w i n t e r t h u r - g l o s s a r . c h


Bäumli, Goldenberg

Sun Jan 27 00:00:00 UTC 1929

Goldenberg Restaurant

Familien Erni und Graf

Süsenbergstr. 17

8400 Winterthur

052 242 02 02


Die Bäumli-Terrasse und der Garten des Restaurants Goldenberg sind die eigentlichen Aussichtsplattformen Winterthurs. Von diesen Standorten aus kann man gut erkennen, warum Winterthur die Gartenstadt genannt wird. Der Rundblick über fast die ganze Stadt zeigt den grossen Baum- und Grünflächenbestand in seiner ganzen Grösse.

Panorama von Vistapic

Bild: Bildersammlung Siegfried Schlesiger

Die Wirtschaft «zum Bäumli»

Das «Bäumli» auf dem südöstlichen Sporn des Lindbergs war und ist ein besonderer Ort. Der Name kam von dem, vor dem Waldrand stehenden, einzelnen Lindenbaum. Der Ratsschreiber und Schriftsteller Ulrich Hegner (1759-1840) notierte um 1830 in sein Tagebuch: «Die Gedanken erheben sich auf der Lindberghöhe leichter». Es war naheliegend, dass an diesem Aussichtspunkt der Landbesitzer Melchior Ehrensperger 1868 laut Baugesuch ein «Wohnhaus mit Wirtschaft» erstellen liess. Von 1871 bis 1874 wirtete Johannes Knecht, welcher auch eine Speisewirtschaft am Untertor betrieb, auf dem Bäumli. Dieser empfahl in einem Inserat im «Landboten» neben dem «Stadtbergler» einen «recht guten Sauser» und «bengalische Beleuchtung auf dem Heimweg». Im Winterthurer Adress- und Geschäftsbuch von 1872 heisst es: «Das neben dem Wirtshaus liegende Plateau mit Ruhebänken gewährt den lieblichsten Überblick über die Stadt und eine freie Aussicht ins Thurgau und in die St. Galler, Appenzeller und Glarner Hochgebirge». 1879 wurde nördlich des Wirtshauses ein Ökonomiegebäude erstellt. Dazu kam eine Waldschenke mit einer gedeckten Kegelbahn. Die erste grosse Blütezeit erlebte das «Bäumli» unter der Wirtin Lisette Grünig, später verheiratete Raaske-Grünig.

Bild: Stadtbibliothek Winterthur

Lisette Raaske-Grünig rühmte 1895 in ihrem Inserat das Lokal als «empfehlenswerten Luftkurort mit gut möblierten Zimmern für kürzeren oder längeren Aufenthalt». Damit auch Abstinenten sich in der Höhenluft stärken konnten, gab es von 1907 bis 1933 auch das zwischen dem «Bäumli» und dem heutigen Restaurant «Goldenberg» gelegene «Kurhaus Süsenberg» mit alkoholfreier Wirtschaft.

1946 beschloss der Grosse Gemeinderat den Ankauf der Bäumli-Liegenschaft für 95‘000 Franken. Die Handänderung konnte aber erst 1948 vollzogen werden, denn die Amerikaner hatten das Objekt als Vermögensbestandteil von Paul Raaske, der Deutscher war, vorsorglich gesperrt. Seit 1946 wurde die Wirtschaft von der Familie Alfred Brunner als Pächter geführt. Das Lokal war schon vorher ziemlich baufällig. Im Saal im 1. Stock durften auf Weisung der Baupolizei keine Tanzveranstaltungen mehr abgehalten werden. Sogar lauter Gesang brachte die Wände zum Wackeln. Der Stadtrat wollte deshalb 1954 ein neues Lokal bauen lassen und schrieb einen Wettbewerb unter sieben ausgewählten Architekten aus. Sieger war Stadtbaumeister P. Trüdinger. Nachdem dieser gebeten worden war, «sein Projekt ein wenig mehr dem bescheidenen Wesen der Winterthurer anzupassen», wurde das Vorhaben eines neuen Wirtshauses auf dem «Bäumli» aufgegeben.

Foto: wintipix.com

1958 hatte nämlich Olga Jäggli-Hartmann die Witwe des 1957 verstorbenen Textilmaschinen-Fabrikanten Max Jäggli, dessen 1928 erbaute Villa «zum Goldenberg» der Stadt für 1,5 Millionen Franken zum Kauf angeboten. Dieser Kaufpreis wurde vom Stadtrat und dem Grossen Gemeinderat, um das Grundstück samt Rebberg im Halte von 18‘000 m2 vor Spekulanten zu retten, genehmigt und zusätzliche 241‘600 Franken für den Umbau zu einer Wirtschaft und 92‘000 Franken für das Mobiliar bewilligt. Das Wirtshaus «zum Bäumli» hatte damit ausgedient. Am 1. Juli 1960 öffnete das Restaurant «Goldenberg» seine Tore, und am 2. August 1960 verabschiedete sich die Familie Brunner vom «Bäumli». Ein Chronist erinnert sich noch an eine ziemlich ausgelassene Kneiperei, bei der nicht nur Vitoduraner mithalfen, das Lokal im Parterre unter Wasser bzw. Bier zu setzen. Das «Bäumli» stand nachher leer und wartete auf den Abbruch. Ende Juli 1961 war es soweit: Das altehrwürdige, morsche Haus wurde dem Erdboden gleichgemacht und die Stadtgärtnerei legte die heutige Parkanlage an.

