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Literarische Vereinigung Winterthur


1917 wurde die Literarische Vereinigung Winterthur gegründet. Seither veranstaltet sie Lesungen, Vorträge, literarisch-musikalische Veranstaltungen und anderes mehr. Dabei kommen lokale Autoren wie auch prominente Literaten zum Zuge. Die 100-jährige Geschichte zeigt ein auf und ab. Aber immer ist es gelungen, die Vereinsziele und den Literaturbetrieb aufrechtzuerhalten.

stehend von links: Adolf Vogel, Hans Kägi, Gottlieb Bachmann, Walther Hünerwadel. sitzend: Heinrich Brunner, Paul Fink, Rudolf Hunziker, Johannes Ninck

Die Literarische Vereinigung Winterthur (LVW) wurde am 1. Mai 1917 im Gasthof „Zum Löwen“ gegründet. Eingeladen dazu haben Hans Reinhart (1880-1963) aus der Handelsfirmendynastie und Rudolf Hunziker, Prorektor an der Kantonsschule. Der Einladung sind gefolgt: Professor Dr. Paul Fink, Rektor Dr. Walther Hünerwadel, Schriftsteller Hans Kägi, Dr. Johannes Ninck und Buchhändler Adolf Vogel. Nachdem das Musik- und Kunstleben Winterthurs bereits viel früher feste Strukturen erhalten hatten, sollte mit dieser Gründung auch der Literatur zu einer stärkeren Bedeutung verholfen werden.

Die Gründerväter Hans Reinhart und Rudolf Hunziker prägten die Anfangsjahre, zumal auch die finanzielle Grundlage von ihrer Seite stammte. Aber auch andere Mitglieder trugen mit ihrer Vernetztheit das ihre zur erfolgreichen Vereinstätigkeit bei.

Weitere Persönlichkeiten setzten sich für das gute Gedeihen der neuen Organisation ein: (Wir zitieren aus „Informierter Eigensinn“ 100 Jahre LVW, Neujahrsblatt Stadtbibliothek 2017)

„So war zum Beispiel Walther Hünerwadel (1875-1964), Altphilologe und Historiker in der Tradition des Idealismus, seit 1916 Rektor des städtischen Gymnasiums, gehörte dem Vorstand des Kunstvereins an und zog 1919 in den Grossen Stadtrat ein. Paul Fink (1875-1956) war Gymnasiallehrer und seit 1910 nebenamtlich als Konservator beim Kunstverein beschäftigt. Ebenfalls am Gymnasium unterrichtete als Deutschlehrer der Theologe und Pfarrer Johannes Ninck (1863-1939), der zu den Gründern des erwähnten Vortragsvereins gehörte und zahlreiche theologische, aber auch psychologische, literaturwissenschaftliche sowie belletristische Werke verfasste. Auch Paul Schaffner (1890-1959) unterrichtete am Gymnasium; Hunziker hatte für seine Wahl gesorgt. Er war Autor literarischer und kulturhistorischer Werke — erwähnt sei sein heute noch gültiges Buch «Gottfried Keller als Maler» — sowie freier Mitarbeiter verschiedener Zeitungen, so beim «Landboten». Auch Hans Kägi (1889-1971) schrieb und war auf einem weiten literarischen Feld vielseitig tätig. Seine erste Anstellung fand er — gleichsam als Nachfolger des berühmten Frank Wedekind — im Büro der Firma Maggi in Kemptthal. Er wirkte als Lokal- und Feuilletonredaktor, so am «Neuen Winterthurer Tagblatt», für das er unter dem Kürzel k. oder K. zahlreiche Kritiken verfasste, darunter viele Theaterkritiken; vor allem aber rezensierte er die Veranstaltungen und Publikationen der Literarischen Vereinigung. Für ihre Jahrbücher schrieb er viele Beiträge. Festspiele, Erzählungen und Gedichte, aber auch lokalhistorische Studien gehören zu seiner literarischen Produktion. Lange Jahre wirkte er als Präsident der Städtischen Theaterkommission. Anfang der 1950er Jahre rief er das «Winterthurer Jahrbuch» ins Leben, das er bis 1969 selbst redigierte. Die illustere Herrenrunde konnte sich neben dem Musikkollegium und dem Kunstverein schnell und gut Achtung verschaffen. …..

