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Frauenfussball in Winterthur

Fri Jul 01 00:00:00 UTC 2016

Seit dem 1. Juli 2016 hat der FC Winterthur eine Frauenabteilung. Ziel ist es, den bisher nichtexistierenden Spitzenfussball der Frauen in der Region aufzubauen und so rasch wie möglich in die obersten Ligen vorzudringen. Die Frauen sind auf gutem Wege.

Der Artikel „Frauenfussball“ wurde geschrieben von Claudia Meili und ist erschienen im „puls sportmagazin“ 1/2017. Die Fotos wurden dazu zur Verfügung gestellt.

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Es muss etwas getan werden

Sarah Akanji ist die Initiantin des Projekts Frauenfussball beim FC Winterthur. Sie sagt: „Mädchen sollen einen Ansporn haben, in Winterthur Spitzenfussball zu spielen. Das hat mir in meiner Jugend gefehlt.“ Die 23-Jährige hatte als Mädchen bei den E-Junioren beim FC Wiesendangen angefangen Fussball zu spielen, weil es damals noch keine Juniorinnen gab. „Dann kam ich zu den B-Juniorinnen – aber viel zu früh.“ Die Spielerinnen seien ihr alle körperlich überlegen gewesen, so habe sie wieder zu den Jungs gewechselt. „Das war fussballerisch meine beste Zeit.“

Die Wiesendangerin hatte sich schon länger mit diesem Thema beschäftigt. „Es hat in den Vereinen zu wenig Spielerinnen, um konstante Teams zu bilden und die Ziele sind zu verschieden.“ Es war das Ziel, die Zusammenarbeit unter den Vereinen zu verbessern und die besten Talente in das Auswahlteam des FCW zu vereinen.“

Vor fünf Jahren hatte sie erstmals den FC Winterthur kontaktiert und angeregt, ein Förderteam für junge Fussballerinnen zu gründen. „Herausgekommen ist damals leider noch nichts“, so Sarah Akanji. Ausschlaggebend sei dann ein Bericht im Landboten im Juni 2015 gewesen mit dem Inhalt, in Winterthur werde viel für den Frauenfussball getan. „Das hatte mich so genervt, dass ich dem Journalisten eine E-Mail schrieb, worauf ein Interview mit mir folgte.“ So kam der Stein ins Rollen.

Reinhard Zweifel und später Claudia Gfeller, verantwortlich für den Frauenfussball beim zürcherischen Fussballverband nahmen daraufhin mit der jungen Fussballerin Kontakt auf und gab die nötigen Auskünfte zur Gründung eines neuen Teams. Sarah Akanji holte sich mit Beat von Niederhäusern einen alten Fuchs im regionalen Fussball an Bord und gemeinsam gleisten sie das Projekt „Spitzenfussball in Winterthur“ auf. Sie sind überzeugt, der Frauenfussball sei es wert, gefördert zu werden. Beat von Niederhäusern sagt: „Mit den Talenten aus Winterthur und der Region muss es möglich sein, ein Nati-B-Team aufzustellen.“

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Mehr Frauen für den Fussball

Erst 1970 wurde die Schweizerische Damen-Fussball-Liga gegründet. Unter dieser wurden auch erste internationale Spiele ausgetragen. 1993 wurde der Frauenfussball endlich in den Schweizerischen Fussballverband (SFV) integriert. Vor zwei Jahren qualifizierte sich die A-Nationalmannschaft erstmals für eine WM-Endrunde, sie erreichte in Kanada die Achtelfinals.

„Mehr Frauen für den Fussball“ heisst ein Projekt des SFV. Trotz wachsender Popularität des Frauenfussballs sollen in verschiedensten Funktionen mehr Frauen für den Fussballsport gewonnen werden. Vom Pausenplatz in die Champions League, vom Dorf-Fussballplatz an die Weltmeisterschaft – das sind Geschichten, die viele der heutigen Nationalspielerinnen der Schweiz erzählen können. Noch vor ein paar Jahren waren dies für junge Mädchen nur Wunschvorstellungen. Der SFV möchte junge Mädchen und Frauen im ganzen Land dazu inspirieren, sich über soziale Normen hinweg zu setzen, ihre Träume zu verfolgen und ihre Leidenschaft für das runde Leder zu leben.

