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Winterthurer Ereignisse in den 1980er-Jahren


Die sogenannten „Winterthurer Ereignisse“ in der ersten Zeit der 1980er-Jahre war auf allen Seiten und Ebenen eine sehr emotionale Epoche der jüngeren Winterthurer Geschichte. In der Bewältigung der Auswüchse schrieb sich die Winterthurer Justiz kein Ruhmesblatt.

Bild: winbib

Die alternative Jugendszene hatte sich anfangs der 1980er-Jahre auch in Winterthur bemerkbar gemacht. Nach dem sich in Zürich im Opernhauskrawall die Jugend gegen die Kulturpolitik des Establishments (60 Millionen für die Renovation des Opernhauses, aber kein autonomes Jugendzentrum) aufgelehnt hatte, schwappte die Protestwelle auch in die Eulachstadt. Der Auslöser in Winterthur war aber ein ganz anderer. Der zündende Funke war eine Waffenausstellung. In der Eulachhalle fand 1981 eine Waffenschau unter dem Namen „W81“ statt. Friedensaktivisten riefen zum Protest auf. 2500 Personen kamen und bildeten einen Menschenteppich, der den Zugang zur Ausstellung verhinderte. Die Polizei trat auf den Plan und eine aus bürgerlichen Kreisen gebildete Bürgerwehr setzte einen Jauchewagen ein, mit dem die Protestierenden bespritzt wurden.

1984 SI: Bild Andreas Wolfensberger

Die Bezirksanwaltschaft konnte die Missetäter nicht ermitteln, obwohl die Polizei vor Ort war und zugeschaut hatte! In der Folge eskalierte das Geschehen. Einige Chaoten steigerten sich in eine Reihe von Farb-, Brand- und Sprengstoffanschläge. Nachdem die Bezirksanwaltschaft die Fahrer eines Jauchewagens, der von ausserhalb des Stadtgebietes zur Eulachhalle und zurück gefahren ist, nicht ermitteln konnte, gelang es in einer Verhaftungswelle innerhalb der Jugendszene Winterthurs die mutmasslichen Täter aus der Jugendszene zu finden. Gegen 30 Jugendliche wurden verhaftet und zum Teil über längere Zeit eingesperrt. Der Kunstmaler Aleks Weber und seine Freundin, die sich in der nämlichen WG bewegten, wurden als Haupttäter bezeichnet. Während Webers Freundin Gabi diesen Belastungen nicht gewachsen war und in ihrer Zelle Selbstmord beging, konnte Weber in seiner bewegenden Malerei Zuflucht finden. Seine Verurteilung zu acht Jahren Zuchthaus am 15. September 1986 wurde durch das Kassationsgericht wegen willkürlicher Beweisführung 1987 aufgehoben. 1989 kam das Obergericht wieder zu einem anderen Urteil. Das Strafmass von vier Jahren wurde aber so angesetzt, dass es durch die Untersuchungshaft abgedeckt wurde. (sic!)

SI-Bild: Andreas Wolfenberger

winterthur-glossar zitiert aus einem NZZ-Artikel vom 5. April 2002, der zum Film „Verhör und Tod in Winterthur“ erschienen ist:

«Wir», das waren die «Wintis», wie sie sich selber nannten, eine Gruppe zorniger Jugendlicher, die das Bürgertum (das «System», wie es im Jargon hiess) provozieren wollten. Es ist anzunehmen, dass einige von ihnen sowie von andern gleich gesinnten Gruppierungen tatsächlich die Absicht hatten, den Staat zu unterhöhlen und eine wie auch immer revolutionäre Umwälzung in Gang zu setzen. Jedenfalls gewannen die aggressiven Aktionen eine gewisse Eigendynamik, die schliesslich darin gipfelte, dass dem damaligen Bundesrat Rudolf Friedrich eine selbst gebastelte Bombe aufs Fenstersims seines Hauses gelegt wurde.

Die Reaktion der Behörden war äusserst scharf. Im Rahmen einer grossen Polizeiaktion wurden 27 Jugendliche verhaftet, darunter auch solche, denen nur geringfügige Vergehen nachgewiesen werden konnten - auch diese wurden jedoch über Gebühr lange in Einzelhaft gehalten, da die Polizei nach den Namen der wahren Drahtzieher suchte. Gabi, die lediglich einen Farbbeutel gegen eine Kirchenmauer geworfen hatte, nahm sich nach einem stundenlangen Verhör während der Haft das Leben. Ihr Freund, der Kunstmaler Aleks Weber, wurde nach einem Indizienprozess als Haupttäter zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, nach drei Jahren aber wegen Verfahrensfehlern freigelassen. Er starb im Jahre 1994.“

Ein weiteres Zitat aus » tageszeitung taz gibt einen Eindruck, wie sich jene Zeit darstellte:

„Nach einem Sprengstoffattentat auf das Haus von Justizminister Rudolf Friedrich und einer Serie von Farb- und Brandanschlägen reagierte die Winterthurer Polizei im November 1984 mit einer breit angelegten Verhaftungsaktion in der Jugendszene. Die Folge war eine Welle der Repression durch eine verselbständigte Verwaltung, wie sie in der Schweiz nicht möglich sein sollte. Isolationshaft, der Selbstmord einer jungen Frau nach einem siebenstündigen Verhör, von dem nur gerade fünf Seiten Protokoll existieren, der Suizid eines leitenden Ermittlers der Bundespolizei, ein anonymer Brief, die polizeiliche Überwachung des Autors Erich Schmid und vieles andere erzeugten ein Klima, das bis heute nachwirkt.

«Und doch ist es kaum zu glauben, dass es wahr ist. Dass eine 23-jährige Frau in den Selbstmord getrieben wird, weil sie einen Jogurtbecher voller Farbe an eine frisch renovierte Kirchenwand geschmissen hat.

Erich Schmid verlor nach den Recherchen in Winterthur seinen langjährigen Reporterjob beim «Tages-Anzeiger» und macht seither Filme, u.a. «Er nannte sich Surava» und «Meier 19».

Vergangenheitsbewältigung

Später beruhigte sich die Situation und beim Normalbürger traten die Erinnerungen der damaligen Ereignisse bald in Vergessenheit. Um die Schicksale der Betroffenen hüben und drüben kümmerte sich niemand. Jahre später mussten auch involvierte Personen zugeben, dass zu jener Zeit der Kalten-Krieg-Hysterie völlig unverhältnismässig vorgegangen und geurteilt worden ist.

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