w i n t e r t h u r - g l o s s a r . c h


Adlergarten

1968

Gärtnerstr. 1

8400 Winterthur


Das Alters- und Pflegeheim Adlergarten liegt am Rande der Altstadt in einer historischen Parkanlage. Eingebettet in diese Gartenanlagen sind die historischen Gebäude Pavillon und Villa, wo sich das Altersheim und die Tagesklinik befindet. Gegenüber, am nördlichen Parkrand, ist das Pflegeheim in einem 1969 errichteten und 1974 erweiterten Bau untergebracht. Nach einer Totalsanierung wurde das Alterszentrum Adlergarten 2015 mit 167 Plätzen wieder in Betriebgenommen.

Der Adlergarten gehörte zum „Adlerhof“ am Obertor (heute Obertor 17 Haus zum Adler), einem kyburgischen Erblehen. Seit Beginn des 17. Jhdt. war er im Besitz der Familie Sulzer „Zum Adler“. Johann Jakob Sulzer (1773 bis 1840), Sohn des Arztes und Grossrates Hans Heinrich Sulzer, arrondierte 1802 bis 1811 den Besitz und legte darauf, unter Mitwirkung des seit 1785 auf dem Bühl ansässigen französischen Arztes de Clairville (1742-1830), einen schönen Park mit zum Teil seltenen Bäumen an. Er taufte ihn „Adlergarten“ und pflegte ihn sorgfältig. 1822/23 baute er den klassizistischen Pavillon, welcher der Familie in der warmen Jahreszeit als Tagesaufenthalt diente. Sulzer betrieb auf dem Schleifeareal ein Rotfärbereigeschäft und wohnte im Haus zum Adler. Der Pavillon war die Sommerresidenz. Da er ganz in der Nähe der Fabrik stand, hatte er in der Mittags- und Zabigzeit nicht weit zu gehen, um die freien Stunden mit der Familie zu verbringen. Sulzers hatten fünf Kinder, wovon aber nur zwei das Kindesalter überschreiten konnten. Das waren die Tochter Verena, *1801, spätere Frau Künzli und der Sohn Johann Heinrich, 1805-1876.

Die Gartenanlage war der ganze Stolz des Besitzers. Er führte jeweils seine Gäste dort herum, bevor er sie im grossartigen Kuppelsaal des Pavillon zu Tische bat.

Das Glück dauerte aber nicht lange. 1833 geriet Sulzers Fabrik in der Schleife in den Konkurs und das Gut kam in den Besitz von Dieter Emanuel Haggenmacher (1795-1862), damals Lehenmüller in Töss. Er ersteigerte das Landgut am 3. Juli 1833 für etwa 52'000 Franken. Sulzer zog mit seiner Frau zur Tochter in den Roten Löwen an der Stadthausstr. 133. Der Sohn ging nach Aadorf und startete mit einer neuen Rotfärberei, die er zu grosser Blüte brachte.

Haggenmachers Ziel war, aus dem Adlergarten ein Kaffee- und Speisewirtshaus zu machen. Dazu baute er 1834/35 das Hauptgebäude mit dem Namen „Hotel de la Fortuna“. Als Baumaterial verwendete er das Material der ehemaligen Fabrik, die er an der Gant ebenso erworben hatte. Der Architekt war ein Herr Verklär. Im Parterre entstanden nebst einer Veranda, Säle für Bälle und andere Anlässe und ein Billardsaal. Im ersten Stock befand sich das Restaurant und darüber die Fremdenzimmer. Die Räume waren bunt austapeziert oder mit allerlei Sujets bemalt. Im Garten fehlte natürlich auch der Kinderspielplatz nicht.

Am 10. Juli 1835 war Eröffnung. Der Aufenthalt ausserhalb der Stadtmauer im schönen, schattigen Park war sehr beliebt. Er brachte die erwünschte Luftveränderung und das Angebot der Schottenkuren halfen mit, die „Fortuna“ als guten Gasthof und Kuranstalt berühmt zu machen. Vor allem am Sonntag strömte die „schöne Welt“ in den Adlergarten um in den Anlagen zu speisen und das Neueste auszutauschen. 1936 entstand das Ökonomiegebäude mit Wohnung, Scheune und Stallungen. 1838 folgte das Waschhäuschen (heute Orangerie). Haggenmacher betrieb das Gut im grossen Stil, organisierte Bälle und Theateraufführungen, beherbergte 1839 den Pseudografen Normann, das Vorbild zu Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“, und führte 1841 sogar das Eidgenössische Sängerfest durch.

