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Schlaraffia Vitudurum

Mon Feb 28 00:00:00 UTC 1983

In Winterthur gibt es nicht nur mehrere Schlösser, sondern auch eine Ritterburg. Sie befindet sich an der Tellstrasse und ist Sitz der „Schlaraffia Vitudurum“. Dieser Verein ist Teil einer 1859 in Prag gegründeten, weltweit verbreiteten Organisation, die unter dem Wahlspruch „In arte voluptas“ (In der Kunst liegt Vergnügen) Freundschaft, Kunst und Humor pflegt.

In der „Löwenburg“ an der Tellstrasse treffen sich die Schlaraffen während der sogenannten „Winterung“ (1. Oktober bis 30. April) einmal pro Woche. Das Vereinslokal erinnert mit seiner Ausstattung, zu der namentlich auch die vielen Wappen gehören, an einen Rittersaal. Auf einem Podium steht ein langer Tisch für die Würdenträger, beleuchtete Wappenscheiben bilden einen gediegenen Hintergrund und gleich beim Eingang empfängt ein grosser, ausgestopfter Uhu, vor dem sich beim Eintritt alle verbeugen. Denn er ist das „Wappentier“ der Schlaraffen und steht für Weisheit, Humor, Tugend - aber auch List und Schalk.

Ein bisschen wundert man sich als aussenstehender Besucher ob dem Gebaren der Schlaraffen schon: Ihre Sitten und Gebräuche sind an ein mittelalterliches Ritterspiel angelehnt und sie bedienen sich einer eigenen, pseudo-mittelalterlichen Sprache (die für Besucher sehr ulkig klingt). Ihre Mitglieder sind je nach Alter und Rang „Ritter“, „Junker“ oder „Knappen“ und sie tragen entsprechende Sturmhauben, Helme und Rüstungen in ihren „Reychsfarben“. Ihre „Waffen“ wie der Junkerdolch oder das Ritterschwert sind aus Holz - und wirken eher lächerlich als gefährlich.

Im Winterhalbjahr treffen sich die Schlaraffen wöchentlich zu so genannten „Sippungen“. Der Saal ist dann mit Männern gefüllt, die wallende Umhänge (Rüstung) und Narrenkappen (Helme) tragen; sie sind über und über mit Orden und Abzeichen behangen. In dieser gewollt lächerlichen Aufmachung vollziehen sie ihre Rituale und pflegen eine altertümliche Sprache, die auch „Schlaraffen-Latein“ genannt wird. Diese Zusammenkünfte folgen genau festgelegten, rituellen Regeln und werden in zwei Teilen abgehalten: Einem eher „geschäftlich-amtlichen“ ersten und einem eher „künstlerisch-freien“ zweiten. Dieser besteht aus musikalischen, literarischen oder künstlerisch-darstellenden Vorträgen („Fechsungen“) - viel Augenzwinkern, Humor und Gelächter gibt es bei beiden.

Die Schlaraffia wurde 1859 im Umfeld des damaligen Deutschen Staatstheaters in Prag gegründet. Hintergrund dafür war, dass einem jungen Künstler wegen seiner Mittellosigkeit die Aufnahme in die Prager Künstlervereinigung „Arcadia“ verweigert und er als angeblicher Proletarier abgelehnt wurde. Aus Protest gründeten die Theaterleute einen eigenen Stammtisch, den sie ironisch „Proletarier-Club“ benannten. Daraus entwickelte sich nach und nach die heutige, weltumspannende „Schlaraffia“: Schon bald wurden so genannte „Reyche“ in Berlin (1865), Graz (1873), Zürich (1880) und sogar Kalifornien (1884) gegründet. Nach einem raschen Wachstum in der Gründerzeit verschwanden unter dem Nazi-Regime von 1933 bis 1945 in Osteuropa und im Osten Deutschlands mehr als 100 Reyche. Heute bestehen rund um den Erdball über 250 Schlaraffia-Reyche, selbst an so exotischen Orten wie Brasilien, Japan und Thailand. Die etwa 12'000 Mitglieder sind ausschliesslich Männer und halten sich weltweit an die gleichen Rituale. Diese sind im „Spiegel“ sowie im „Ceremoniale“ festgelegt; Deutsch ist überall (!) Pflichtsprache. Die Welt-Dachorganisation „Allschlaraffia“ hat ihren Sitz in Bern.

Text: Alex Hoster

Ein bisschen wundert man sich als aussenstehender Besucher ob dem Gebaren der Schlaraffen schon: Ihre Sitten und Gebräuche sind an ein mittelalterliches Ritterspiel angelehnt und sie bedienen sich einer eigenen, pseudo-mittelalterlichen Sprache (die für Besucher sehr ulkig klingt). Ihre Mitglieder sind je nach Alter und Rang „Ritter“, „Junker“ oder „Knappen“ und sie tragen entsprechende Sturmhauben, Helme und Rüstungen in ihren „Reychsfarben“. Ihre „Waffen“ wie der Junkerdolch oder das Ritterschwert sind aus Holz - und wirken eher lächerlich als gefährlich.

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