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Züblin-Spiller Else, Journalistin und Redaktorin, 1881-1948

Else Züblin-Spiller
Sat Oct 01 00:00:00 UTC 1881
Sun Apr 11 00:00:00 UTC 1948

Else Züblin war eine Schweizer Journalistin und Abstinenzlerin aus Winterthur. Sie initiierte im ersten Weltkrieg die Soldatenstuben. Ihr zu Ehren gibt es im neuen Quartier des ehemaligen Sulzerareals Oberwinterthur eine Else-Züblin-Strasse. Die Else-Züblin-Strasse ist eine schmucke Wohnstrasse mit überdimensionalen Trottoirs und führt von der Sulzer-Allee, vorbei am Eulachhof, zum Eulachpark.

Foto Eberhard, SVV

Else Züblin-Spiller wurde am 1. Oktober 1881 in Winterthur-Seen geboren. Sie war Tochter von Marie Ursula Peter, die ihrerseits eine Tochter eines Taglöhners aus Seen war. Ihr Vater Johann Heinrich Spiller (1845-1884) war Sulzer-Monteur. Mit 39 Lebensjahren verstarb er an Tuberkulose und hinterliess der 33 Jahre alten Witwe drei Kinde, die erst 8, 7 und 2 ½ jährig waren. Die Mutter wollte keine Armenunterstützung annehmen und auch eine Stelle in einer Fabrik war ihr zuwider. Aus ihrer Jugendzeit im Tösstal hatte sie eine tiefe Abneigung gegen Baumwollspinnereien und Webereien. 16-Stundentage in lärmenden Fabrikhallen und Kinderarbeit in ihrem Familienkreis hatten sie geprägt. Die Familie erwarb ein kleines Heimwesen in Wallisellen mit etwas Bauernwirtschaft. Für den Lebensunterhalt musste alle tüchtig mithelfen. Der erste Vormund der Kinder war ein Schnapstrinker und Müssiggänger. Er wurde abgelöst durch den damals kaum bekannt Advokaten Ludwig Forrer (1845-1922), dem späteren Bundesrat. 1886 heiratete die Mutter ihre Jugendliebe, Adrian Widmer aus Seen. So ergab sich wieder eine zufriedene Familie, da der Stiefvater die Kinder liebte, wie wenn es seine eigenen gewesen wären. Nur die häufige Krankheit der Mutter machten Sorgen.

Die Schule hatte Else von Anfang an gehasst. Ihr beträchtliches Wissen hatte sie sich später und freiwillig im Selbststudium angeeignet. Um Mitzuhelfen den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen nahm sie verschiedene Stellen in Papierhandlungen und im Hotelgewerbe an. 1904 bekam sie eine Stelle im Druckereibüro des Verlages Jean Frey. Damals begann sie auch Berichte für verschiedene Landzeitungen zu schreiben. 1908 verstarb der Stiefvater und ein Jahr später ihre Schwägerin. Diese hinterlies vier Kinder für die der Vater, Elses Bruder, nicht aufkommen konnte. Mutter und Tochter Spiller übernahmen diese Kinder im Alter von vier bis elf Jahren und hatten wieder eine Grossfamilie, deren Unterhalt sie wieder hart forderten.

Foto: Archiv zur Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung, Gosteli-Stiftung, Worblaufen.

Beruflich war Else erfolgreich. Sie schrieb für die NZZ sozial-politische Reportagen und wurde 1911 als erste Redaktorin einer politischen Zeitung, der „Schweizerischen Wochenzeitung“ und der „Schweizer Hauszeitung“ angestellt. Sie machte Reisen durch Europa und berichtete aus den Slums moderner Grossstädte. Sie konnte sich fortan nur noch dem Journalismus widmen und mit dem grösseren Einkommen besser helfen, die Familie durchzubringen.

Durch einen Zufall lernte Else Spiller an einem Vortragsabend Nationalrat Eduard Sulzer-Zieger (1854-1913) kennen, der in der Sulzer Winterthur eine der ersten Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter geschaffen hatte. Später folgten viele Diskussionen über Arbeiterfragen. Diese weckten bei ihr das politische Interesse und förderte ihn Verständnis für diese Probleme. Sulzer war es auch, der ihr das Geld vorstreckte, um 1911 in Kilchberg ein eigenes Haus zu bauen.

Else Spiller hatte früh die Schattenseiten des Lebens kennen gelernt und so traten soziale Fragen in ihren Artikeln aber auch im Leben immer mehr in den Vordergrund. Tief beeindruckt war sie von der Arbeit der Heilsarmee, deren Pressedienst sie übernahm. Else Spiller wollte mit ihrer Arbeit nicht nur erzählen, sondern wachrütteln. Sie forderte nicht Mitleid, sondern Verantwortungsgefühl, Gerechtigkeit und Menschenliebe.