Aber auch Haggenmacher konnte sich nicht halten. Im Mai 1843 musste er Konkurs anmelden. Das Gut ging an frühere Geldgeber aus Basel. Sie hatten mit ihrem neuen Besitz nur Ärger und Verdruss, da es schwierig war, das Gut zu vermieten. Schliesslich konnten sie den ganzen Besitz an Heinrich Sulzer-Graf verkaufen. Dieser richtet im Parterre eine Jacquardweberei ein. Im 1. Stock befand sich das Lager und die Wohnung. Im 2. Stock wurde bis 1884 ein Töchterpensionat betrieben. Aber auch Sulzer-Graf scheiterte und ging bereits nach einem Jahr (19. August 1851) bankrott. Er war nun der dritte hintereinander, dem der Adlergarten kein Glück brachte. Der neue Besitzer war der Fabrikant Salomon Sulzer-Sulzer (1809-1869, Gründer der Gebr. Sulzer AG zusammen mit Bruder Johann Jakob Sulzer-Hirzel). Seine Frau war eine Schwester von Sulzer-Graf. Deswegen hatte Sulzer-Sulzer bereits Darlehengelder im „Adelgarten“ investiert. Mit der Übername konnte er dieses retten. Die Übernahme erfolgte per 15. Dezember 1851. Die Liegenschaften blieben nun lange Zeit im Besitz der Fabrikantenfamilie Sulzer und diente ihnen als Wohnsitz. Salomon Sulzer-Sulzer hatte bis zu diesem Wohnortwechsel zusammen mit seinen Eltern und dem Bruder Johann Jakob Sulzer-Hirzel im alten Giessereiwohnhaus an der Zürcherstrasse gewohnt.

Salomon Sulzer (1.10.1809-31.01.1869) und Susanne Elisabeth Sulzer (28.06.1818-19.07.1879), eine Cousine zweiten Grades, heirateten 1838. Sie hatten zehn Kinder, aber nur sechs überlebten. Mit den Eltern zogen Anna-Katharina (spätere Frau Koller) 1841-1927, Anna Elisabetha (Else, 1849-1935) und Julia (spätere Frau Bryner, 1851-19269 ins neue Haus. Die Familie wohnte zuerst im Parterre, bis nach einigen Änderungen in den 1. Stock gezogen werden konnte. Der Rest des Hauses wurde vermietet. Auch als die Kinderschar grösser wurde, blieb es bei diesem Wohnraum. Im Herbst kam Maria Katharina (spätere Frau Leumann), 1852-1946 zu Welt. Es folgten Mathilde 1854-1858, Johann Jakob Sulzer-Imhoof 1855-1922 und schliesslich Heinrich August Sulzer-Bühler 1859-1904.

Im Jahre 1856 erbaute Salomon Sulzer am östlichen Rande des Gutes eine Kapelle. Diese hatte einen richtigen Glockenturm mit Glöckchen und vier Fenster mit Spitzbogenscheiben aus farbigem Glas.

Rund um den Adlergarten wurde das Strassennetz ausgebaut. So war noch zu Haggenmacher Zeiten die Tösstalstrasse entstanden. Bei der Geiselweidstrasse (heute St. Gallerstrasse) kam es zu Schwierigkeiten. Salomon Sulzer, 1867 nicht bei bester Gesundheit weigerte sich Land abzutreten. 1874/75 wurde die Palmstrasse zu einer richtigen Strasse ausgebaut und mit einer nach rechts gerichteten Abkröpfung durch das Adlergarten-Gelände in die Tösstalstrasse geführt.

Nach dem Tode ihres Vaters Salomon 1869 und der Mutter Susanne 1879 übernahmen die vier Geschwister Julie, Else, Jakob und August den Adlergarten gemeinsam. Die Schwestern Anna Catherina und Maria Katharina wurden ausbezahlt. Bis 1884 blieb alles beim alten. Jakob heiratete Lucie Imhoof (07.07.1864-18.03.1944). Für ihn wurde die Wohnung im zweiten Stock hergerichtet. Nach 35 Jahren musste dort das Mädchen-Pensionat weichen.

