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Bikle Julie, Geschäftsfrau und humanitäre Helferin, 1871-1962

Julie Bikle
Sat Jul 15 00:00:00 UTC 1871
Sun Jul 15 00:00:00 UTC 1962

Im Juli 2008 wurden im Dättnau, Stadtkreis Töss, neue Strassennamen zu Ehren bedeutender Frauen von Winterthur vergeben. Eine dieser geehrten Damen ist Julie Bikle. Sie gründete und leitete im 1. Weltkrieg die private „Ermittlungsstelle für Vermisste, Winterthur“. Zahlreiche vermisste Soldaten und Zivilpersonen konnten so gefunden werden. Bikle organisierte im Auftrag des Bundesrates das Ostschweizer Kinderhilfswerk.

Die Geschäftsfrau

Julie Bikle wurde 1871 als älteste Tochter deutscher Eltern mit hugenottischen Wurzeln in Luzern geboren. Diese stammten aus (Stuttgart-)Untertürkheim und hatten sich mit ihrer Emigration gemäss einem Eintrag in der Familienchronik (für die noch ungeborenen Söhne und Stammhalter!) der dreijährigen Wehrpflicht entzogen, die mit Bismarck und Generalstabschef von Roon in den frühen 1860-er Jahren in Preussen und später im ganzen Deutschen Reich rechtswidrig eingeführt worden war. 1888 wurde die Familie – sie hatte inzwischen zwei Söhne und zwei Töchter – in Winterthur eingebürgert, wo Wilhelm Bikle einen florierenden internationalen Handel mit Furnierholz unterhielt. Domiziliert war das Unternehmen an der Wartstrasse 14, die Absatzschwerpunkte waren Frankreich und Deutschland.

Um 1900 entsprach Julie, offensichtlich die Intelligenteste und Tüchtigste der Kinder, der Bitte ihres Vaters, der kurz vor dem Tod stand, auf ein Studium zu verzichten und die Geschäftsleitung des Unternehmens zu übernehmen. Der Vater wünschte sich auch, dass sie den respektablen Familienbesitz verwaltete und die Existenz der Mutter, der beiden ledigen Schwestern sowie der zwei geschäftsuntauglichen Brüder und deren Familien sicherte. Gleichzeitig blieben aber alle zu gleichen Teilen Mitinhaber des bis zum Ersten Weltkrieg erfolgreichen Familienunternehmens.

Die humanitäre Helferin

Mit dem Ausbruch des Krieges wendete sich Julies Leben radikal, schicksalhaft und ungewollt. Der internationalen Geschäftskorrespondenz des Handelsunternehmens waren jetzt häufig private Hilfsgesuche beigefügt, die Fragen nach dem Schicksal dieses oder jenes Soldaten, nach isolierten Zivilisten in besetzten Gebieten, nach Internierten oder jungen Frauen, die man in den Fängen von Mädchenhändlern vermutete, stellten. So entstand im August 1914 spontan, zunächst ohne jede organisatorische Struktur, Julie Bikles private "Ermittlungsstelle für Vermisste, Winterthur", die sie maximal mit zwei bis sechs Helferinnen und Helfern, zu einem guten Teil mit Frauen und Töchtern aus den höheren gesellschaftlichen Schichten Winterthurs und weitgehend mit ihren persönlichen Mitteln, bis 1919 aufrecht hielt.

Parallel dazu führte sie in dieser gefährlichen Zeit auch noch mit starker Hand das Geschäft ihrer Familie. Von 3'406 Vermissten, die ihr gemeldet wurden, konnten sie 850 ausfindig machen. Nicht selten waren sie im Krieg gefallen und Julie Bikle konnte den Gesuchstellerinnen und Gesuchstellern nur noch die traurige und trotz allem beruhigende Gewissheit übermitteln, dass ihre Angehörigen nicht mehr zurückkehren würden. In anderen Fällen aber waren die Gesuchten noch am Leben, etwa der deutsche Ingenieur, den sie in Japan aufspürte, der österreichische Soldat und Schauspieler am Winterthurer Sommertheater, den sie in einem südrussischen Steinbruch fand oder der russische Bauer, der in einem deutschen Gefangenlager einsass.

Die 850 erfolgreich abgeschlossenen Suchaktionen waren in der damaligen Zeit mit den vergleichsweise primitiven Kommunikationsmitteln, den Erschwernissen im Postverkehr (Zensur u.a.), der riesigen Zahl von verschiedensten Lagern ein beachtlicher Erfolg, wenn man sich beispielsweise die chaotischen Verhältnisse im zaristischen und bolschewistischen Russland vergegenwärtigt, wo über das Kriegsende hinaus 400'000 Deutsche und 200'000 Österreicher gefangen gehalten wurden. In Frankreich ging es um eine Million deutscher Soldaten, die in einer Vielzahl von kleinen Lagern bis hin nach Nordafrika eingesperrt waren. Nicht nur für Julie war es eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen, der umfangreiche Dienst des Genfer IKRK mit seinen 1'300 Beschäftigten in diesem Sektor hatten mit den gleichen Problemen zu kämpfen, der Feministische Suchdienst in Lausanne und die etwa zwanzig weiteren Organisationen dieser Gattung ebenfalls. Ein aussergewöhnlicher Beleg für ihren Erfolg und die Wertschätzung für ihr Engagement war ein besonderer, überraschender politischer Entscheid in Lateinamerika.

