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SP Töss, vor mehr als 150 Jahren gegründet

Sat Feb 18 00:00:00 UTC 1865

Am 18. Februar 1865 wird im Restaurant Hirschen in Töss der Arbeiterverein Töss gegründet. Es war einer der ersten lokalen Arbeitervereine der Schweiz überhaupt und bildet damit eine der Wurzeln der heutigen Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Aus dem Arbeiterverein Töss entstand auch eine der ersten Konsumgenossenschaften, aus denen später der heutige Coop hervorging.

winterthur-glossar.ch publiziert im Folgenden einen Artikel aus der Sonderausgabe „De Tössemer" vom Februar 2015 zum Anlass der Jubiläen „150 Jahre SP Töss“ und „100 Jahre SP Frauen Töss“. Verfasser ist Matthias Erzinger, ehemaliger Redaktor dieser Quartierzeitung.

Bildarchiv Henry Müller

Gründung

Es ist Ende Januar 1865. In Töss hat sich in den Textil-und Maschinenfabriken von Ober- und Niedertöss, aber auch im Tössfeld (Rieter, Sulzer, Lokomotivfabrik) einerseits ein reiches Unternehmertum, andererseits ein industrielles Proletariat herausgebildet. 11-jährige Kinder arbeiten zwölf Stunden in den Spinnereien, zu einem Taglohn von einem Franken. Auch politisch haben die Arbeiterinnen und Arbeiter nur wenige Rechte. Das Grossbürgertum beherrscht die politische Landschaft des Kantons Zürich. Ein unbekannter Tössemer Arbeiter, mit einem Minimum an Schulbildung und Zeit für Weiterbildung, verfasst ein Flugblatt, mit dem die Arbeiter der Rieter-Fabriken in den «Hirschen» in Töss eingeladen werden, um einen Arbeiterverein zu gründen. Am 18. Februar 1865 wird der Arbeiterverein Töss offiziell gegründet, ein Vorstand gewählt und die Statuten verabschiedet. Die Zweckartikel lauten wie folgt:

Bildarchiv SP Töss

«Der Verein stellt sich die Aufgabe der Einigung und Brüderlichkeit unter den Arbeitern. Er verfolgt diesen Zweck auf dem Wege der Unterhaltung, Bildung, über Arbeiterinteressen und allgemein wichtige Fragen sowie durch Sammlungen materieller Hilfsmittel zur gegenseitigen Unterstützung und Handreichung bei vorkommender Not oder in schwieriger Zeit. Endlich erklärt er sich einverstanden mit den Bestrebungen für einen einheitlichen schweizerischen Arbeiterverband und nimmt bei seiner Organisation darauf Rücksicht.»

Bildersammlung Siegfried Schlesiger

Genossenschaft und Kantonsverfassung im Vordergrund

Bereits an den ersten Versammlungen bilden zwei Themen die Schwerpunkte: Der Kampf für eine neue Zürcher Kantonsverfassung und die Suche nach Mitteln, die Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien zu verbessern. Am 6. August 1865 wird von der Vereinsversammlung eine Kommission eingesetzt, die nach Möglichkeiten zur Verwirklichung eines eigenen Konsumgeschäfts suchen soll (siehe dazu separaten Beitrag von Henry Müller unter „Dokumente“).

Die Mitgliederbewegung des Arbeitervereins verläuft zuerst auch in Anbetracht der relativ hohen Mitgliederbeiträge, recht erfreulich. Ende 1865 haben sich 105 Mitglieder eingeschrieben. Zwei Monate später sind es jedoch nur noch 87, acht mehr als ein Jahr zuvor bei der Gründung. «Die Fabrikanten sehen den Arbeiterverein nicht gerne, Arbeiter werden unter Druck gesetzt, bekommen Angst um ihre Stelle, treten aus dem Arbeiterverein aus oder erst gar nicht ein», vermeldet dazu der Präsident. Trotzdem machen die Unentwegten weiter. Die Revision des kantonalen Fabrikgesetzes wird diskutiert und die kantonalen Wahlen von 1866 geben Gesprächsstoff ab.

Erste politische Initiativen

Einer der ersten politischen Höhepunkte des Arbeitervereins ist die Bekämpfung des «Systems», der Verfassung des Kantons Zürich, die den Stimmberechtigten lediglich die Wahl des Kantonsrates zulässt. Zusammen mit den Winterthurer Demokraten rund um Landbote-Redaktor Salomon Bleuler mobilisieren die Arbeiter für Demonstrationen und Kundgebungen. In Winterthur, Uster, Bülach und Zürich sollen sie stattfinden und für eine Totalrevision der Verfassung werben. Am 18. April 1869, nach vier Jahren Einsatz, findet im Tössemer Hirschen ein einfaches Fest statt: Die Zürcher Stimmberechtigten haben der Totalrevision der Kantonsverfassung zugestimmt und sich selbst ein umfassendes Stimm- und Wahlrecht zugestanden. Künftig können auch Behörden gewählt, Initiativen und Referenden lanciert werden. Auch der Arbeiterverein Töss hat einen Paragraphen an diese Verfassung beigesteuert: Da den Tössemern das Geld für eine Genossenschaftsgründung fehlte, forderten sie die Förderung des Genossenschaftswesens durch staatliche Hilfe. Als Paragraph 23 wird diese Forderung in der neuen Verfassung festgehalten. Er ist auch heute noch gültig.