Das Restaurant Goldenberg

Die durch die Stadt 1958 neu erworbene Villa Goldenberg (erbaut 1928/29, Architekt Lebrecht Völki) wurde in der Folge der Ersatz des Bäumli-Restaurants. Das Haus, an einzigartiger Lage, ist aus grauem Granitstein im Stil des Spätneoklassizismus errichtet. Am zweistöckigen Turmbau sind gegen Westen und Osten einstöckige Kuben angesetzt, die von steilen Walmdächern abgeschlossen werden. Der Sockel erweitert sich zur lang gestreckten Gartenterrasse und wird mit Rundbögen rhythmisiert.

Die Jaeggli-Villa wurde zum Restaurant Goldenberg umgebaut (Eröffnung 1960). Das Bijou ist die lang gezogene Terrasse, heute Gartenwirtschaft, mit der einzigartigen Aussicht auf die Stadt. Die Gartenanlage wurde von den Gebrüdern Mertens gestaltet. Beim ehemaligen „Bäumli“ entstand ein schöner Park, der ebenfalls zum Verweilen und Aussicht geniessen einlädt. Mit dem Villenkauf samt Umschwung konnte aber auch das städtebaulich und in seiner Lage einzigartige Hanggebiet zwischen Lindbergwald und Rychenbergstrasse gesichert und in das Eigentum der Stadt übernommen werden.

Der Goldenberger

Am Lindberghang, direkt unter Bäumli und Restaurant Goldenberg gedeihen Reben und daraus entsteht durch die VOLG Weinkellereien der „Goldenberger“. Ein Rebweg führt von Oberwinterthur direkt durch den Rebberg zum Tössertobel.

Dieser Hangfussweg liegt in mittlerer Lage des Goldenberg-Rebhangs. Er ist eine attraktive Ergänzung des Spazier- und Wanderwegnetzes im Naherholungsgebiet Lindberg und schliesst einerseits an die Wege im Tössertobel, andererseits an die im südlichen Abschnitt ebenfalls als Fussweg bezeichnete Landenbergstrasse an. Dem Spaziergänger und Wanderer wird auf diesem Weg eine schöne und unbehinderte Aussicht auf einen grossen Teil des Stadtgebietes dargeboten. Für den Bau dieses Fussweges wurde im Januar 1981 durch den Grossen Gemeinderat ein Bruttokredit von Fr. 1'780'000.00 bewilligt.

Grossartige Skulptur auf der Bäumliterrasse

Die Toggenburger Unternehmungen haben der Stadt Winterthur 2005 ein Kunstwerk für den öffentlichen Raum geschenkt. Es handelt sich dabei um ein Kunstwerk von Ulrich Rückriem (*1938). Der Künstler hat die Steinskulptur (normannischer Granit) 1995 geschaffen. Ulrich Rückriem zählt zu den bedeutendsten Künstlern unserer Zeit und ist seit 1962 als freier Bildhauer tätig. Er ist seit 1988 Professor an der Städelschule in Frankfurt und lebt und arbeitet in Clonegal (Irland) und in der Normandie.

Die Skulptur steht nun auf der Aussichtsterrasse 'Bäumli', nachdem sie zuvor bei der Klinik Lindberg (anlässlich deren Neubau als Kunst am Bau erworben) der Öffentlichkeit weniger prominent zugänglich war.

Der Beschrieb der Skulptur entnehmen wir einem Text von Adrian Mebold, im Landboten im Mai 2005 anlässlich der offiziellen Übergabe an die Stadt erschienen:

"Der imponierende Felsblock aus Granit wurde in einer ersten Phase in der Horizontalen, auf der Ebene des Sockels, gespalten und in der Vertikalen zwei Mal geschnitten. Anschliessend wurde ein Eckteil weiterbearbeitet und poliert, so dass der Block je nach Standpunkt anders erlebt wird. Einzigartig ist das Spiel des Lichts auf den unterschiedlich gefärbten Oberflächen wie dem oxydierten, rohen Fels und dem polierten Stein. Sehr schön in einer Art Lichtung, am Ende des Bäumli-Parks gesetzt, entfaltet die Rückriem-Skulptur ihre archaische Ausstrahlung nun in einer landschaftlichen Umgebung als Gegenpart zu vertikalen Monumenten im Stadtzentrum."

Die Geschichte des alten Bäumli haben wir einem Aufsatz von Peter Hauser entnommen. Herzlichen Dank.

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