Foto: LVW

Die Donatoren Theodor Reinhart und dessen Sohn Oskar verhalfen der LVW im „Club zur Geduld“ 1919 eigene Räumlichkeiten. Ein Vorstandszimmer, eine Bibliothek und ein Saal für die eigenen Veranstaltungen gehörten zu diesem räumlichen Zentrum. Die feierliche Einweihung fand am 7. Mai 1921 statt.

Eine weniger ruhmreiche Geschichte war das Verhältnis der LVW zu seinem Mitglied J.C. Heer (1859-1825). Obwohl es auch zu ihren Satzungen gehörte, Schriftsteller in Nöten zu unterstützen, liess man es bei Heer dabei bewenden, ihm die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen, als er aus finanziellen Gründen nach Deutschland auswandern musste. Immerhin war die LVW mitbesorgt, dass nach seinem Tode auf dem Brühlberg eine Heer-Gedenkstätte errichtet wurde.“

Im „Club zur Geduld“ konnte die LVW nach deren Eröffnung 1919 eigene Räume beziehen, wo fortan die vielfältigen Veranstaltungen durchgeführt werden konnten. Nicht ohne Stolz haben die Verantwortlichen von Oskar Reinhart diese Offerte angenommen. Die Literatur hatte somit in Winterthur ein räumliches Zentrum erhalten. An der Generalversammlung vom 7. Mai 1921 fand die feierliche Einweihung statt.

Foto: winbib

Die jährliche Publikation oder „die Gaben bzw. Jahrbücher“, die lange Zeit weitherum grosse Beachtung fanden und der LVW grosse Anerkennung einbrachten, wurde zur zentralen Bedeutung der LVW. War der Kontakt mit der Mitgliedschaft und zugewandten Orten anfänglich sehr umfangreich und vielschichtig, verlegten sich die Vereinsaktivitäten im Laufe der Zeit mehr und mehr auf literarische Abende. Die unredliche, kritische Zeit vor und während dem 2. Weltkrieg ging nicht ohne weiteres an der LVW vorbei. Finanzielle Sorgen traten auf und die Aufmerksamkeit gegenüber den Veranstaltungen hatte stark nachgelassen. Einschränkungen waren nötig geworden. Auch die Herausgabe der Jahrbücher wurde zur Belastung. Das letzte vor dem Kriege erschien 1938, erst 1943 erschien das nächste. Der Tod von Rudolf Hunziker 1946, Präsident der LVW seit 1917, markierte das Ende einer Epoche. Gustav Egli und Hans Bachmann, seit 1947 FDP-Stadtrat, überbrückten schwierige Jahre bis 1950 Marcel Beck, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich, das Präsidium übernahm und der LVW neuen Schwung einflösste. Beck gelang es zusammen mit seinen Vorstandsleuten wieder ein Programm zusammenzustellen das ankam, den Mitgliederbestand anwachsen liess und die Finanzen in Ordnung brachte.

Foto: winbib

Nebst dem Fördern von jungen Autoren war die Organisation von Veranstaltungen die vornehmste Aufgabe der LVW, nachdem auch die Herausgabe von Publikationen, den Jahrbüchern in den Hintergrund getreten ist. Diese Vortrags- und Leseabende fanden einerseits grossen Anklang und guten Publikumserfolg. Das Gegenteil kam hingegen ebenfalls zum Zuge. Aber auch diese Ereignisse hielten die LVW im Gespräch und strahlten in die Öffentlichkeit hinaus. „In seinem 10-jährigen Wirken als Präsident der LVW schaffte es Marcel Beck die schlingernde Literarische Vereinigung zu stabilisieren und ihr mit entscheidenden Neuerungen nach innen wie nach aussen ein neues Image zu geben.“ (Zitat aus Neujahrsblatt 2017)

Wichtige Akzente in der LVW haben auch die Buchhandlung Vogel an der Marktgasse und ihre Inhaber über drei Generationen hinweg gesetzt. Adolf Vogel (1880-1963) war Mitbegründer, Vorstandmitglied und schliesslich Ehrenmitglied. Er hat mit der Buchhandlung die LVW ein Zentrum gegeben. Im eigenen Verlag sind Publikationen der LVW erschienen, im Laden war die Vorverkaufsstelle und selbstverständlich waren die Bücher, die in den Veranstaltungen zur Debatte standen, in einer eigenen Auslage greifbar. Die beiden Nachfolger, Sohn und Enkel je namens Wolfgang, traten in seine Fussstapfen und führten diese Tradition weiter. Die Vogels waren immer wieder eine treibende Kraft der LVW.