Im Laufe des Krieges waren Dutzende von Schiffsmannschaften der deutschen Kriegs- und Handelsmarine von den Brasilianern "neutralisiert" worden und ihre Regierung verfügte, die postalischen Kontakte der Internierten mit Europa hätte über Julie Bikles Stelle zu erfolgen! Der Suchdienst stand immer im Zentrum von Julie Bikles Tätigkeiten, notwendigerweise wurde er aber durch weitere Tätigkeiten ergänzt: so wurden Liebesgabepakete aller Art verschickt, Literatur für gefangene Akademiker und Studenten vermittelt, Korrespondenz in besetzte Gebiete und nach Übersee weitergeleitet, die Internierung von kranken und schwer verletzten Soldaten in der Schweiz eingeleitet usw. usw. Sie mischte sich aber auch in die Lagerpolitik ein. So erwirkte sie z.B. zusammen mit dem IKRK und ihren Vertrauensleuten im Lager beim französischen Kriegsministerium die Absetzung des sadistischen Kommandanten von Dinan (Nordwestfrankreich). – Ein gelöstes Problem zog einen Rattenschwanz von weiteren Problemen nach sich. Ausnahmslos liefen die Fäden bei Julie Bikle zusammen.

Wertvolle Unterstützung bekam sie bei ihrer Arbeit durch das nationale und internationale Beziehungsnetz der "höheren Töchter" Winterthurs. Diese verschafften ihr Zugang zu höchsten militärischen und zivilen Stellen im In- und Ausland. Ein anderer zentraler Pfeiler ihres Erfolgs war die konsequent praktizierte Neutralität. Sie verpflichtete auch ihre gefangenen Schützlinge und deren Angehörige dazu, die sich nicht selten unflätig über die militärischen Gegner äusserten. Julie Bikle fügte jedem ihrer unzähligen Briefe ein Angebot auf Gegenleistung bei und auferlegte sich ein absolut ideologiefreies Handeln, das jedes "Hissen von irgendwelchen Fahnen" ausschloss. Dies fiel ihr als einer ehemals Deutschstämmigen, die bis 1916 neben dem schweizerischen noch einen deutschen Pass besass, nach eigenen Worten nicht leicht!

(K)ein Friedensnobelpreis

Eigentlich, so könnte man meinen, hätte Julie Bikle und ihre Mitkämpferinnen und Mitkämpfer 1919 ihr "Plansoll" erfüllt gehabt, aber hellsichtig erkannte Julie schon während des Krieges, dass im Krieg ein neuer Krieg geboren werden könnte. Die Versailler Verträge liessen daran auch keine Zweifel und sie markierte in diversen Ausgaben der "NZZ" Bestimmungen, mit denen sie nicht einverstanden war, mit energischem Strich. Um einer denkbaren Kriegsgefahr entgegenzuwirken, setzte sie auf die Kinder: bereits während des Krieges hatte sie sich in der "Schweizer Fürsorge für deutsche Kinder" engagiert, in die sie auch DeutschÖsterreich einbezog. Über 30'000 an Hunger und Krankheit leidende Kinder erhielten vor allem in den Jahren der Zwischenkriegszeit und unter wesentlicher Mithilfe von Julie Bikle, die von Winterthur aus in der Ostschweiz im Auftrag des Bundesrats und des Schweizerischen Roten Kreuzes zwei Hilfsorganisationen leitete, einen mehrwöchigen Erholungsaufenthalt in der Schweiz.

Ins Bewusstsein der Öffentlichkeit trat Julie Bikle erst wieder in den 1930-er Jahren – dann allerdings mit einem Paukenschlag, indem die Schweizer Frauenorganisationen sie 1935 für den Friedensnobelpreis vorschlugen. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass ihre Konkurrentin die Schottin Lady Aberdeer war, eine der ganz Grossen im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, eine Thematik, die Julie unausgesprochen immer auch beschäftigt hatte. Aus nicht geklärten Gründen wurde dann ausgerechnet in diesem Jahr kein Preis verliehen.

Dieser Text entspricht auszugsweise der Laudatio, die der Historiker Renato Esseiva am 8. Juli 2008 anlässlich der Strassentafel-Enthüllung gehalten hat.

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