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Winturm


„Ein grosser turn, genempt der winturn“ sei auf dem Heiligberg gestanden, heisst es in einer alten Chronik. Andernorts ist vom „Windturm“ und vom „Winturm“ die Rede. Im Gegensatz zum späteren „Wintower“, wie das Sulzer-Hochhaus eine zeitlang genannt wurde, bleibt der genaue Standort der Kyburger Wehrburg unbekannt. Denn diese soll schon 1264 geschleift worden sein. Nach deren Überreste wurde schon verschiedentlich gesucht, das letzte Mal vor wenigen Jahren.

Dass im Mittelalter am Heiligberg eine Burg oder burgähnliche Anlage gestanden haben muss, gilt als erwiesen. Eine solche wird verschiedentlich in überlieferten Urkunden und Dokumenten erwähnt. So im Stadtrechtsbrief von 1264, wo von einem „castrum quondam super monte“, einer ehemaligen Burg auf dem Hügel die Rede ist. Ehemalig, weil diese offenbar kurz vor der Stadtrechtsverleihung durch Rudolf von Habsburg von aufgebrachten Bürgern in Schutt und Asche gelegt worden war. „Es ist ein grosser turn nebent dem Heiligenberg gestannden uff der bühelwisen, genempt der Winturn ...“ schreibt Anfang des 16. Jahrhunderts der Chronist Laurentius Bosshart. Ganz in der Nähe sei zudem „ein schloss und mechtige vesti“ gestanden. Beide Gebäude seien geschliffen und deren Steine für den Bau von „Hüser am Marckt“ verwendet worden. Gemeint sind damit Gebäude in der heutigen Altstadt.

Was Grösse und Aussehen des Winturms betrifft, kann nur spekuliert werden. Während Chronist Bosshart nur von einem „turn“ schreibt, ist andernorts von einer grösseren Anlage mit Vorburg die Rede. Fest steht, dass das Gebäude ursprünglich als befestigter Wehrturm militärischen Zwecken gedient haben muss. Er gehörte wohl zu einer Verteidigungsanlage, die auch eine Burganlage auf dem Gamser auf dem Eschenberg und einer solchen gegenüber der Kemptmündung in die Töss umfasste. Später wurde der Winturm zum Verwaltungssitz von Vertretern der Kyburger Grafen, denen die Stadt ja damals gehörte. So auch einer Familie „von Wintertur“, einem Geschlecht, das den Kyburgern lange als Verwalter und Statthalter diente und in Dokumenten aus dem 13. Jahrhundert häufig erwähnt wird. Das erklärt auch, warum der Turm als Herrschaftssymbol während des Aufstands von 1264 dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Archivbilder: Lb

Mit der Zerstörung der Baute ging aber auch das Wissen um den genauen Standort verloren. Während die einen ihn unterhalb des heutigen Schulhauses, auf der ehemaligen Hochwacht, vermuteten, war in den sechziger Jahren der Historiker und Stadtbibliothekar Emmanuel Dejung überzeugt, dass er auf der Büelwiese gestanden haben müsse, eine überwachsene Erhöhung sei dort „heute noch sichtbar“, wie er in einem Aufsatz in der Reihe „Kunstdenkmäler der Schweiz“ schrieb.

Nach dem verlorenen Turm bzw. seinen Spuren wurde verschiedentlich gesucht. Im Hinblick auf das 700-Jahr-Jubiläum der Stadt, wurden 1963 im Büelpark eine Reihe von Sondiergrabungen gemacht, in der Hoffnung, auf die Winturm-Fundamente zu stossen. Die Suche verlief ergebnislos. Ausser einigen Keramikresten und einem Haufen Bauschutt, der vom Bau der Villa Büel stammen musste, wurde nichts gefunden. Das Fazit der Archäologen war entsprechend ernüchternd: „ Auf dem Büel kann keine Burg oder Wohnturm gestanden haben“, steht in ihrem Schlussbericht. Es sei undenkbar, dass ein Gebäude dermassen vollständig geschleift worden sei, dass weder Spuren von Gräben noch geringste Reste von Baumaterialien geblieben wären.

Bild: Stefan Schaufelberger

Anfang 2001 erschien im „Landboten“ ein längerer Beitrag zur Geschichte des „verlorenen Turms“, aufgrund dessen die Suche nach dessen Überreste wieder lanciert wurde. Auf den Vorschlag eines Lesers, organisierte der betreffende Lokalredaktor eine Gruppe von Geomanten, die einen Tag lang mit ihren Pendeln durch die in Frage kommende Gegend im und um den Büelpark streifte. Tatsächlich schlugen deren Instrumente übereinstimmend an vier verschiedenen Orten aus. Aus Kostengründen musste auf eine Bestätigung durch Grabungen oder anderen Mitteln zunächst verzichtet werden. Bis 2007, als sich Ingenieur Edi Meier bereit erklärte, unentgeltlich und mithilfe einiger Sekundarschüler die Büelwiese mit einem Georadar abzusuchen.

Sein Gerät zeigte denn auch mögliche Gebäudereste unterhalb der Erdoberfläche an, just an einem der Orte, an denen sechs Jahre zuvor die Pendler fündig geworden waren. Jetzt zeigte auch die Kantonsarchäologie Interesse und veranlasste eine eingehendere Suche nach möglichen Informationen in verschiedenen Archivschriften. Dank eines Beitrags der Giuseppe-Kaiser-Stiftung und der Stadt konnte 2009 eine spezialisierte deutsche Firma für eine eingehendere, mehrtägige Suche mit High-Tech-Geräten verpflichtet werden. Diese fand denn auch verschiedene Spuren und mögliche Gebäudereste in bis zu sechs Metern Tiefe. Diese waren jedoch vermutlich neueren Datums. Ein eindeutiger Nachweis für den Winturm-Standort gab es nicht.

Dass es eine Art Burganlage auf oder neben dem Heiligberg gegeben haben muss, daran scheint es inzwischen wenig Zweifel zu geben. Die Frage ist und bleibt jedoch: wo genau?

Text von Jean-Pierre Gubler

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