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Elisabethen, bedeutende Frauen im Umfeld des Klosters Töss


Im Juli 2008 wurden im Dättnau, Stadtkreis Töss, neue Strassennamen zu Ehren bedeutender Frauen von Winterthur vergeben. Der Elisabethenweg ehrt sogar zwei Frauen mit diesem Namen, die teilweise zusammen im ehemaligen Kloster Töss gelebt hatten. Die eine war Königstochter, Elisabeth von Ungarn, um 1293-1336, die andere Mystikerin, Elisabeth (Elsbeth) Stagel, um 1300-1360.

Elisabeth von Ungarn

Die beiden Frauen, haben vor sehr langer Zeit gelebt, nämlich im 14. Jahrhundert. Nicht nur ihren Namen – Elisabeth – haben sie gemeinsam, sie haben auch in der gleichen Lebensgemeinschaft gelebt, im Kloster Töss. Dass sich ihre Wege kreuzen – das wurde ihnen nicht in die Wiege gelegt. Die eine – Elisabeth von Ungarn – wurde in Buda, also im heutigen Budapest, geboren und gehörte als Tochter von König Andreas III von Ungarn und Ferenna von Polen zum europäischen Hochadel. Die andere, Elisabeth oder auch Elsbeth Stagel, war eine Stadtzürcherin –ihr Vater war der Ratsherr und habsburgische Lehensmann Rudolf Stagel.

Elisabeth von Ungarn wurde schon als Kind zum Spielball der Politik. Mit ca. 9 Jahren wurde sie zur Vollwaise und geriet in den Machtbereich der Habsburger. Ihre Stiefmutter war nämlich Königin Agnes von Ungarn, eine geborene habsburgische Königstochter. Nach der Ermordung ihres Vaters König Albrecht I von Habsburg bei Brugg im Jahr 1308 reiste sie mit Familienangehörigen aus Wien an den Tatort, wo dann das Kloster Königsfelden gebaut wurde. Ihre Stieftochter Elisabeth liess sie ins Frauenkloster Töss eintreten, wohl um zu verhindern, dass es zu einer für Habsburg nachteiligen Heirat kommen könnte.

Das Kloster Töss in Nachbarschaft zum damals habsburgischen Winterthur war zu dieser Zeit ein wichtiges Machtzentrum der Habsburger. Sie förderten die wirtschaftliche Entwicklung des Klosters, indem sie ihm eine Reihe von Gütern übertrugen. Auch traten damals vermehrt Töchter von Familien aus der habsburgischen Gefolgschaft ins Kloster Töss ein.

Wie mag sich die Königstochter aus dem Osten Europas wohl hier in der Schweiz ins Klosterleben eingefügt haben? Einige Anhaltspunkte dazu erhalten wir durch die Elisabethenlegende, die uns in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert überliefert ist. Ein zentrales Thema dieser Legende ist ihre Zurückweisung der Brautwerbung Herzog Heinrichs von Österreich, der bis ins Kloster kam, um sie doch noch für sich zu gewinnen. Damit entschied sie sich nun als Erwachsene selbst für das Leben im Kloster. Sie gestaltete es als ein Leben in Armut, Demut und Güte. Mit Elisabeths Gesundheit war es nicht zum Besten bestellt. Dennoch überforderte sie ihren Körper nicht selten mit anstrengenden Gebeten, die sie bis in die Ohnmacht führten. So soll sie im Verlauf eines Jahres 34'000 Ave Maria gebetet haben, 1'000 für jedes Lebensjahr Christi. Die Legende enthält auch den Bericht von Wundern ähnlich wie wir sie aus der Bibel kennen. Geprüft durch schwere und schmerzhafte Krankheiten musste sie sich das ewige Leben erleiden. Elisabeth von Ungarn – eine Verwandte der heiligen Elisabeth von Thüringen- wurde denn auch wie eine Heilige verehrt. Insbesondere im 15. Jahrhundert lässt sich in Töss ein Elisabethkult feststellen. Die ungarische Episode hatte für Töss nachhaltige Folgen. Vermutlich kurz vor der Reformation wurde das ungarische Doppelkreuz ins Wappen von Töss übernommen.

Elisabeth Stagel

Die legendenhafte Schilderung des Lebens von Elisabeth von Ungarn passt in die literarische Gattung der Heiligenviten. Sie ist auch ein Zeugnis der Frauenmystik. Und dafür ist das Kloster Töss berühmt. Berühmt nicht zuletzt durch Elisabeth Stagel. Diese war eine sehr gebildete und theologisch interessierte Frau. Zur Klärung von theologischen Fragen nahm sie Kontakt auf mit dem Mystiker und Theologen Heinrich Seuse. Mit ihm verband sie in der Folge eine geistige Freundschaft. Neben einem intensiven Briefwechsel gab es auch persönliche Treffen.

Elisabeth Stagel machte sich einen Namen durch ihr schriftstellerisches Werk. Insbesondere werden ihr Teile des Tössemer Schwesternbuchs zugeschrieben, das um 1340 entstanden ist. In diesem Buch sind 33 Schwesternviten gesammelt. Diese biographischen Schilderungen wurden vor allem als Beispiele für ein christliches, klösterliches Leben verfasst und hatten den Zweck, andere Schwestern zur Nachahmung zu motivieren. Die Mystikerinnen bemühten sich, die Nachfolge Christi ernst zu nehmen, und sein Leiden und seine Passion nachzuleben. Dafür gingen sie so weit, dass sie sich selbst Schmerzen zufügten. Andererseits sahen sie sich auch als Braut Christi. Immer wieder wird von Visionen berichtet, die sich aufgrund der intensiven Bemühung um das Einswerden mit Christus ergeben.

Elisabeth Stagel hatte das Talent, solche Erlebnisse in Worte zu fassen und das Leben der Schwestern zum Nutzen von andern festzuhalten. Mit dieser kulturellen Leistung hat sie dazu beigetragen, dass Töss einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte gefunden hat.

Was können uns diese beiden Frauen heute mitgeben? Woran werden wir erinnert, wenn wir in Zukunft durch den Elisabethenweg gehen? Wir bekommen keinen Elisabeth Stagel-Weg und keinen Elisabeth von Ungarn-Weg, sondern einen einfachen Elisabethenweg.

Dieser Weg steht somit für die Frauen schlechthin. Er erinnert an Frauen, die sich für eine Gemeinschaft einsetzen, an Frauen, die sich für andere aufopfern, an Frauen, die ein Talent entgegen der gesellschaftlichen Norm ausleben, an Frauen, die das Beste aus schwierigen Lebensumständen machen, an Frauen, die ihren Weg gehen.

Vor mehr als einem halben Jahrtausend haben die Menschen aus der Gegend an eine heilsame Wirkung durch die Fürbitte Elisabeth von Ungarns geglaubt. Sie sind deshalb an ihr Grab nach Töss gepilgert. Auch in der heutigen Zeit ist das Bedürfnis nach einer geistigen Dimension, die über das wissenschaftliche, technisch fassbare hinausweist, gross. Zwar wurde diese Elisabeth von Ungarn kirchlich nie heilig gesprochen. Sie war aber in Töss eine Heilige der Herzen. Diesen Erfolg wünsche ich ihr auch hier in Dättnau. Ihre positive

Kraft soll auf die Quartierbewohner ausstrahlen und ihrem Leben einen Glanz geben.

Text

Dieser Text entspricht leicht angepasst der Laudatio, die die Stadtarchivarin Marlis Betschart am 8. Juli 2008 anlässlich der Strassentafel-Enthüllung gehalten hat.

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