Fragwürdiger «Sieg» beim Fabrikgesetz

Der nächste Brocken steht vor der Türe: Die Abstimmung über das kantonale Fabrikgesetz 1859. Es sieht als Fortschritt ein Verbot der Kinderarbeit bis zum 12. Altersjahr und eine Beschränkung der Arbeitszeit für Kinder zwischen 12 und 14 Jahren auf sechs Stunden vor. Für die Arbeiter aus Töss gehen diese Forderungen zu wenig weit. Sie wollen den 10-Stunden-Tag für alle, ein Verbot der Kinderarbeit bis zum 14. Altersjahr. Für 14- bis 16-jährige soll zudem die Arbeitszeit auf acht Stunden beschränkt werden. Der Tössemer Arbeiterverein steht mit seinen weitergehenden Ideen fast alleine da. 0bwohl sie versuchen, im ganzen Kanton in den Arbeiterdörfern für Ihre Forderungen Stimmung zu machen, unterliegen sie letztlich.

Bildersammlung Siegfried Schlesiger

In den nächsten Jahren bekommt der Arbeiterverein Töss Mühe mit «der Politik». Dies rührt nicht zuletzt aus der Enttäuschung über den von Töss aus stark forcierten Zusammenschluss in einem kantonalen Arbeiterverein. Dieser wird in Zürich zwar gegründet, stellt sich aber im Zusammenhang mit der Revision der kantonalen Verfassung und dem Kampf um das kantonale Fabrikgesetz als Instrument des Unternehmertums heraus. Zudem wirtschaftet der kantonale Arbeiterverein schlecht und muss schliesslich liquidiert werden. Auch die Tössemer müssen an die Schulden beitragen, überstehen dies aber im Gegensatz zu den Vereinen am Zürichsee, die sich auflösen müssen.

Auf politischer Ebene wird 1871 die Arbeiterunion Winterthur gegründet, als Folge der Zersplitterung im Kampf um das Fabrikgesetz. Der Arbeiterverein Töss will nicht beitreten, was ihm den Vorwurf einträgt, «dass ihm die Krämerei über die Politik geht». Der immer wieder in Töss auftauchende Hermann Greulich schreibt über die Tössemer: «Uns scheint, dass die betreffende Sektion eine etwelche Aufrüttelung ganz gut brauchen könnte, und wenn der Pfeffer etwas scharf ist, so sollte man nicht gerade aus dem Häuschen fahren». Die letzte Bemerkung nimmt Bezug auf die Aufregung der Tössemer darüber, dass niemand aus ihrem Kreis für den Vorstand der Arbeiterunion angefragt wurde.

Noch setzen sich Demokraten und Arbeiterbewegung gemeinsam für das neue eidgenössische Fabrikgesetz ein, dass 1877 angenommen wird. Es sieht zwar noch immer nicht den Zehn-Stunden-Tag vor, aber immerhin wird der 11-Stunden-Tag Realität. In Töss wird das Gesetz mit 485 Ja zu 51 Nein gutgeheissen. Gesamtschweizerisch sind es 181‘204 Ja gegen 170‘157 Nein. Mit der Verwirklichung des Fabrikgesetzes neigt sich die Ehe zwischen Demokraten und Arbeitervereinen ihrem Ende entgegen. Ohnehin sinkt der Stern der Demokraten.

Definitiv geht die Geduld den Tössemern aus, als die Demokraten, auch Salomon Bleuler, im Kantonsrat gegen eine von ihnen lancierte Initiative Stellung beziehen.

Greulich kontra Bleuler

Im Vorfeld der Wahlen von 1878 und im Zeichen der ständig schlechteren Lage der Arbeiter — auch die Firma Rieter hat die Löhne kontinuierlich gesenkt — lanciert der Arbeiterverein Töss eine Initiative innerhalb der Arbeiterorganisationen des Kantons zur Verstaatlichung des Getreidehandels. Begründet wird sie — auch Ausdruck eines Antisemitismus in der Arbeiterbewegung — mit den folgenden Sätzen:

«Der Getreidehandel befindet sich in den Händen weniger Herren, Juden, die mit geringen Kosten die Preise droben behalten und dem gemeinen Manne den Brotkorb in die Höhe hängen können.»

