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Ärztegesellschaft Winterthur-Andelfingen

Mon Dec 02 00:00:00 UTC 1833

Die Ärztegesellschaft Winterthur-Andelfingen (AWA) zählt rund 360 praktizierende Mitglieder. Schon kurz nach der Gründung wurden «medicinische Lesezirkel» veranstaltet, um sich über den Fortschritt der Wissenschaft zu informieren. Ein weiteres Anliegen ist die Vernetzung von Hausärzten, Spezialisten, Spitälern, Spitex und Pflegeheimen. Im Auftrag der Stadt organisiert die AWA zudem den Notfalldienst.

Text

Text (leicht gekürzt) aus „Schwitzkur und Angstschweiss“ von Urs Leo Gantenbein, Kapitel „4.21. Besinnung auf das Gemeinsame — die Ärztegesellschaften“ (Neujahrsblatt Stadtbibliothek Winterthur 1996)

Besinnung auf das Gemeinsame — die Ärztegesellschaften

„Das 19. Jahrhundert brachte nicht nur tiefgreifende politische und gesellschaftliche Umwälzungen mit sich, sondern es machte sich auch ein neues Denken breit, das auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichtet war. Das manifestierte sich auf medizinischem Gebiet dadurch, dass sich die Ärzte zusammenschlossen und sich auf ihre gemeinsamen Ziele und Interessen besannen. So schossen in den ersten Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts in der ganzen Schweiz auf kantonaler und regionaler Ebene Ärztegesellschaften wie Pilze aus dem Boden. In Winterthur formierten sich 1833 fünfzehn Ärzte aus der Stadt und der Umgebung zur Medicinisch-chirurgischen Gesellschaft des Bezirks Winterthur." Der Zweck des Vereins war darauf ausgerichtet, «theils durch Zusammenkünfte ein gegenseitiges freundschaftliches Annähern zu befördern und zu unterhalten, theils durch Errichtung eines medicinischen Lesezirkels gemeinschaftlich sich das Fortschreiten in der Wissenschaft zu erleichtern». Es zeigte sich aber bald, dass diese Ziele zu hoch gesteckt waren. Die an Selbstherrlichkeit gewöhnten Ärzte konnten sich nur schwer an die neuen Massstäbe der Kollegialität anpassen. Dazu gesellte sich das Gefälle zwischen Stadt- und Landärzten. Auch der Lesezirkel funktionierte anfangs mehr schlecht als recht. Die Missstände und die allgemeine Unzufriedenheit führten 1843 zur Auflösung der Gesellschaft und zu einer Neukonstituierung.

Gründung und erste Entwicklung

Der neue Verein war in seiner Zielsetzung bescheidener konzipiert. Der spätere Spitalarzt Jakob Heinrich Koller (1808-1869) tat sich mit neun Landärzten zusammen und gründete den Lesezirkel des Landbezirks Winterthur. Mit der Begründung, dass ein Zusammenschluss sämtlicher Ärzte aus standespolitischen Gründen notwendig sei, lud man die Stadtärzte schriftlich zum Beitritt ein. Nach anfänglicher Ablehnung schlossen sich jedoch die meisten mit der Zeit an, so dass der Name 1854 auf Medicinischer Verein des Bezirkes Winterthur abgeändert wurde. Über eine zu jener Zeit gleichzeitig bestehende Städtische Ärztegesellschaft sind keine Unterlagen erhalten. Ebenfalls 1833 wurde in Andelfingen die Medicinisch-chirurgisch-pharmaceutische Gesellschaft im Bezirk Andelfingen gegründet. Vierzig Jahre später, 1873, vereinigten sich die beiden Gesellschaften zur heutigen Ärztlichen Gesellschaft der Bezirke Winterthur und Andelfingen. Die weitere Entwicklung gestaltete sich ohne grosse Störungen.

Die Zusammenkünfte der Gesellschaft fanden in den ersten Jahren im Gasthof zum Kreuz statt. Neben dem wissenschaftlichen spielte der gesellige Teil — damals wie heute — keine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stand anfänglich das gemeinsame Lesen neuerer Fachliteratur und medizinischer Zeitschriften. Das bedeutete besonders für die Landärzte oft die einzige Fortbildungsmöglichkeit; dazu kamen Vorträge an den Versammlungen und klinische Demonstrationen im Kantonsspital. Erstmals wurde 1880 auch der psychiatrischen Anstalt Rheinau ein Besuch abgestattet. Die Protokolle der Ärztegesellschaft und auch die Manuskripte der Vorträge erlauben einen einzigartigen Einblick in die Entwicklung der Medizin seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erhellen aber auch die sich wandelnde Rolle der Ärzte in der Gesellschaft. Die den Mitgliedern gehaltenen Vorträge schildern nicht selten aussergewöhnliche Operationen. Sie stellen die neuesten Entwicklungen in der Medizin vor, so z. B. 1925 das Elektrokardiogramm, 1927 das Insulin, 1942 Chemotherapeutika, 1946 das Penicillin, 1951 das Cortison. Sie spiegeln aber auch den Wandel wider, den die Infektionskrankheiten im Laufe der Zeit genommen haben.

Die AWA Ärztegesellschaft Winterthur-Andelfingen und ihre Zielvorstellungen ist nach wie vor eine aktive Standesorganisation und hat 2008 in einer würdigen Feier ihr 175-Jahr-Jubiläum gefeiert. Die Leitgedanken sind dieselben wie aus der Gründerzeit nur moderner formuliert:

1. freie ärztliche Entscheidungen (bewahren)

2. patientenorientierte Medizin des Notwendigen (betreiben)

3. integrales, volkswirtschaftliches Denken (fördern)

4. die Qualität (ständig überprüfen und sicherstellen)

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