Am 7. Juni 1887 heiratete August Fanny Cornelia Bühler (1865-1948). Seine Schwestern zogen nun ins Parterre und das junge Paar zog in den ersten Stock. Eine grosse Kinderschar der beiden Ehepaare belebten Haus und Garten bald aufs Neue. 1894 zog Jakob ins grossväterliche Gut seiner Frau, ins Bühl. August Sulzer, als Jünster, übernahm nun den Adlergarten. Es folgten noch verschiedenste Umzüge und Wohnungswechsel. 1900 zogen die Schwestern Julie Bryner und Else Sulzer in ihr neues Heim „Villa Erica“ an der Seidenstrasse 14. Ab 1897 reifte der Plan, das Anwesen für den alleinigen Gebrauch der Familie August Sulzer-Bühler umzubauen.

Heinrich August Sulzer (1859-1904) und dessen Gattin Fanny Cornelia Sulzer-Bühler (1865-1948) wurden die nächsten und letzten privaten Besitzer. Sie bauten 1900/01 das Hauptgebäude um (Architekten Jung & Bridler). Nach dem frühen Tode ihres Mannes (1904) führte Fanny Sulzer-Bühler das grosse Haus und den schönen Park alleine mit ihren Kindern und machte eigentlich den Adlergarten zu dem, was heute noch seinen guten Ruf in Winterthur begründet. 1947 verkauft sie das ganze Gut an die Stadt. Der Park wurde öffentlich und es wurde darin ein Altersheim eingerichtet (Eröffnung 1954).

Der "Kleine Adlergarten"

Neben dem ehemaligen Villen-Gebäude steht der „Kleine Adlergarten“. Bis 1965 diente er der Stadtgärtnerei als Revierdepot und der Umschwung dem Schulamt als Schülergarten. 1968/69 wurde das Gebäude zur Dependance für das Altersheim umgebaut. Nachdem im Jahre 1990 das Altersheimgebäude saniert und umgebaut worden ist, diente der Kleine Adlergarten als Wohnraum für Angestellte, später auch als Asylanten-Unterkunft. 1993/94 wurde das Haus definitiv zum Wohnhaus umgenutzt. 16 Wohnungstypen von 1-Zimmer-Wohnungen bis zu einer 4 ½ Zimmer-wohnung wurden für einen Kredit von 3,2 Mio. Franken eingerichtet. Sie können variabel als Alters- und Personalwohnungen benützt werden.

Neubau des Alterszentrum Adlergarten

Bemerkenswert ist vor allem die Gesamtanlage, welche Richard Zürcher als „bedeutendste Schöpfung des Spätklassizismus in Winterthur“ charakterisierte (Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 27). Die sorgfältig renovierte Gebäudegruppe Pavillon, Herrenhaus, Orangerie und Ökonomiegebäude säumt in aufgelockerter Symmetrie den Südrand des über zwei Hektaren messenden Parkes, dessen Nord- und Westseite heute durch die Neubauten des Krankenheims geschlossen werden. So entstand ein funktionstüchtiges, spannungsvolles Gegenüber von neu und alt.

Der Neubau des Pflegeheimes (Architekten Bosshardt, Bremi und Steiner) wurde 1968 mit 140 Betten sehr rücksichtsvoll in diese Parklandschaft gestellt. Die Gebäulichkeiten wirken integriert und stellen einen harmonievollen Kontrast zwischen Alt und Neu dar. Das trifft vollumfänglich auch auf die Erweiterung (Anbau) um 100 Betten zu, die 1976 in Betrieb genommen wurde.

Total-Sanierung

Das noch als Pflegeheim in den Jahren 1964 bis 1968 durch die Architekten Bosshardt, Bremi und Steiner erstellt Pflegeheim -1974-1976 durch Anbau erweitert- war mit seiner spitalähnlichen Struktur in die Jahre gekommen. Auch das Raumangebot entsprach nicht mehr den Bedürfnissen der heutigen Alterspflege. Ab 2007 wurde ein Sanierungskonzept ausgearbeitet. Zuvor wurde auf der westlichen Parkseite ein zickzackförmiges Provisorium mit Platz für 150 Betten erstellt. Am 21. und 22. November war Zügeltag und am 1. Februar 2013 Baubeginn. Das umgebaute „neue“ Haus wurde ab 14. April 2015 bezogen und das Provisorium geräumt. Anschliessend dient es als Provisorium für das private Alterszentrum Wiesengrund, das ebenfalls saniert werden soll.

