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Zimmer Biomet: Vom künstlichen Hüftgelenk zu Hightech-Implantaten


Die Zimmer Biomet ist ein US-amerikanisches Medizintechnik-Unternehmen, das weltweit zu den grössten Anbietern von orthopädischen Implantaten gehört. Die Zentrale für die EMEA-Region (Europa, Afrika, Naher und Mittlerer Osten) befindet sich seit 2003 in Winterthur und ging aus der Sulzer Medica hervor. Zimmer Biomet beschäftigt in Winterthur rund 1100 Arbeitnehmende und ist damit der grösste lokale Industriehersteller.

Foto: Landbote/Marc Dahinden

Noch Mitte der 90er-Jahre machten Hüft- und Knieprothesen von Sulzer Medica den Löwenanteil des Betriebsgewinns von Sulzer aus. Darum wurde der Bereich ab dem Jahr 2000 zuerst als zentrale Division des Industriegeschäfts definiert, dann zur Abspaltung bestimmt und an die Börse gebracht. Dies weckte Begehrlichkeiten: Es folgte ein wüster Zickzack-Kurs um Sulzer Medica, auf dessen Höhepunkt die Beteiligungsfirma Incentive Capital des Investors Ren Braginsky erfolglos ein unfreundliches Übernahmeangebot für Sulzer lancierte, um Medica vom Konzern abzuspalten. Im finalen Verkaufsprozess gewann 2003 der amerikanische Medizintechnikkonzern Zimmer nach langwierigem Bieterwettstreit mit dem britischen Konkurrenten Smith & Nephew das Rennen. Obwohl das Geschäft voll in Zimmer integriert wurde, blieb der Produktionsstandort Winterthur bestehen, wurde mit der Einrichtung des EMEA-Hauptsitzes von Zimmer sogar aufgewertet. EMEA = Wirtschaftsraum Europa-Arabien-Afrika.

Danach ging Zimmer auf Expansionskurs: Zuletzt kaufte die Firma 2015 die ebenfalls amerikanische Biomet-Gruppe – aus Zimmer wurde Zimmer Biomet. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Warsaw (US-Bundesstaat Indiana) erzielte 2016 einen Umsatz von 7,7 Milliarden US-Dollar und einen Reingewinn von 305 Millionen US-Dollar. Auch der Wirtschaftsstandort Winterthur profitierte von diesem Boom. Ein unternehmensfreundliches wirtschaftspolitisches Umfeld sowie ein exzellentes Angebot an Fach- und Führungskräften haben dazu beigetragen, dass Zimmer weiter in diesen Standort investiert hat. Die Anzahl der Mitarbeitenden ist von zirka 630 im Jahr 2003 auf heute 1100 gewachsen, was Winterthur innerhalb des Zimmer-Konzerns neben dem Hauptsitz für EMEA zum grössten Standort in Europa und auch zum zweitgrössten Standort weltweit macht. In Winterthur werden Hüft-, Knie-, Ellenbogen- und Schulterprothesen sowie Produkte für die Wirbelsäulen- und Trauma-Versorgung produziert. Etwa 80 Prozent der Produkte bleiben in EMEA. Die verbleibenden 20 Prozent gehen nach Nord- und Südamerika und Asien.

Ein Unternehmen dieser Grösse bedeutet für den Wirtschaftsstandort Winterthur natürlich auch ein Klumpenrisiko. So wurden bei der Fusion der Zimmer mit Biomet 2015 Befürchtungen laut, dass es zu Synergien und damit zum Stellenabbau kommen könnte. Eine Befürchtung, die sich bisher glücklicherweise nicht bewahrheitete. Unverhohlen setzte Zimmer Biomet 2017 auch Druck auf die Abstimmung zur Unternehmensteuerreform III auf: Ein Nein gefährde den Ausbau der Winterthurer Niederlassung, könne sogar zu einem Wegzug führen. Die Abstimmung ging verloren – das Unternehmen blieb dennoch – zumindest bis heute.

Aber auch juristisch geriet Zimmer Biomet 2017 in Bedrängnis: Mit dem Rechtsstreit rund um die Hüftprothese Durom Metasul LDH. Zimmer hatte die Prothese 2003 auf den Markt gebracht und den Verkauf 2012 in Folge von zahlreichen Beschwerden weltweit wieder eingestellt. In Deutschland hat die Firma nun einen potentiell wegweisenden Gerichtsfall verloren. Wird er von einer höheren Instanz bestätigt, muss Zimmer wohl Millionen Euro an geschädigte Patienten zahlen. Dagegen wird gekämpft, vor allem von Winterthur aus. Zahlreiche Anwälte sind an der Sulzerallee mit dem Fall beschäftigt. In Winterthur ist auch die für Europa, Afrika und den Nahen Osten verantwortliche Compliance-Abteilung ansässig. Sie soll sicherstellen, dass sämtliche Aktivitäten im Unternehmen in Einklang mit geltenden Gesetzen sind.

Text von Jean-Pierre Wollenschläger

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