Wissenschaft

Anna Barbara Reinhart

Mathematikerin, 1730–1796

Anna Barbara Reinhart war eine der ersten Schweizerinnen, die sich einen internationalen Ruf als Mathematikerin aufbauen konnte. Die Winterthurerin unterrichtete selbst Mathematik und korrespondierte mit vielen Gelehrten ihrer Zeit. 2003 wurde eine Strasse nach ihr benannt.


Geburtsort
Winterthur

Geboren
12.07.1730

Gestorben
05.05.1796


Die Mathematikerin Anna Barbara Reinhart in einem anonymen Kupferstich aus der Zeit zwischen 1760 bis 1860
Foto: Zentralbibliothek Zürich, (Public Domain Mark)

Schicksalhafter Unfall

Anna Barbara Reinhart wurde am 12. Juli 1730 in Winterthur in gute Verhältnisse geboren. Ihre Eltern waren der damalige Winterthurer Ratsherr Salomon Reinhart (1693 –1761) und Anna Steiner. Als sie noch ein junges Mädchen war und an einer Hochzeitsfeier teilnahm, stürzte vom Pferd und verletzte sich schwer. Sie wurde danach vom damaligen Stadtarzt Johannes Heinrich Hegner über längere Zeit behandelt, konnte sich aber nie körperlich nie ganz von ihrem Unfall erholen. Im direkten Kontakt mit Barbara Reinhart bemerkte Hegner ihren wachen Geist und ihre mathematische Begabung. Jeden Samstagvormittag unterrichtete er sie fortan in Mathematik und Barbara Reinhart machte rasch Fortschritte. Gleichzeitig lernte sie Französisch und Latein, damit sie sich weiterhin auch im Selbststudium in die wissenschaftliche Literatur ihrer Zeit vertiefen konnte. Sie beschäftigte sich auch mit Physik und Astronomie. 

Eine der grössten Mathematikerinnen ihrer Zeit

Aufgrund ihres Zustands mehrheitlich an ihr Zuhause gebunden, widmete sie ihre ganze Energie zwei wesentlichen Lebensinhalten: Der Vormittag gehörte jeweils der Wissenschaft und an den Nachmittag beschäftigte sie sich mit standesüblichem Kunsthandwerk. Sie beschäftigte sich intensiv mit den Werken von Isaac Newton, Leonhard Euler, Pieter van Musschenbroek, Gabriel Cramer und Jérôme Lalande. Dabei machte sie sich immer wieder Notizen und korrespondierte mit Hegner und auch anderen Gelehrten ihrer Zeit, wie beispielsweise Christoph Jezler und Daniel Bernoulli. Beide lobten Barbara Reinhart in höchsten Tönen, letzterer hielt sie gar für eine der grössten Mathematikerinnen ihrer Zeit. Barbara Reinhart begann bald selbst Mathematikunterricht zu erteilen. Zu Ihren Schülern gehörten u.a. der Sohn ihres Lehrers, Ulrich Hegner. 1780 kam der damals 34-jährige Feldmesser Heinrich Bosshard von Rümikon auf Empfehlung zu ihr in den Unterricht. Er galt als aussichtsloser Kandidat, doch Barbara Reinhart erwies sich als geduldige und einfühlsame Lehrerin und hinterliess bei Bosshard einen prägenden Eindruck, wie aus seinen Schreiben und Berichten hervorgeht. 

In den 1780er-Jahren verschlechterte sich ihr körperlicher Zustand und es stellte sich ein Gichtleiden ein. Dennoch beschäftigte sie sich bis zu ihrem Tod am 5. Januar 1796 mit den Naturwissenschaften. Ihr grösster Wunsch, nämlich dass ihre Notizen und Manuskripte für die Nachwelt erhalten bleiben, ging nicht in Erfüllung. Sie gelten seit ihrem Tod als verschollen. 

Rezeption und Würdigung

Während ihre Manuskripte verloren gingen, wird ihr Leben und Wirken durch erhaltene Korrespondenzen mit Christoph Jelzer, sowie Johannes Heinrich Hegner und im Tagebuch von Ulrich Hegner fassbar. Hinsichtlich ihrer mathematischen Kommentare gibt es nur ein erhaltenes Schriftstück. Es handelt sich um den Brief «Von J.H.Hegener Dr.med in Winterthur u. einem gelehrten Frauenzimmer an Hrn Danl. Bernoulli in Basel 1761», der sich bis heute im Besitz der Universitätsbibliothek Basel befindet. Dort diskutieren die Gelehrten Reinharts Lösung der der «Aufgabe d. Ligne de Poursuite de M.rss Bouguer & Maupert». Ausserdem fällt ihr Name auch immer wieder in Korrespondenzen zwischen verschiedenen Gelehrten ihrer Zeit. 1858 fand die Erinnerung an sie Eingang in das Werk «Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz».

In ihrer Heimatstadt Winterthur ging die berühmte «Junpfer Reinhart», wie sie von Zeitgenossen auch genannt wurde, bald in Vergessenheit. 1994 erwähnte der geschichtsinteressierte ehemalige Stadtpräsident Urs Widmer sie in einem Artikel im Winterthurer Jahrbuch als verdiente Frauenpersönlichkeit. 2003 setzte die Stadt Winterthur ihr dann auf Vorschlag des Vereins Frauenstadtrundgang Winterthur ein bleibendes Denkmal und benannte in Neuhegi eine Strasse nach ihr.  


Benutzte und weiterführende Literatur

Hause, Kaspar/Fehr, Max: Die Familie Reinhart in Winterthur, Winterthur 1922, S. 137–139, 223.
Widmer, Urs: Vier Winterthurer Frauenpersönlichkeiten, in: Winterthurer Jahrbuch 1994, S. 35–41, 36–38.
Wolf, Rudolf: Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz. Bd. 1, Zürich 1858, S. 341–350.

Bibliografie

    Reinhart, Anna Barbara, 1730-1796, Mathematikerin

    • Einträge 1991–2010

      In: Rudolf Wolf. Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz. Bd 1. Zürich, 1858. S. 341-350.
      Winterthurer Jahrbuch 1994 S.36 ff. von Urs Widmer, 1Abb.


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
04.09.2023