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AXA Versicherungs AG (vormals Winterthur Versicherungen)

Tue Mar 02 00:00:00 UTC 1875

Die „Winterthur Versicherungen“ war in der Schweiz der führende Allbranchenversicherer. Die Produktpalette umfasste sämtliche Versicherungsarten für Private und Unternehmen. Seit 1997 war die 1875 gegründete „Winterthur“ Teil der Credit Suisse Group. 2006 wird sie für 12.3 Milliarden Franken an den französischen Versicherungskonzern AXA verkauft.

Die freiheitliche Wirtschaftordnung, zu der sich der Bundesstaat Schweiz seit 1848 bekennt, öffnete dem Land auch den Weg zu wirtschaftlichem Aufschwung. Dieser war der Gründung von Versicherungsgesellschaften förderlich, machte sie sogar notwendig. Am 10. Februar 1875 traten unter dem Vorsitz von Herrn Oberst Heinrich Rieter in Winterthur die Leiter einer Anzahl größerer Unternehmungen zu einer vorbereitenden Versammlung zusammen «zum Zwecke der Gründung einer schweizerischen Unfallversicherungsgesellschaft». Nach Beratung durch die Initianten des vorgelegten, durch Herrn Dr. H. Näf ausgearbeiteten Statutenentwurfs fand am 2. März 1875 im «Casino» in Winterthur die eigentliche Gründungsversammlung statt. Damit war die «Schweizerische Unfallversicherungs-Actiengesellschaft» aus der Taufe gehoben. Der erste Verwaltungsrat des neuen Unternehmens setzte sich aus den folgenden Herren zusammen: Oberst H. Rieter, Präsident, in Winterthur, Salomon Volkart, Vizepräsident, in Winterthur, Oth. Blumer-Huber, in Winterthur, E. M. Lengstorf, in Winterthur, W. Locher-Steiner, in Winterthur, Hch. Sulzer-Steiner, in Winterthur, Carl ten Brink, in Arlen, Hans Wunderly-von Muralt, in Zürich, J. U. Zellweger-Waeffler, in Winterthur.

Mit der Genehmigung der Gründung durch den Regierungsrat des Kantons Zürich am 27. März 1875, unterzeichnet durch den Staatsschreiber und Dichter Gottfried Keller, konnte der Geschäftsbetrieb in der Einzel- und Kollektivunfallversicherung aufgenommen werden. Zum ersten Direktor wurde Stadtnotar Friedrich Gysler berufen. Er musste bereit nach ein Jahr durch C. Widmer-Kappeler ersetzt werden. Die eigentliche Aufnahme der Versicherungstätigkeit der «Winterthur» erfolgte auf den 1. Juli 1875. In erster Linie wurde der Geschäftsausbau natürlich im eigenen Lande an Hand genommen und in einer Reihe von Kantonen wurden Generalagenturen errichtet. Die Gesellschaft war aber von Anfang an durch ihre Statuten berechtigt, das Gebiet ihrer Geschäftstätigkeit über die Grenzen der Schweiz hinaus auszudehnen. Von dieser Möglichkeit machte sie sehr bald in weitgehendem Maße Gebrauch. Schon im Gründungsjahr wurden Süd-Deutschland, Elsaß-Lothringen, Dänemark, Norwegen, Belgien, Holland und Luxemburg in den Tätigkeitsbereich einbezogen. Geschäftsstellen in Dänemark und für Österreich-Ungarn folgten. Im Februar 1876 erfolgte die Gründung einer Generalagentur für Frankreich und die französischen Besitzungen mit Sitz in Paris. Ferner wurde in Finnland der Geschäftsbetrieb aufgenommen.

Zeichnung von Leonhard Meissner Chur

Viel Mut und Initiative hat also schon die erste Geschäftsleitung an den Tag gelegt. Wagender Unternehmungsgeist und klare Voraussicht haben damals eine der maßgebenden Grundlagen dafür geschaffen, dass das schweizerische Versicherungswesen zu grossem Ansehen und grosser Bedeutung aufsteigen konnte.

