w i n t e r t h u r - g l o s s a r . c h


Anton-Graff-Haus

Sat Oct 02 00:00:00 UTC 1971

Berufsbildungsschule Winterthur BBW

Abteilung Maschinenbau

Zürcherstr. 28

8400 Winterthur


Anstelle des alten Gutes "Zum Unteren Brühl" errichtete die Firma Sulzer 1971 einen Schulhaus-Neubau an der Zürcherstrasse 28 beim Brühleck. Das Berufsschulhaus steht auf dem Grundstück der ehemaligen Villa Rieter.

Die Tatsache, dass die Maschinenfabrik Sulzer AG über Jahrzehnte hinweg eine eigene Berufsschule führte und finanzierte, zeigt mit aller Deutlichkeit wie ernst es dem Unternehmen auch war, gut ausgebildete Nachwuchskräfte für die Wirtschaft auszubilden. Im Erdgeschoss des Neubaus von 1971 befand sich ein grosses Personalrestaurant und in den Obergeschossen die werkseigene Berufsschule. Gleichzeitig mit der Einweihung am 2.10.1971 konnte die Werkschule ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Später im Zuge der Umstrukturierung der Sulzer AG übernahm der Kanton Schule und Gebäude. Darin untergebracht sind heute die Berufsschule Abteilung Maschinenbau und die Berufsmaturitätsschule als Bestandteil der Berufsbildungsschulen Winterthur.

Der Kanton Zürich, verantwortlich für die Berufsschule Winterthur, baute das alte Gebäude der Werkschule Sulzer in ein modernes Schulhaus für Berufsschüler um. Der Kanton stellte für den Umbau des Anton-Graff-Haus 51 Millionen Franken zur Verfügung. 2006 wurde ein Architektur-Wettbewerb durchgeführt. Das Luzerner Büro "Bosshard & Luchsinger Architekten AG" gewann diesen. Es entstanden im Untergeschoss zwei Kleinfeld-Turnhallen. Weiter errichtete man eine Mensa, eine Aula und eine Mediothek. Anstelle der Pausenhalle im Dachgeschoss wird ein weiteres Geschoss gebaut und somit auch das Schulzimmerangebot vergrössert. Die weiter bestehenden Räume wurden saniert.

Mitte Februar 2012 fand der Umzug aus dem Provisorium im Technopark ins neue Schulhaus Anton-Graff statt. 1700 Schüler besuchen neu in 52 Schulzimmern den Berufsschule-Unterricht der Abteilung Maschinenbau.

Das Rietergut

Der Lehrlingsausbildung wurde von der Firma Sulzer stets ein sehr grosser Stellenwert zugemessen. Das begann bereits bei Vater Johann Jakob Sulzer (1782-1853). Er legte bei der Berufsausbildung seiner beiden Söhne Johann Jakob (1806-1883) und Salomon (1809-1869) Wert darauf, dass sie neben der praktischen Arbeit sich auch theoretischen ausbildeten. „Keine Praxis ohne Theorie“ war der Leitsatz, den alle späteren Sulzer-Generationen immer pflegten. Gegen Mitte des 19. Jhdts. schloss die Firma Gebrüder Sulzer als erstes schweizerisches Unternehmen einen Lehrvertrag mit einem Giesserlehrling ab. Die Sulzerlehrlinge besuchten die städtische Gewerbeschule, daneben wurden sie zusätzlich in der betriebseigenen Schule weitergebildet: ab 1870 als Schlosser, ab 1874 als Giesser und ab 1905 als Dreher. 1923 übernahm die Werkschule auch die Ausbildung kaufmännischer Lehrlinge (Verwaltungsbeamte), und 1929 wurde die Zeichnerschule eröffnet.

Foto: winbib

Die wachsende Zahl der Lehrlinge, die Vermehrung der Lehrberufe, aber auch die steigenden Anforderungen an die Berufsausbildung zwangen zu einem Ausbau der Werkschule (heute Berufsschule): Im Jahre 1907 wurde ein nur für Unterrichtszwecke eingerichtetes Schulgebäude bezogen, 10 Jahre später das Lehrlingswesen zu einer selbständigen Abteilung der Firma erklärt und unter eine zentrale Leitung gestellt.

Das Schulgebäude an der Ecke Rudolf-/Zürcherstraße, das 1907 bezogen wurde, hat firmengeschichtliche Bedeutung. Über fünfzig Jahre zuvor war es als Wohnhaus der Gebrüder Sulzer neben der ersten Eisengießerei erbaut worden. Nach der Jahrhundertwende musste es von seinem angestammten Platz weichen und wurde an der Rudolfstraße wieder errichtet. Jahrzehntelang blieb es «die Sulzer-Werkschule». Doch in den letzten Jahren vermochte es immer weniger den wachsenden Raumbedürfnissen und den steigenden Anforderungen an einen modernen Unterricht zu genügen. Immer mehr neue Schulräume mussten in der näheren und weiteren Umgebung eingerichtet werden.

Eine definitive und auch den Bedürfnissen der Zukunft entsprechende Lösung brachte der Bau eines neuen Schulhauses, das kombiniert ist mit einer neuen Werkkantine. Dieser großzügige Bau, dessen Konzeption das Praktizieren der modernsten Unterrichtsmethoden ermöglicht, wurde anstelle des «Rietergutes» an der Ecke Zürcher-/Anton-Graff-Straße errichtet.

Mit dem «Rietergut» verschwand aus dem Stadtbild eines jener alten Herrschaftshäuser, die zwar lange Zeit den Charakter der Stadt mitprägten, schon lange aber ihr ursprüngliches Aussehen und damit auch ihre kunsthistorische Bedeutung verloren haben. Das Patrizierhaus „Rietergut“, ursprünglich „Trollengut“ und später „Zum unteren Brühl“ genannt, wurde um 1770 erbaut, und es war der spätere Rektor Johann Conrad Troll (geboren 1783), der darin, nämlich bei seinen Großeltern, einige Jugendjahre verlebte. Durch Verkauf ging das Haus 1795 an den Ratsherrn Ulrich Kaufmann über. 1864 wurde es von Heinrich von Sulzer-Wart erworben, und 1873 übernahm es Oskar Rieter-Dölly. Bauliche Veränderungen, die wenige Jahre später vorgenommen wurden, nahmen jedoch dem Haus seinen ursprünglichen Charakter. Nachdem es in den Besitz von Gebrüder Sulzer übergegangen war, wurden in den hohen, herrschaftlichen Räumen Büros eingerichtet. Die wenigen wertvollen Teile des Baus -Treppengeländer, vor allein aber eine schöne Rokoko-Stuckdecke- konnten beim Abbruch erhalten werden.

Foto: winbib

Die Sulzer-Werkschule ist heute eine der modernsten Berufsschulen, obwohl -oder weil- sie sich auf eine hundertjährige Lehrtradition stützen kann. Traditionell ist auch ihre Aufgabe: In der Methode als Katalysator zu wirken von Theorie und Praxis. Und ihr neuer Standort, nämlich an jener Stelle, wo Johann Conrad Troll heranwuchs, mag eine Verpflichtung sein zur Pflege auch des Geistes dieses Pädagogen, der ja in enger persönlicher Beziehung stand zu Heinrich Pestalozzi. Das neue Gebäude trägt die Bezeichnung «Anton-Graff-Haus».

Zweiter Textteil nach Bruno Knobel aus dem Winterthurer Jahrbuch 1971

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