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Stadtpolizei Winterthur

Mon Aug 12 00:00:00 UTC 1867

1867 gilt als Gründungsjahr der Stadtpolizei Winterthur. Per Inserat im «Landboten» suchte man «für die hiesige Polizeiwache» einen Ober-Lieutenant, einen Unter-Lieutenant sowie14 Polizeidiener. Die Offiziere bekamen 1800 Franken pro Jahr «nebst der in der Polizei-Organisation näher bezeichneten Kleidung», die Untergebenen wurden mit 950 Franken plus Bekleidung entlohnt. Um 1900 bestand das Korps noch immer nur aus 19 Personen.

Dieser Glossar-Eintrag basiert auf der Broschüre, die 2017 zum 150 Jahre-Jubiläum der Stadtpolizei Winterthur erschienen ist. Sie wurde von Peter Bachmann verfasst.

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Gründung

Winterthur war um 1800 militärisch besetzt. Napoleons Truppen hatten das Sagen. Nach dem Abzug der Franzosen erliess die Stadtregierung 1805 eine neue Polizeiverordnung, die verschiedene polizeiliche Bestimmungen aus früheren Jahren zu ersetzen hatte. Sie enthielt unter anderem ein Schiessverbot in der Stadt und ein Kegelverbot ausserhalb der Stadt. 1847 wurde ein Polizeikorps geschaffen. Die alte Wachstube im Haus „Zum grünen Eck“ an der heutigen oberen Kirchgasse 1 wurde geschlossen. Ein neuer Polizeiposten entstand im Bezirksgefängnis zum Rindermarkt (heute Neumarkt). Wenig später wurde er ins alte Schulhaus an der Hintergasse (heute Steinberggasse 13) verlegt. 1893 wurde wieder gezügelt und zwar ins alte Stadthaus an der Marktgasse 53. Der Tagdienst besorgte die Kontrolle des Marktes, der Metzgereien und der anderen Läden und der Wirtschaften. Der Nachtdienst bestand aus zwei Wachmeistern und zwei Turmwächtern. Letztere waren schlechter bezahlt als der Tagdienst! Die eigentliche Stadtpolizei wurde 1867 gegründet. In den damals sehr schlechten Zeiten wurde die uniformierte Polizei „Die Eigentum sichernde Polizei“ genannt. Zu Beginn bestand die Truppe aus einem Oberleutnant, einem Leutnant, zwei Unteroffizieren und zwölf Polizisten. Sie wurden aus Armeen Europas rekrutiert, waren somit eigentlich Haudegen. Dienstvergehen waren vorprogrammiert!

Die Pflichtenhefte

Das erste Pflichtenheft stammt aus dem Jahr 1871 und enthielt folgende Positionen: Eigentum sichernde Polizei, Personensichernde und beaufsichtigende Polizei, öffentliche Lustbarkeiten überwachend, die Strassenpolizei, die Gesundheitspolizei, Aufsicht über den Verkauf von Lebensmitteln, das Wirtschaftswesen und das Marktwesen. Das ergab im Jahre 1882 in etwa folgende Aktivitäten und Vorkommnisse: Ein Wirtschaftsverbot für Armengenössige, Verbot des Söldnerwerbens, Verbot des Liebesgabensammelns, des Abschiessens von Uhus, Schwan und Storch, die Überwachung von Auswanderungsagenturen. Die Ortspolizei musste auch bahnpolizeiliche Funktionen und die Blitzableiterkontrolle übernehmen, die Kesselflicker und Zinngiesser überwachen, die Ästhetik der Firmentafeln beurteilen, auf die genormte Scheitlänge für Brennholz achten, das Rauchverbot für Dachdecker durchsetzen und gegen Unruhestifter, Duellanten, Pass- und Münzfälscher, Kuppler, Landesverräter, Schänder, Mörder, Entführer, Erpresser, Bankrotteure, Tierquäler und Konkubinatspaare vorgehen. 1885 bestand das Korps aus 17 Mann, die rund 15‘000 Einwohner betreuten. Und es gab bereits 206 Verzeigungen im Strassenverkehr. 1895 mussten 120 Radfahrer gebüsst werden!

Foto: winbib

Einzug im Obertor

Die Stadt zählte um 1900 etwa 22‘500 Einwohner. Das Polizeikorps bestand inzwischen aus zwei Dienstgruppen mit je 15 Mann. 1905 war im Geschäftsbericht zu lesen: „«Der immer noch zu starke Wechsel im Mannschaftsbestand des Polizeikorps verursacht durch die Beschwerden des Dienstes im Allgemeinen und des Nachtdienstes im Besonderen, hat durch die Neuordnung der Besoldung im Jahr 1904 noch nicht beseitigt werden können.»

Am 1. Dezember 1907 wurde im Restaurant Reh (Ecke Marktgasse/Casinostrasse) der Polizeimännerverein gegründet. Er hatte das Erreichen von besseren Arbeitsbedingungen zum Ziel. Ab 1909 brachen in der Stadt verschiedene Streiks aus. Die Polizei, nun auf der anderen sozialen Seite von gewerkschaftlichen Interessen, wurde noch immer mit einem Bestand von etwas über 30 Mann dabei hart gefordert. Streikexzesse folgten sich. Auch die Kantonspolizei musste helfen. Kaum war der einjährige (!) Maurerstreik beendet kam es bei Rieter und Sulzer zum Giesserstreik. Auch die Bierbrauer und die Schreiner kämpften um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Begehren des Polizeimännervereins, das Korps sei mit Schusswaffen auszurüsten, wurde vom Stadtrat abgelehnt.