Trotz verschiedenster Anfangsprobleme und Unwägbarkeiten entwickelte sich das Unternehmen über die Jahre sehr gut. Die Prämieneinnahmen entwickelten sich in den ersten 25 Jahren von 207‘401 (1875/76) auf 14‘081‘118 Franken (1900). Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Platzbedarf wieder. Begonnen hat man in zuerst gemieteten Räumlichkeiten im Haus am Bahnhofplatz (heute Restaurant National). 1877 bereits zügelte man in das Haus „Warteck“ an der Stadthausstrasse 39 und 1886 verschob man sich in das ehemalige Lloyd-Gebäude (heute Bezirksgebäude I) an der Lindstrasse 10. 1893 kaufte die „Winterthur“ dieses Gebäude, das in der Folge 45 Jahre lang das Stammhaus war.

Der Hauptgeschäftsbereich war die Unfall- und Haftpflichtversicherung in allen Bevölkerungskreisen im In- und Ausland.1894 wurde die Haftpflichtversicherung, die anfänglich nur auf Ansprüche aus Personenbeschädigungen bestand auf Sachschaden ausgeweitet. Wenig später wurde die neue Branche Einbruchdiebstahl- und Kautionsversicherung eröffnet. Parallel dazu wurde das Geschäftsgebiet im Ausland sukzessive erweitert, so kam 1910 Spanien und 1912 Marokko in den Geschäftsbereich hinzu. Die beiden letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts waren geprägt von schlechten Jahresergebnissen. An der Generalversammlung 1884 wurde sogar über einen Antrag zur Liquidation der Gesellschaft diskutiert. Langsam resultierte aber die Wende. Während einiger Jahre wurden aber keine Dividenden ausgeschüttet. Als verdienstvolle Persönlichkeiten, die in diesen schwierigen Jahren die Geschicke der „Winterthur“ leiteten werden unter anderen genannt: Heinrich Sulzer-Steiner, Verwaltungsrat 1875-1906, Architekt Ernst Jung VR 1878-1883 und Generaldirektor Dr. August Sulzer-Bühler (zum Adlergarten) 1901-1904.

Kaum hatten sich die Geschäftsergebnisse erfreulich entwickelt und stabilisiert, folgten erneut Rückschläge in den Jahren des ersten Weltkriegs. Minderprämien, Prämienrückerstattungen und Kündigungen einerseits und die grossen Lücken im Personalbereich durch die Abwesenheiten im Militärdienst prägten diese schwierigen Jahre. Eine Einbusse erlitt das Versicherungsunternehmen 1908 durch den Übergang der schweizerischen Arbeiterunfallversicherung in die Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA). Durch diese „Verstaatlichung“ (Originaltext aus dem Jubiläumsbericht) verlor die „Winterthur“ sechs Millionen Prämieneinnahmen. Nach dem Krieg brachten verschiedenste Bestrebungen das Unternehmen wieder in bessere Zeiten. Autoversicherungen und das Rückversicherungsgeschäft sowie die Ausdehnung des Auslandgeschäfts auf Griechenland und die Übernahme der Lloyd Continentale in Italien standen im positiven Fokus. 1923 folgte die Gründung der Lebensversicherungsgesellschaft und damit eine Ausweitung des Geschäftsbetriebes in der Schweiz, Belgien, Deutschland und Frankreich. Die hauptsächlichsten Merkmale der Zwischenkriegsperiode waren die starke Entwicklung des Motorfahrzeuggeschäftes und die Ausdehnung der Tätigkeit auf die USA.

Diese gute Entwicklung schlug sich auch im Personalbestand nieder und brachte eine weitere Raumnot, die zu lösen war. Provisorien in Nachbarliegenschaften genügten auf die Dauer nicht. Die Lösung brachte Salomon Volkart. Er verkaufte der „Winterthur“ seine herrschaftliche Villa Wehntal. Architekt Lebrecht Völki erstellte auf diesem Grundstück in der Eckposition General-Guisan-Strasse/Römerstrasse das neue Verwaltungsgebäude. Geprägt wurde der neue Firmensitz durch das markante 8-stöckige Turmgebäude. Bezug war im Jahr 1931. 1947/48 baute Architekt Franz Scheibler einen weiteren Flügel, eine grosszügige Erweiterung des Konzernsitzes.