Foto: Archiv LVW

In der Präsidialzeit von Erwin Kobel 1960 bis 1968 ging das auf und ab weiter. Die Programmierung der neusten Entwicklungen in der Literatur fand nicht immer grosse Gegenliebe wurde aber trotzdem gepflegt. Auch Frauen traten erstmals in die Vorstandsarbeit ein und ein Legat aus dem Nachlass von Oskar Reinhart von 10‘000 Franken sanierte die Finanzen.

Mit der Übernahme des Präsidiums durch den 33-jährigen Ulrich Schelling im Jahre 1968 trat im Vorstand ein Generationenwechsel ein und damit auch das „Du“, das zuvor verpönt gewesen war. Ein neuer Stil war angesagt. Das Fazit für die LVW unter dem Präsidenten Ulrich Schelling in den Jahren 1968 bis 1980 wird in der 100-Jahr-Jubiläumsschrift wie folgt gezogen: „An Generalversammlungen und Sitzungen wurden immer wieder der «jugendliche Schwung» oder «die flotte Arbeit des initiativen Präsidenten Ulrich Schelling» gelobt, zu Recht, wie sich aus der Distanz zeigt. Glücklicherweise — so ist auch aus der Distanz heraus festzustellen — hatte ihn sein «jugendlicher Schwung» nicht zu «radikalen Strukturveränderungen» verleitet. Er hatte die bewährte Struktur beibehalten, diese aber, gelegentlich riskant, mit hochaktuellem Leben gefüllt. Das Programm bewegte sich auf der Höhe der Zeit; es repräsentierte das literarische Schaffen während der 1970er Jahre und präsentierte Literatur, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist.“

Foto: winbib

Für die nächsten zehn Jahre ab 1980 über nahm der Altphilologe und ebenfalls Lehrer an der Kantonsschule Heinz Schmitz die Leitung der LVW. Er wurde bei seinem Rücktritt mit folgenden Worten belobigt: „Seine Belesenheit, sein sicheres Urteil, seine Fähigkeit, unbekannte Autoren und junge Talente aufzuspüren, seine «Eigenwilligkeit» sowie sein «hellwaches Interesse sowohl für die Literaturszene als auch für die Kulturpolitik im weiteren Sinne» seien fruchtbar für die Literarische Vereinigung gewesen.“

Auch die nachfolgenden Präsidenten führten die LVW im Sinn und Geist ihrer Vorgänger weiter. 2017 stand das 100-Jahr-Jubiläum an. Dazu erschien ein prächtiger Band des Neujahrsblattes der Stadtbibliothek Winterthur. In ihm ist in breiten, interessanten Ausführung und reich bebildert die Geschichte der LVW aufgezeichnet. Der winterthur-glossar.ch-Eintrag folgt ebenfalls auf dieser Publikation.

Jubiläumsbuch , Cover des Neujahrsblattes Stadtbibliothek Winterthur

Liste der Präsidenten und Präsidentinnen

Rudolf Hunziker (1917-1946)

Gustav Egli (1946-1950)/ Hans Bachmann ad interim (1949-1950)

Marcel Beck (1950-1960)

Erwin Kobel (1960-1968)

Ulrich Schelling (1968-1980)

Heinz Schmitz (1980-1990)

Beat Schenk (1990-1999)

HansJoerg Diener (1999-2011)

Lisa Briner Schönberger (seit 2011, ab 2016 im Co-Präsidium

mit Barbara Tribelhorn)

Barbara Tribelhorn (seit 2016 im Co-Präsidium mit

Lisa Briner Schönberger)

Kultur
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