Während an der Gebäudehülle kaum etwas verändert wurde -1998 hatte eine Aussenfassade-Renovation stattgefunden- blieb im Innern kein Stein auf dem andern. Nach einem Wettbewerb stand diese Gesamtsanierung unter der Leitung der Architekten Itten + Brechbühl zusammen mit dem Totalunternehmer Steiner und den Landschaftsarchitekten vetschpartner, alle aus Zürich. Der beantragte Baukredit betrug 58‘660‘000.00 Franken.

Die Bauaufgabe war das wuchtige, an ein Spital erinnernde Hauptgebäude mit einem Erdgeschoss und sieben Obergeschossen zu erneuern und die düstere Atmosphäre im Inneren aufzuwerten. Dazu wurde die Bausubstanz bis auf die Grundstruktur zurückgebaut und innerhalb der bestehenden Gebäudehülle umfassend saniert. Dank der Fernwärme und einer optimierten neuen Gebäudetechnik wird der Minergie-Standard für Umbauten -ohne eine Dämmung der gesamten Gebäudehülle- erreicht.

Der Eingangsbereich mit Empfang und Lounge sowie die südseitige Cafeteria mit dem Restaurant nebenan konnten deutlich aufgewertet werden. An sonnigen Tagen erweitern sich die Sitzplätze draussen auf der Terrasse bis zum bestehenden Wasserbecken. Das öffentliche Erdgeschoss mit Terrazzoboden lädt mit verschiedenen Treffpunkten zum Aufenthalt ein und der neu eingeschobene, verglaste Aussenbereich mit Bambusgarten bringt mehr Tageslicht ins Gebäude. Die moderne Kücheninfrastruktur findet auf verkleinerter Fläche ihren Platz.

In den Obergeschossen sollten die Raumaufteilungen und deren Gestaltung den heutigen Anforderungen an ein modernes Alterszentrum angepasst werden. Neu gibt es im Haus nur noch Einzel- und Zweierzimmer mit eigenen behindertengerechten Nasszellen.

Bereits im Gesamtleistungswettbewerb legten Itten + Brechbühl einen Schwerpunkt auf innenarchitektonische Themen, die Materialisierung und Farbgestaltung. Das Konzept zur Innenarchitektur für die sechs Wohngruppen im 2. bis 7. Obergeschoss und die Abteilung für Menschen mit Demenz wurde von der GREGO Architektur GmbH erarbeitet. Die Architekten schufen in den Bettengeschossen hellere, offenere Gemeinschaftsbereiche - von Fassade zu Fassade ¬mit Küchenzeile und Esstischen. Die Korridorlängen werden durch die unterschiedlichen Aufenthaltsbereiche, bei denen Flur und Räume ineinanderfliessen, verringert.

Die Wohngruppe für Menschen mit Demenz bietet insgesamt 26 Betten an. Der längliche Balkon vor den Zweibettzimmern führt in den neu angelegten, geschützten Garten mit den speziellen Rundwegen um Baumgruppen, der sich im stimmungsvollen Park mit einem schönen, alten Baumbestand erweitert. In Anlehnung an die elliptische Form zwischen Hauptgebäude und Pavillon sind die neu gestalteten Rundgänge ebenfalls Ellipsen. Beim Spaziergang oder auf den Parkbänken im Dementengarten ist das aufmunternde Vogelgezwitscher und der beruhigende Glockenklang vom Geisbockgehege zu hören, eher aus der Ferne mischen sich städtische Geräusche dazu. Der attraktive Aussenraum ermöglicht jahreszeitliche Sinneseindrücke und ergänzt das Raumangebot für die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenzerkrankung ideal.

Als Quellen für diese Texte (historischer Teil) dienten dem Verfasser ein Aufsatz von ehemaligen Stadtbaumeister Karl Keller und das Buch "Erinnerungen" von Fanny C. Sulzer-Bühler.

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