Die Jahre des Zweiten Weltkrieges brachten wieder einige Schwierigkeiten in den Geschäftsbetrieb. Gesamthaft gesehen konnten die Klippen aber recht gut überwunden werden. Die Winterthur-Versicherung entwickelte sich in den zweiten 50 Jahren des 20. Jhdts. zu einer führenden Marke und setzte an vielen Fronten gute Masstäbe. Zauderer in der Führung des Unternehmens stellten dann die Weichen um die Jahrhundertwende in eine komplette Umstrukturierung. Die Selbstbestimmung wurde sukzessive aufgegeben und schlussendlich in ausländische Hände gegeben.

1997 fusionierte die Winterthur Gruppe und die Credit Suisse Group zu einem „Allfinanz-Konzern“. Diese Entwicklung war für die „Winterthur“ nicht der Weisheit letzter Beschluss und einige Turbulenzen sagten sich in der Folge an. Ab 2004 konsolidierte sich das Unternehmen wieder. Es schriebt auf seiner Website 2005: „Die Winterthur Group ist eine führende Schweizer Versicherungsgesellschaft mit Hauptsitz in Winterthur. Das Angebot der international tätigen Gruppe umfasst eine breite Palette von Personen-, Sach- und Haftpflichtversicherungslösungen sowie massgeschneiderte Lebensversicherungs- und Pensionskassenlösungen für Privat- und Unternehmenskunden.“

Aus der Zusammenarbeit mit der Credit Suisse Group (CSG) unter der damaligen Leitung von Peter Spälti entstand das Joint-Venture Winterthur Columna. Aus der Zusammenarbeit wurde bereits 1997 ein Zusammenschluss der Winterthur Gruppe und der CSG, die ähnlich wie die Allianz, die Wandlung zu einem Allfinanzkonzern beabsichtigte. Bei der Übernahme wurde die Winterthur mit 12,5 Milliarden Schweizer Franken bewertet.

Im Laufe des Jahres 1998 wurden die nun teilweise doppelt vorhandenen Versicherungsgesellschaften innerhalb der CSG konsolidiert. Der neue CSG-Geschäftsbereich Credit Suisse Financial Services wurde im Jahr 2000 formiert und umfasste künftig die Geschäftsbereiche Winterthur Versicherungen und Winterthur Leben. Im Zuge der Konsolidierung wurden auch weitere Geschäftsbereiche zusammengelegt. Unter anderem wurde 1999 die Liegenschaftsabteilung der Winterthur mit den Real Estate Asset Management Aktivitäten der Credit Suisse zusammengelegt und daraus die Wincasa AG als hundertprozentige Tochtergesellschaft der Credit Suisse Group gegründet.

Im Rahmen eines Strategiewechsels im Jahre 2004 stufte die CSG die Winterthur zur reinen Finanzbeteiligung zurück und stellte einen Verkauf oder Börsengang in Aussicht. Damit wurde die Idee des Allfinanzkonzerns aufgegeben. Nachdem kein Käufer gefunden wurde, der bereit war, die Preisvorstellungen der CSG zu erfüllen, wurden die Aktivitäten für einen Börsengang vorangetrieben. Ende März 2006 wurde der Schweizer Versicherungskonzern in der Bilanz der Bank mit 9,4 Milliarden Schweizer Franken geführt.

Mitte März 2006 veräusserte die Winterthur Group ihr unter der Marke Wincare zusammengefasstes Krankenversicherungsgeschäft in der Schweiz sowie ihr Einzelkranken- und Einzelunfallversicherungsgeschäft an die Sanitas Krankenversicherung.

Am 14. Juni 2006 gaben Winterthur und Axa die vollständige Übernahme des Schweizer Versicherungskonzerns für einen Preis von 7,9 Milliarden Euro (= 12,3 Mrd. CHF) bekannt. Die ausländischen Aktivitäten der Winterthur wurden in den Axa-Konzern aufgelöst. Das Schweizer Stammhaus der Winterthur wurde mit der bisherigen Schweizer Tochtergesellschaft von Axa fusioniert und Ende März 2008 in AXA Versicherungen AG umbenannt. Unter dem Markenauftritt Axa Winterthur deckte sie bis zum 28. Februar 2018 für den Axa-Konzern den Schweizer Markt ab. Seit dem 1. März 2018 wird der Zusatz "Winterthur" weggelassen.

