen der bürgerlichen Öffentlichkeit genoss das «Africana» inzwischen einen zweifelhaften Ruf. Das Lokal galt als Treffpunkt einer unangepassten Szene. Ihm wurden auch Drogenhandel und Prostitution nachgesagt.

Erster Austragungsort der Winterthurer Musikfestwochen

In den 1970er-Jahren kehrten die beiden Winterthurer Daniel Schlatter und Markus Hodel regelmässig im «Widder» ein, einem weiteren beliebten Szenenlokal. Sie störten sich daran, dass die Pop- und Rockmusik in der Eulachstadt aus ihrer Sicht noch immer zu wenig Anerkennung fand.

Bald entstand die Idee, nach dem Vorbild der Luzerner Musikfestwochen ein eigenes, alternatives Musikfestival in Winterthur zu organisieren. Schlatter und Hodel setzten sich ein Budget von 1500 Franken und machten sich an die Arbeit. Als Austragungsort wählten sie ausgerechnet das «Africana». Das war auch eine bewusste Provokation gegenüber den bürgerlichen Kreisen und den Behörden.

1976 fanden im «Africana» die ersten Winterthurer Musikfestwochen statt. Weil das Lokal nur urnd 120 Personen aufnehmen konnte, organisierten die Veranstalter eine Live-Videoübertragung ins benachbarte Jugendcafé Neustadt und auf die Strasse. Aus dem klienen Festival entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine der bekanntesten Kulturveranstaltungen Winterthurs.

Schleichendes Ende einer Szenenbeiz

Mit den ersten Winterthurer Musikfestwochen kehrte die Live-Musik 1976 zwar nochmals ins «Africana» zurück. An die Bedeutung, die das Lokal in den 1960er-Jahren für die Winterthurer Musikszene gehabt hatte, konnte es jedoch nicht mehr anküpfen.

Die Konkurrenz durch neue Konzertlokale, der Wandel zum Spielsalon und der Rückzug von René Theiler hatten den Betrieb grundlegend verändert. Nach 1976 kam es zu mehreren Wirtswechseln. 1989 wurde schliesslich die gesamte Liegenschaft an der Neustadtgasse 29 öffentlich versteigert.

Wann im «Africana» das letzte Glas Coca-Cola ausgeschenkt wurde, ist bisher nicht bekannt.


Benutzte und weiterführende Literatur

Plüss, Mirko: Winterthur 1968, das Ur-Albani und das «falsche Africana»..., in: Der Landbote, 11.08.2018.
Meyer, Üsé: Festival Fieber! 30 Jahre Winterthurer Musikfestwochen, Zürich 2001.
Anderegg, Andreas: ein Thurgauer als Musik-Pionier, in: Thurgauer Zeitung, 08.02.1989.

Bibliografie


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
12.10.2026
Nutzungshinweise
QR-Code generieren