Im Kanton Zürich waren es Schwerzenbach und Seebach, die sich so weit entwickelten, dass man die Teams bei GC und beim FCZ anschloss. Der FC. St. Gallen hat ebenfalls eine Frauenmannschaft. Nur die Region Winterthur fehlte noch auf der Frauenfussball-Karte. Lange Anfahrtswege lassen sich nicht mit Beruf oder Studium und Fussball kombinieren. Dank den Initianten ist dies nun abgedeckt. Alle Spielerinnen arbeiten Vollzeit oder studieren. Der Fussball ist ihr Hobby. So wie Sarah Akanji auch, sie macht ein Studium in Geschichte und Politik.

Die Erfahrung des Reisens machte auch Sarah Akanji, als sie beim FC St. Gallen spielte. Der Aufwand war gross, vier Trainingseinheiten wöchentlich, dazu das Spiel am Wochenende. Kein Vergleich mit dem Männer-Profifussball, kein Lohn, keine Spesen. Und das bei gleichem Einsatz. Sie sagt: „Nein, Fussballkarrieren von Frauen und Männern in der Schweiz kann man nicht vergleichen. Mein Bruder Manuel, der heute beim FC Basel spielt, wurde im Laufe seiner Karriere ständig unterstützt. Das fing damit an, dass ihn ein Scout entdeckte. Als Frau muss man sein Talent selber erkennen und es ist schwierig, einen konstanten Weg zu gehen. Vor allem, wenn man auf dem Land oder eben in der Region Winterthur aufwächst, in der es kein nah gelegenes Spitzenteam gibt.“

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Die Sache mit der Lizenz

Als erstes besprachen Sarah Akanji und Beat von Niederhäusern ihr Vorgehen. Unterstützung erhielten sie auch von Jeanine Fuhlrott, Ernährungsberaterin beim FCW und selbstständiger Coach sowie Sandra Hofmann, Marketing-Fachfrau und Mutter einer Fussballerin aus Wiesendangen. Es wurden alle Vereine in Winterthur und der Umgebung über ihr Vorhaben, ein Spitzenteam in Winterthur zu gründen, informiert. „Frauenförderung fanden grundsätzlich alle gut, wie ein Team gegründet werden soll, darüber gingen die Meinungen jedoch auseinander“, berichtet Sarah Akanji.

Die beiden nahmen Kontakt mit dem FC Wiesendangen auf, da es ihr Heimclub war, das schien ihnen am Naheliegendsten. Auch Beat von Niederhäusern kommt aus Wiesendangen und hat sich viele Jahre als Juniorentrainer im Verein engagiert. Es ging um die Lizenz, als Elite-Team wollten sie sich mit einem bestehenden Frauenteam, das eine 2. Liga-Lizenz besitzt, zusammentun. In Wiesendangen waren Lizenzen für die 2. und 4. Liga vorhanden. Es war das Ziel, die 2. Liga-Lizenz dieses Vereins zu bekommen, man hätte sich als Team FC Winterthur-Wiesendangen anmelden wollen und für drei Jahre auch so gespielt. „Die Förderung sollte aber kein Wiesendanger-Team werden, das in Winterthur trainiert. Uns war es wichtig, eine wirklich neue Mannschaft mit den grössten Talenten aus der Region zu bilden“, betont Sarah Akanji. Es kam dann anders, der FC Wiesendangen zog nicht mit. Der Präsident, Martin Keller, sagt dazu: „Wir haben das Thema möglichst ganzheitlich und ausführlich im Vorstand und mit anderen Vereinen diskutiert und haben uns aufgrund der Erkenntnisse klar dagegen entschieden.“

Da sich einzelne Klubs auch kritisch äusserten, weil sie befürchteten, Spielerinnen zu verlieren, hat das Projektteam eine Gruppierung vorgeschlagen. Das heisst, die Fussballerinnen könnten für beide Vereine spielen. Das Angebot ging an alle Klubs, von denen mehr als fünf zum neuen Team wechselten. Mehrere Spielerinnen von Wiesendangen haben denn auch zum neuen FC Winterthur gewechselt. Der regionale Verein hat nun nur noch eine Frauen-Mannschaft gemeldet, jene der 2. Liga. „Dass dieses Projekt, unabhängig vom Entscheid, grössere Veränderungen bei uns zur Folge haben wird, war uns schon früh klar. Ich sehe darin aber keine gravierenden Nachteile für unseren Verein“, so Martin Keller.

