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Ferienkolonieverein Oberwinterthur

Sun Apr 08 00:00:00 UTC 1923

Seit 1923 haben rund 10'000 Kinder die Ferienkolonien Oberwinterthurs besucht. Bis Mitte der 60er Jahre konnte von einem Boom gesprochen werden. Mit dem Wirtschaftsaufschwung und der damit verbundenen Entwicklung einer eigentlichen Ferien- und Freizeitindustrie ging die Nachfrage nach Kolonieplätzen zurück. Trotzdem gelang es, die Kolonien auch weiterhin im Frühling, Sommer und Herbst durchzuführen.

1876 schickte Pfarrer Bion aus Zürich die ersten Kolonien ins Appenzellerland. Als Pfarrer in der Stadt Zürich hatte er die schlimmen Wohnungsverhältnisse und die ungesunde Lebensweise vieler Stadtbewohner kennen gelernt und beobachtet, wie die grosse Mehrzahl der Kinder aus Arbeiterfamilien in der Ferienzeit in den schwülen Gassen der Stadt herumlungerten und nach den Ferien fast reduzierter waren als vordem. Diese Tat zündete.

Winterthur folgte dem Beispiel Zürichs im Jahre 1881 und im industriellen Töss fiel die Idee bereits 1889 auf fruchtbaren Boden. In Oberwinterthur, das zu jener Zeit eine noch überwiegend bäuerliche Bevölkerung aufwies, schien das Bedürfnis nach einer Ferienkolonie noch nicht vorhanden gewesen zu sein. Ferienzeit bedeutete dazumal für die Kinder Mithilfe bei den Arbeiten in Feld und Wald, in Haus und Hof, auf dem Acker und im Rebberg. Dies änderte sich mit der einsetzenden Industrialisierung. Die ersten Kolonisten fanden Aufnahme in den Kolonien der Gemeinnützigen Gesellschaft Winterthur. Als die Nachfrage zu gross wurde, führten die Schulkommissionen von Oberwinterthur im Jahre 1913 erstmals eine eigene Ferienkolonie durch. Sie fand im Haus „Höhg“ in Oberhelfenswil (Toggenburg) statt. Lehrer Karl Beerli, der später auch lange Jahre im Vorstand des Kolonievereins wirkte, leitete bis 1923 insgesamt elf Ferienkolonielager.

Nach der Eingemeindung am 1 Januar 1922 ging alles Eigentum dieser Orte in den Besitz der Stadt über. Obwohl diese das Defizit der Oberwinterthurer Kolonie zu übernehmen gewillt war, hielt sich die Begeisterung dafür in Grenzen. Die Finanzen reichten nicht aus. Der einzig gangbare Weg war die Gründung eines Ferienkolonievereins, wie dies in Töss, Veltheim und Wülflingen bereits geschehen war. Am 8. April 1923 fand die Gründungsversammlung des Ferienkolonievereins Oberwinterthur statt. Schon gegen Ende des Jahres konnten 155 Mitglieder gezählt werden. Mit diesen Mitgliederbeiträgen, Zuwendungen von Firmen, Kirchgemeinden, der Stadt und einem Volksfest konnten die Finanzen gesichert werden.

Mieteten sich die Ferienkolonievereine anfänglich in bestehenden Unterkünften ein, kam später der Wunsch nach eigenen Räumlichkeiten. Der neue Verein übernahm vorerst den bisherigen Kolonieort, nämlich das Berggasthaus «Zur frohen Aussicht» auf dem «Höhg» in Oberhelfenswil im unteren Toggenburg. Ein Wechsel drängte sich dann aber auf.

Ein Ersatz wurde 1924 im Gasthaus «Rose» in Tell-Bächle bei Urnäsch gefunden, in der Nähe von Hemberg gelegen. Das Haus bestand aus Wirtschaft, Bäckerei, Laden und einer grossen Scheune mit drei Ställen. Der westliche Hausteil mit eigenem Eingang und einer eigenen Küche, wo die Kolonieleitung selbst kochen konnte, bot 35-40 Kindern, der Leitung und dem Personal Platz. Zum Schlafen standen der grosse Tanzsaal und zwei grosse Zimmer für die Kinder zur Verfügung. Der kleine Ess- und Aufenthaltsraum lag darunter im 1. Stock.

Noch fehlte im Haus das elektrische Licht. Erst 1930 wurden elektrische Lampen eingerichtet. 1933 konnte der Koloniewirt eine Wasserversorgung mit Reservoir und Wasserspülung in den alten WC-Anlagen erstellen. Nach und nach wurden die Verhältnisse, vor allem in Fronarbeit, verbessert und die Aufenthalte erleichtert. Der Standort und die Umgebung war ideal, das umliegende Wandergebiet herrlich. Legendär war das direkt hinter dem Haus sich erhebende „Högerli“. Es hat sich auch als Strafberg einen Namen gemacht. Wenn es abends in den Zimmern keine Ruhe gab, hiess es aufstehen und das „Högerli“ erklimmen, damit die nötige Müdigkeit endlich einkehren sollte! Der Kolonie-Hausberg aber war die Hochalp. Für jede Kolonie war es ein Muss, diesen Aufsichtspunkt zu erreichen. Bis 1958 wurde dieses Kolonieheim betrieben.