Bei den Kantonsrats-Wahlen streiten sich Hermann Greulich und Salomon Bleuler um einen Sitz im Wahlkreis Töss. Greulich setzt sich für die Getreideinitiative ein — und verliert; Bleuler muss in einen zweiten Wahlgang. Gewählt ist jedoch auf der Liste der Demokraten der Tössemer Pfarrer Felix Meyer, gleichzeitig Präsident des Arbeitervereins.

Am 25. Januar 1934 wollte die Winterthurer «Nationale Front» im Restaurant Freihof (unmittelbar bei der heutigen Zürcherstrasse-Unterführung) eine Versammlung durchführen. Die Tössmer SP wollte den Nazis die Argumente der Arbeiterschaft entgegensetzen. Aber die «Fröntler» verweigerten den Arbeitern den Zutritt zum Lokal mit Schlagstöcken und Ketten — worauf die Tössemer ihnen diese entrissen und selbst zuschlugen. Schliesslich belagerten immer mehr Tössemer den Freihof, so dass schliesslich die Nazis unter Polizeischutz das Lokal verlassen müssen. Der SP wurde nun Provokation vorgeworfen ... während diese sich darauf berief lediglich zu einer geistigen Auseinandersetzung ihre Mitglieder mobilisiert zu haben.

Clara Zetkin in Töss

In den achtziger Jahren muss sich die Arbeiterbewegung erst neu orientieren. Neben der in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts und in den neunziger Jahren stark ausgebauten Geschäftstätigkeit stehen an den Versammlungen des Arbeitervereins vor allem Vorträge auf dem Programm. Mit Clara Zetkin kommt eine der bekanntesten Frauen der sozialistischen Bewegung überhaupt nach Töss, und auch immer wieder Hermann Greulich. Neuer Elan packt den Tössemer Arbeiterverein nach der Jahrhundertwende. 1900 wird das Arbeitersekretariat Winterthur gegründet. 1902 stellen die Tössemer erstmals eine volle eigene Liste für die Kantonsratswahlen auf, der jedoch noch kein Erfolg beschieden ist. Seit 1903 drucken zwei junge Sozialdemokraten, Buchdrucker Gremminger und Sekundarlehrer Walter in Töss die «Arbeiterzeitung». Am 25. September 1905 schliesslich erfolgt ein weiterer entscheidender Schritt: Im Restaurant Freihof in Töss hält der Arbeiterverein eine ausserordentliche Generalversammlung ab. Einziges Traktandum: Die Wahl einer politischen Kommission. Der erste Erfolg dieser stärkeren politischen Ausrichtung stellt sich noch im gleichen Jahr ein. Bei den Kantonsratswahlen erobert der Arbeiterverein 6 der 8 Sitze im Wahlkreis Töss-Wülflingen. Bei den Gemeindewahlen 1907 möchte der Arbeiterverein mit den Demokraten ein auf dem freiwilligen Proporz basierendes Abkommen treffen. Die Demokraten lehnen ab — und die Arbeiter gewinnen in den darauffolgenden Kampfwahlen vier der sieben Gemeinderatssitze. Bei den Kantonsratswahlen von 1908 schliesslich besetzt der Arbeiterverein alle acht Kantonsratssitze. Um den Bürgerlichen die Folgen des Majorzsystems zu demonstrieren wird in Töss, ähnlich Zürich-Aussersihl, knallharte Machtpolitik betrieben.

1912, am 15. Dezember, findet schliesslich die 47-jährige Doppelfunktion des Arbeitervereins Töss ein Ende: Konsumgeschäft und Politik werden getrennt. Der politische Teil läuft weiter unter dem Namen Arbeiterverein, während das Warengeschäft den Namen «Konsumverein Töss und Umgebung» erhält. Im Januar 1913 nimmt ein neuer Vorstand Verhandlungen mit dem Grütliverein auf, und am 14. Dezember 1913 beschliessen die beiden Vereine eine Fusion. Auch die erste Initiative für ein Frauenstimmrecht in der Schweiz stammt aus Töss: 1915 durch die SP-Frauen Töss lanciert — auch sie eine der ersten politischen Frauenorganisationen der Schweiz überhaupt. Ab 1. Januar 1914 nennt sich der fusionierte Verein nun Sozialdemokratische Partei (Grütliverein) und wird somit sowohl Mitglied in der SPS, in der bisher der Arbeiterverein organisiert war, als auch im Schweizerischen Grütliverein. Allerdings wird bereits 1916 der Austritt aus dem Grütliverein beschlossen und der ehemalige Arbeiterverein bildet seither alleine die Sozialdemokratische Partei Töss.

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