Die Turm-Anschrift ist nur noch Nostalgie!

Das war einmal!

Das war einmal!

143 Jahre
bewegte Firmengeschichte
02.03.1875
Die "Schweizerische Unfallversicherungs-Actiengesellschaft in Winterthur" nimmt ihre Geschäftstätigkeit auf. Agenturen in fünf europäischen Ländern entstehen.
1923
Mit "Winterthur Leben" steigt das Unternehmen ins Lebensversicherungsgeschäft ein.
1936
Erste Niederlassung in den USA (New York)
ab 1945
Das Unternehmen wächst so rasch wie nie zuvor. Die "Winterthur" gehört zu Europas grössten Versicherer.
22. April 1996
Die CS Holding und die "Winterthur" vereinbaren eine enge Zusammenarbeit - dies angesichts von hartnäckigen Übernahmegelüsten seitens der BZ Gruppe von Martin Ebner.
09. April 1997
Der 67-jährige Peter Spälti gibt nach 15 Jahren den Vorsitz der Konzernleitung an den 42-jährigen McKinsey-Manager Thomas Wellauer ab.
11. August 1997
Die Credit Suisse-Group und die "Winterthur" geben ihren Zusammenschluss bekannt. Zwei Tage zuvor hatte Ebner erklärt, er strebe bei der "Winterthur" die Mehrheit an.
1999
Die Liegenschaftenabteilung der "Winterthur" wird mit der Real Estate Asset Management der CS zusammengelegt. Daraus wird die Wincasa AG als hundertprozentige Tochtergesellschaft der Credit Suisse Group gegründet.
11. September 2001
Die Terroranschläge in den USA bescheren auch der "Winterthur" grosse Verluste.
Juli/September 2002
Lukas Mühlemann und Thomas Wellauer treten nach harter Kritik von der Spitze von CS und "Winterthur" ab.
02. Oktober 2002
Die Credit Suisse Group stärkt mit 2 Milliarden Franken die Kapitalbasis der kriselnden Tochter "Winterthur". Diese entlässt aus Kostengründen 80 Angestellte. Weitere Finanzspritzen folgen.
15. August 2003
Die "Winterthur" schliesst ihre sechs Dienstleistungszentren. Davon betroffen sind 136 Angestellte. Im Weiteren verschwinden in der Schweiz 16 von 48 Generalagenturen.
07. Dezember 2004
Die CS gibt bekannt, die "Winterthur" für die Börse fit zu trimmen.
17. Februar 2005
Die "Winterthur" schreibt einen Gewinn von 728 Millionen Franken nach einem Verlust von 2,4 Milliarden im Vorjahr.
März 2006
Die Winterthur Group veräussert ihr unter der Marke Wincare zusammengefasstes Krankenversicherungsgeschäft sowie ihr Einzelkranken- und Einzelunfallversicherungsgeschäft an die Sanitas Krankenversicherung.
14. Juni 2006
Trotz allen positiveren Meldungen der jüngsten Vergangenheit platzt Mitte 2006 eine mittlere Bombe. Gerüchte kursierten zwar seit Wochen, plötzlich wurde aus den Spekulationen Tatsachen. Die "Winterthur" kommt nicht wie geplant als selbständiges Unternehmen an die Börse, sondern wird vom Mutterkonzern Credit Suisse für 12,3 Milliarden Franken an die viermal grössere AXA in Frankreich verkauft. Der fatale Entscheid Peter Spältis, die Unabhängigkeit seines Lebenswerks aufzugegen, provoziert! Bleibt der Name "Winterthur" erhalten?
01. März 2018
Der Name "Winterthur" verschwindet definitiv aus der Firmenbezeichnung. Die ehemalige "Winterthur Versicherungsgesellschaft" heisst neu "AXA Versicherungs AG".
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