Die Kolonieorte

1923 «Höhg», Oberhelfenswil im untern Toggenburg

1924-58 «Rose», Tell-Bächle bei Urnäsch

1946-54 «Rossbüchel», Grub SG

1947 «Serneus-Bad» im Prätigau

1948 „Ob dem See“, Einweihung des eigenen Ferienkolonieheims in Wolfgang-Davos

1951-53 «Löwen» in Wald (App.)

1952-58 «Sternen» in Hemberg

1954 Im März hatten wir das Kinderheim «Sonnalp» in Goldiwil ob Thun für den Sommer gemietet, um dort zwei Kolonien in Regie unterbringen zu können. Am 2. Juni wurde das Heim von der Stadt Bern käuflich erworben. Da Kauf Miete bricht, hatten wir mit einer Entschädigung von Fr.1200.- das Nachsehen.

1959-68 Haus «Cadonau» in Waltensburg im Bündner Oberland

seit 1974 werden nur noch Kolonien im eigenen Haus in Davon-Wolfgang durchgeführt.

Haus "Ob dem See" Wolfgang-Davos

Das Schmuckstück des Ferienkolonievereins Oberwinterthur ist aber zweifellos das Ferienheim im Wolfgang-Davos. Inzwischen das einzig noch genutzte Ferienheim. Im Herbst 1947 wurde der Vorstand auf die Liegenschaft Gadient im Ortsteil "Obem See" auf dem Wolfgang aufmerksam gemacht. Ursprünglich im Jahre 1731 als Bauernhaus erstellt, wurde es im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut. Schon der erste Augenschein ergab, dass nach einer gründlichen Renovation und einem umfassenden Umbau ein Haus zu erwerben wäre, das sich für den Zweck des Ferienkolonie-Vereins vorzüglich eignen würde. Eine weise Voraussicht, wie die Zukunft zeigen sollte. Der Preis (inklusive Umbau) betrug damals stolze Fr.118'000.-. Eine ausserordentliche GV beschloss am 18. Januar 1948 den Ankauf der Liegenschaft. Danach wurde die Beschaffung der Geldmittel bei den Behörden, den Banken, bei Firmen und dem Gewerbe eingeleitet. Bereits am 8.April desselben Jahres wurde der Kauf- und Dienstbarkeitsvertrag unterzeichnet. Der Umbau wurde nach der Schneeschmelze in Angriff genommen und fand am 18.Juli 1948 mit einer schlichten Einweihungsfeier den Abschluss.

Das Ferienheim liegt in offenem Wiesengelände auf 1575 m.ü.M. mit freiem Blick auf den Davosersee und ist von Wald und Bergen umschlossen. Das geräumige Haus ist so gut eingerichtet, dass ein optimaler Betrieb gewährleistet ist, und so solid gebaut, dass es den Übermut schulgesättigter Kinder geduldig ertragen kann. Der grosse Tummel- und Spielplatz mit dem Brunnen und den Spielgeräten ist wohl das Schönste für die Kinder. Das bekannte Heilklima von Davos bedeutet eine wirkliche Luftveränderung und bietet Gewähr für maximale Erholung. Das Landwassertal ist ein unerschöpfliches Wandergebiet, besonders für die grösseren Kinder. Das Haus hat sich in den rund 70 Jahren Koloniebetrieb immer bewährt und den mutigen Entscheid von 1947 bestätigt. Selbstverständlich musste das Haus unterhalten und neueren Bedürfnissen angepasst werden. 2005 wurde eine Totalsanierung ausgeführt. Die Bausummer von einer Million Franken konnte mit Unterstützung der Stadt (rückzahlbares Darlehen von Fr. 750‘000.00), Eigenmitteln und Spenden zusammengebracht werden. Der städtische Beitrag wurde in einer Volksabstimmung mit 62% Zustimmung beschlossen.

Seit Kolonievereine aus anderen Stadtkreisen ihre Tätigkeit aufgegeben haben, nimmt Oberwinterthur auch Kinder von ausserhalb Oberwinterthurs wohnenden Eltern auf. Seit bald 100 Jahren bietet der Ferienkolonieverein Oberwinterthur Schülern aus allen Schichten günstige Erlebnisferien an. Die Umstände sind zwar enger geworden, insbesondere auch was die Rekrutierung von Lagerleitern und Helfern betrifft. Aber es ist dem aktiven Vorstand noch immer gelungen, Jahr für Jahr drei bis fünf Ferienkolonien durchzuführen. Die Elternbeiträge sind für eine 14-tägige Kolonie Fr. 395.-, für eine Woche sind Fr.260.- zu bezahlen. Um auch jenen Kindern die Teilnahme zu ermöglichen, deren Eltern nicht in der Lage sind, den vollen Beitrag zu zahlen, wird auf Gesuch hin ein ermässigter Beitrag erhoben. Wenn kein Eigenbedarf vorhanden ist, wird das Unterkunftshaus vermietet.

Das Heim wird nicht ausschliesslich für die FeKo benötigt, sondern ausserhalb dieser Zeit an Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen vermietet. Aus diesem Grund ist seit 1986 ein vollamtlicher Heimleiter angestellt, der auch kocht. Er wird von seiner Frau teilzeitlich unterstützt. Das Ehepaar Hertner ist ein absoluter Glücksfall, das mit Umsicht und viel Engagement für Haus und Gäste sorgt.

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