In Kopenhagen hatte Spiller den Anlass „Kinderhilfstag“ kennen gelernt. Es gelang ihr zusammen mit Frau Professor Frieda Haab-Sidler, mit der sie anschliessend eine tiefe Freundschaft pflegte, den ersten Zürcher Kinderhilfstag (11.06.1911)zu organisieren. 142’000 Franken Reinertrag wurden erwirtschaftet. 1913 wurde er wiederholt und wieder wurden 140'000 Franken verdient. Else Spiller hatte sich als Journalistin, als Rednerin und als Organisatorin der Kinderhilfstage einen Namen gemacht.

SVV

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 gab ihrem Leben eine Wende. Das Leben der Soldaten mit Unordnung, Drill und kalten Unterkünften trieb diese zum Alkohol. Spiller nahm dies nicht hin. Unter ihrer Leitung entstanden in der Zeit des ersten Weltkrieges in der Schweiz ungefähr 700 alkoholfreie Orte, wo die Soldaten ihre Freizeit verbringen konnten. Sie gründete dazu den „Schweizer Verband Soldatenwohl“. Ziel war es, die Schweizer Soldaten mit preiswerter und gesunder Kost zu versorgen. Aus den anfangs belächelten „frauenzimmerlichen Plänen“ war eine das ganze Land umfassende Organisation geworden. Was Else Spiller im kleinen improvisiert begonnen hatte, wurde nun im Grossen geplant.

1919 lernte Else Spiller Dr. med. Ernst Züblin (*1876) auf einer Amerikareise kennen. Als er 1920 in die Schweiz zurückkehrte, heirateten sie. Züblin arbeitete nach verschiedenen Stationen als Spital- und Sanatoriumsleiter als Facharzt für Herz- und Lungenkrankheiten in Zürich. Else Züblins Mutter besorgte bis zu ihrem Tod 1924 den Haushalt und nahm der Tochter die täglichen Arbeiten ab. Dann übernahm die Nichte Marie diese Aufgabe, damit die Tante weiterhin für ihr Werk arbeiten konnte. Später haben die Züblins Marie adoptiert.

Nach dem Krieg engagierte sie sich auch für die Arbeiterinnen in Winterthur und Umgebung. Der „Schweizer Verband Soldatenwohl“ entwickelte sich schnell. Er richtete in Fabriken und Schreibstuben unter der Leitung von Züblins alkoholfreie Kantinen nach dem Vorbild der Soldatenstuben ein. Züblin stelle Regeln auf wie diese Kantinen zu führen waren und vor allem kämpfte sie für die Pflicht, dass der Arbeitgeber sich an den Kosten beteiligte. Am 12. Januar 1918 konnte die erste Arbeiterstube nach diesen neuen Regeln in der Maschinenfabrik Gebr. Bühler in Uzwil eröffnet werden.

SVV

Wie bei den Soldatenstuben war es auch bei den Arbeiterkantinen Züblins anliegen, dass diese alkoholfrei geführt werden. Für jene Zeit war das keine Selbstverständlichkeit. Die Fabrikinhaber befürchteten Boykotte von Arbeitern und Auftraggebern. Tatsächlich machte die Brauerei Haldengut eine grössere Bestellung bei Gebr. Bühler rückgängig, weil diese eine alkoholfreie Arbeiterstube eingerichtet hatte. Else Züblin sprach bei Direktor Fritz Schoellhorn vor, sich bewusst, dass sie eine ganz schwierige Sache durchzufechten habe. Es gelang ihr aber Schoellhorn von dieser Notwenigkeit zu überzeugen. Sie konnte sich in Freundschaft von ihm verabschieden.

Ab 1920 organisierte sich der „Schweizer Verband Soldatenwohl“ als Verein und nannte sich neu „Schweizer Verband Volksdienst“. 1973 erfolgte die Umbenennung in SV-Service Schweizer Verband Volksdienst, die Rechtsform eines Vereins wurde beibehalten (ab 1999 wurde eine AG errichtet). Schwerpunkt blieb die Führung von Personalrestaurants. SV Group führt heute rund 500 Betriebe in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich. Das Geheimnis des Erfolgs liegt darin, dass der SV keinen Aufwand scheut, die qualitativen und quantitativen Ansprüche der Kunden zu erfüllen. Und dabei wird auch immer auf die Umwelt und die Schonung der Ressourcen geachtet. Den Vorgaben der Gründerin wird also weiterhin nachgelebt.

Für ihre Verdienste wurde Züblin-Spiller von der Universität Zürich zu ihrem 60. Geburtstag 1941 mit einem Ehrendoktorat dekoriert. Sie verstarb am 11. April 1948.

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