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Lohn bringt Rettung

Nach der Absage war die Motivation am Boden. „Ich dachte, jetzt ist es vorbei, wir sind in der Sackgasse, alle Arbeit war vergebens.“ Doch es zeigte sich eine andere Lösung. Sie erfuhren, dass der FC Lohn und auch der FC Diessenhofen Probleme hatten, genügend Spielerinnen zu finden. „Wir waren uns relativ schnell einig und wir bekamen die 3. Liga-Lizenz von Lohn“, so Beat von Niederhäusern. In der 4. Liga zu starten war nie ein Thema. „Wie soll man eine talentierte Spielerin dazu motivieren?“

Dann ging alles schnell. Im Mai fanden auf der Schützenwiese mehrere Sichtungstrainings statt. Benotet wurden sie aufgrund der Kriterien Technik, Schnelligkeit, Übersicht und Kommunikation. Der Kader besteht nun aus 23 Spielerinnen zwischen 16 und 27 Jahren aus Wiesendangen, Effretikon, Wetzikon, Volketswil, Frauenfeld, Töss, Seuzach und Neftenbach. Alle spielten zuletzt auf 2. oder 3. Liga Niveau. Der Aufstieg in die 2. Liga ist ein Muss. „Ich wünsche mir, dass wir uns möglichst schnell in der 1.Liga etablieren. Das Endziel ist die Nati B“, sagt Sarah Akanji. Sie sieht sich als Wegbereiterin für die nächste Generation, nicht als Nati-A-Spielerin. „Ich möchte junge Spielerinnen aus Winterthur und der Region motivieren und Frauenspitzenfussball möglich machen.“

Talente unter sich

Nach der Vorrunde kann sich die Bilanz sehen lassen: Tabellenerste mit neun Siegen und einem Unentschieden. Trainiert wird das Team von Adrienne Krysl, einer ehemaligen Nati-Spielerin, die bei GC und mit Sarah Akanji beim FC St. Gallen gespielt hatte. „Wir haben uns oft die Haare gerauft und gesagt, das kann doch nicht sein, dass wir nicht in Winterthur Spitzenfussball betreiben können“, sagt die 28-Jährige. Sie kommt aus Winterthur und war sofort dabei, als sie von der Idee hörte. „Es ist eine grosse Ehre für mich, diese ambitionierten Mädchen und Frauen zu begleiten und mit ihnen einen Teil ihres Lebens zu teilen,“ so Adrienne Krysl. „Ich bin einfach nur glücklich.“

Die Frauen trainieren zweimal pro Woche auf der Schützenwiese. Die Spiele finden sonntags, entweder um 10 oder 11 Uhr, auf dem Kunstrasen statt. Zuschauer gibt es noch nicht so viele, auf ein Grüppchen aus der Bierkurve sind sie aber mächtig stolz. Und Derbys gibt es auch zu sehen, gegen den SC Veltheim und den FC Neftenbach – Spannung ist garantiert auf dem Platz Winterthur. Für Sarah Akanji ist klar, dass Frauen nicht das spielerische Niveau wie die Männer erreichen, nur schon aus körperlichen Gründen. Alle Spielerinnen wissen, dass sie nie Profis in diesem Sinne werden und doch seien sie voll dabei, infiziert vom Virus Fussball.

„Anfangs merkte man, dass die Abläufe noch nicht ganz stimmten. Wir waren uns bewusst, dass das Team sich zuerst noch finden muss“, sagt Adrienne Krysl. Es läuft gut. Sie ist überzeugt, die junge Trainerin weiss, was es braucht, um sich im Spitzenfussball durchzusetzen. Sie formt das Team. Team-Events zur Förderung der Teambildung finden regelmässig statt, ebenso ein Trainingslager im Süden zur Vorbereitung auf die Rückrunde. Unterstützung bekommen sie zudem von Margaux Kalberer, der Captain von GC wechselt zu den FCW Frauen. Für den Frauenfussball wünscht sich Sarah Akanji: „Dass durch das Projekt junge Mädchen angesprochen werden. Dass sie dieses Angebot wahrnehmen und vor allem, dass Frauenfussball in der Gesellschaft endlich mehr Ansehen bekommt.“

„Wir sind super in die erste Saison gestartet, ein Spiel haben wir sogar 12:0 gewonnen“, schwärmt Sarah Akanji. Sie selber ist nach einem Kreuzbandriss im vergangenen Jahr erst auf die Rückrunde wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Es sei eine sehr gute Stimmung im neu gegründeten Team, alle seien hungrig, sehr motiviert und wollen weiterkommen.

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