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Historische Industrien im Schlosstal


Der Bau der Autobahn A1 veränderte das Schlosstal zwischen Töss und Wülflingen stark. Die viel gepriesene Umfahrung von Winterthur wurde 1968 in Betrieb genommen. Diesem Bau der Nationalstrasse vielen einige Gebäude und Einrichtungen zum Opfer. Nebst der legendären „Krone Töss“ und dem Fussballplatz Nägelsee verschwanden auch Spuren von Industrie- und Gewerbe-Betriebe aus dem Schlosstal.

Foto: winbib

Die Papierfabrik Wülflingen und ihre Nachfolgebetriebe

Zwischen Schlosshof und Wespimühle, da wo heute die Nationalstrasse A1 die Töss überbrückt, gründete die Firma Ziegler & Co. im Jahre 1834 eine Papierfabrik. Die «gelbe Falle» staute beim Haus zum «Letten» die Töss und liess ihr Wasser in einem nahe dem Tösslauf erstellten Kanal dem Wasserrad der Papiermühle zufliessen. 1840 entstand in einem Anbau ein Dampfhaus, in dem Leim und Lumpen gekocht wurden. Ein Jahr später wurde die Papierfabrik zur Firma Frey, Ziegler & Co. erweitert. Es folgten eine Reihe technischer Verbesserungen. 1842 verfügte der Betrieb über zwei Wasserräder mit Vorgeleg, einen eisernen Wellbaum und zwei Kammräder. 1854 wurde ein Wasserrad mit zwei gusseisernen Zahnkränzen eingebaut, 1875 wird eine Dampfmaschine erwähnt, und 1877 ersetzte man das Wasserrad durch eine Turbine. Am 3. Juni 1883 brannte die Fabrik, in der zuletzt 45 Arbeiter beschäftigt gewesen waren, bis auf ein Nebengebäude ab. Drei Feuerwehrleute aus Wülflingen kamen bei den Löscharbeiten ums Leben. Direktor Bubikofer beteiligte sich an einem ähnlichen Unternehmen in Bex im Waadtland und verzichtete auf den Wiederaufbau der Papierfabrik Wülflingen, an deren Existenz heute der Papiermühleweg zwischen Schlosstal- und Wieshofstrasse erinnert.

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Auf dem Platz der abgebrannten Papiermühle entstand 1885/86 ein neuer Betrieb, die Nagelfabrik von Gottfried Schoch, deren fünf Maschinen täglich gegen zehntausend Hufnägel herstellen konnten. Die Firma Schoch, Gruban & Co. mit Hauptsitz in Brugg nahm aber keinen Aufschwung und musste 1896 das Fabrikgebäude mit Turbinenhaus, Turbine und Hochkamin in Wülflingen liquidieren. Nachdem die Gemeindeversammlung vom 31. Januar 1897 den Ankauf der ehemaligen Nagelfabrik abgelehnt hatte, eröffnete E. Gouverné & Baumann in den leerstehenden Räumen eine Kehlleistenfabrik und stellte hier Krallentäfer, englische Riemenböden, Dachverschalungen, Konsolen, Rundstäbe, Tür- und Fensterverkleidungen sowie Leisten her. Hobelwerk und Kehlleistenfabrik Wülflingen, seit 1900 als Firma R. Rietmann geführt, brannten anfangs des 20. Jahrhunderts wieder ab. Und wieder entstanden am gleichen Platz neue Fabrikbauten, diesmal für die Sperrholzplatten- und Furnierfabrik von E. Bänninger-Volkart, deren vom 11. November 1915 datierte Fabrikordnung erhalten ist.

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Die tägliche Arbeitszeit betrug damals zehn Stunden, an Vorabenden von Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen arbeitete man neun Stunden. «Gegenwärtig ist es ziemlich still um den einst betriebsamen Ort geworden», stand 1940 im «Landboten» zu lesen, «und es ist, als ob der hohe, rote und rauchlose Kamin sich nach neuer, intensiverer Arbeit umsehen würde.» 1945 war es so weit. Heinrich Tavernaro verlegte seinen 1922 gegründeten chemischen Betrieb von der Wartstrasse in die dem Baumeister Heinrich Leemann, Töss, gehörenden Räume auf dem Areal der ehemaligen Papiermühle. Hier stellte er mit einer Belegschaft von rund zwanzig Personen verschiedene Reinigungs- und Bodenpflegemittel her. 1965 siedelte das Unternehmen nach Neftenbach über, weil der Bau der Nationalstrasse A1 den Abbruch der Fabrikgebäude nötig machte.

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Die Schollenberger- oder SchlosstaImühle

In seinem 1838/39 erstellten Haus am Tössufer — es stand auf dem Platz der heutigen Schweizerischen Technischen Fachschule — führte Salomon Wimmersberger (1786-1860) eine mit Wasserkraft angetriebene mechanische Werkstätte und Schmiede, die 1849 durch Kauf an Jakob Heinrich Schollenberger (1802-1881) von Buch am Irchel überging. Schollenberger, von Beruf Müller und seit Beginn der 1840er Jahre Leiter der den Rieter gehörenden Neumühle Töss, liess die Werkstatt in eine Mühle umbauen und erweiterte den Betrieb 1857 um ein Dresch- und Sägereigebäude, das aber schon zwei Jahre später durch einen Brand teilweise zerstört wurde. 1879 trat Heinrich Schollenberger das gefestigte Unternehmen seinen beiden Söhnen ab. Zum ausserordentlichen Professor der Universität Zürich ernannt, überliess aber der Jurist Johann Jakob Schollenberger (1851-1936) im Jahre 1893 den Weiterbetrieb der väterlichen Mühle und Säge ganz dem älteren Bruder Heinrich (1848-1930), der in Dijon die Müllereifachschule besucht und sich dann in Budapest weitergebildet hatte.

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Technische Begabung und fortschrittlicher Weitblick des neuen Inhabers wirkten sich günstig auf das Unternehmen aus. 1896 wurde dem Hauptgebäude ein Dampfmaschinenhaus mit Hochkamin und der damals grösste Getreidesilo in der Umgebung angegliedert. 1917 ging die Schlosstalmühle an die Kollektivgesellschaft Hans und Walter Schollenberger über. Nachdem sich Walter zum Medizinstudium entschlossen hatte, übernahm Hans Schollenberger 1919 die Leitung allein und baute den Betrieb zur leistungsfähigen Grossmühle aus, die aber nach dem Tode des Besitzers an die Mühlenvereinigung Innerschweiz-Zürich verkauft und im Sommer 1955 stillgelegt wurde. Die Liegenschaften der Schlosstal- oder Schollenbergermühle gingen ein Jahr später an die Stadtgemeinde Winterthur über, welche die Bauten 1960 abbrechen liess, um an deren Stelle die Fachschule Hard, die heutige Schweizerische Technische Fachschule Winterthur, bauen zu können.

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