Eine neue Ära wurde am 1. Juli 1917 eingeläutet. Die Polizeiwache wurde ins Haus zum Adler am Obertor 17 verlegt. Da residiert sie heute, 100 Jahre später, immer noch. Ein Neubau auf dem Teuchelweiherplatz ist aber in Sichtweite. Bezug 2022.

Foto: Archiv Stapo

Wachsende Obligenheiten

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges folgt im November 1918 der Generalstreik und damit auch für die Polizei der 8-Stunden-Tag. Das Korps wurde um fünf Mitglieder aufgestockt. 1922 wuchs die Bevölkerung mit der Eingemeindung der Vororte auf rund 50‘000 Personen. Bei gleichem Polizeibestand ging es weiter und auch Lohnsenkungen in diesen Krisenjahren sorgten für Aufregungen. Zur Diskussion standen auch die Nebenfunktionen wie das Vertragen von Stimmzetteln, Steuernoten und Taxationsanzeigen, sowie Botengänge für das Kreiskommando. 1919 wurde ein erstes Auto, ein „Overland“ in Dienst genommen. Hingegen wurde ab dem 7. Mai 1927 für kriminalpolizeilich Aufgaben neu die Kapo zuständig. In den 1930er-Jahren noch vor dem 2. Weltkrieg wurden wegen den entstandenen Verkehrsproblemen die Marktgasse und das Obertor als Einbahnstrasse signalisiert. Auch ohne „Junge Altstadt“ war die Opposition aus der Geschäftswelt immens.

Foto: winbib

Der 2. Weltkrieg

Mit Datum vom 7. November 1940 ordnete die Oberste Heeresleitung die allgemeine Verdunkelung des ganzen Landes zwischen 22.00 Uhr und 06.00 Uhr an. Die Kontrolle wurde vom Luftschutzbataillon und der Stadtpolizei durchgeführt. Im Jahre 1940 wurde auch in Winterthur mehrmals Fliegeralarm ausgelöst. Dann musste die gesamte Mannschaft auf der Wache antreten. 1941 hatte die Stadt rund 59‘000 Einwohner, der Polizei-Mannschaftsbestand lag bei 57 Mann. Ein Lohnabbau stand nicht mehr zur Diskussion. Wegen Nichteinhalten der Verdunkelung mussten 1471 Verzeigungen erstellt werden. In diesem Jahr kam es zu elf Selbstmorden und einen Mord.

Am 28. Dezember 1938 wurde anstelle des Trams die Trolleybuslinie Winterthur—Wülflingen eröffnet. Die Teuerung ging 1942 ungebremst weiter. Es wurde geklaut was das Zeug hielt. Die Polizei musste die Pünten bewachen und bekam dafür eine Zulage ausgerichtet. Die Beschäftigungslage der Industrie war aufgrund der Nachfrage durch die Armee und die Landwirtschaft ausgezeichnet. Alle bis dahin vom Volk bewilligten Investitionen in der Gesamthöhe von 11 Millionen wurden als Notstandsmassnahmen für nach dem Krieg aufgeschoben.

Foto: winbib

Pferdefuhrwerke und Autos

1947 hatte Winterthur 65‘000 Einwohner und der Polizeibestand wurde auf 71 Mann erhöht. Der Verkehr wurde immer mehr zum Thema. Der Motorfahrzeugbestand hatte enorm zugenommen. Damit verbunden zählte man immer mehr Verkehrsunfälle. Die Nichtgewährung des Rechtsvortrittes stand dabei im Vordergrund. Es folgte die Einführung der Stoppstrasse. Sieben Tage Nachtdienst an einem Stück wurde sistiert, dafür das Korps auf 79 Mann erhöht.

Die Unfallstatistik 1957 verrät, dass trotz der zunehmenden Motorisierung noch Fuhrwerke unterwegs waren, denn es wurden noch sieben Unfälle mit Pferdefuhrwerken vermerkt. Mit Pferden zweispännig unterwegs waren damals noch die Brauereien Haldengut und Hürlimann, die Firma Seifen-Sträuli und vierspännig sah man die Neumühle Töss auf den Strassen. Diverse Fuhrhalter machten noch Hauslieferungen ab den Bahnhöfen.

1962 bestand die Stadtpolizei aus einem Kommandanten, zwei Kommissare, 8 Wachtmeister, 16 Korporale, 22 Gefreite, 44 Polizeisoldaten, total 93 Mann. Mit Uniform waren 58 Mann unterwegs. Werktags mussten 10 Verkehrsposten besetzt werden. 1963 war das Korps auf 110 Mann angewachsen, wovon 72 Mann Uniformpolizei waren. Die schwarze Uniform in Filzqualität wurde immer unbeliebter, weil sie vom Volk als Feuerwehruniform apostrophiert wurde. Man beantragte dem Kommando, eine moderne Uniform von heller Farbe anzuschaffen.

Bild: winbib

Personalprobleme

Per Mitte 1964 wurden die Stadtpolizisten dem neuesten Modetrend (?) entsprechen, neu eingekleidet. Mit einem Marsch durch die Altstadt wurde die neue Uniform der Bevölkerung vorgestellt. Die Euphorie hielt nur kurz. 1966 erschütterte eine Kündigungswelle die Stapo und deren Bestand sank auf 65 Mann. Unregelmässiger Dienst und schlechte Bezahlung wurde als Gründe genannt. Der Stadtrat formulierte das Ziel, eine Polizei mit 180 Mann zu erreichen. Das Personalstatut wurde revidiert. Es gab den 13. Monatslohn und ab 50. Altersjahr eine fünfte Ferienwoche. Es rumorte aber weiter. Die Besoldung wurde zum Dauerthema. Aus der Bevölkerung, die von Jahr zu Jahre stark anwuchs, kam ebenfalls Gegenwehr. Was sich in den Jahren als Kraftmeierei eingeschlichen hatte, wurde nicht mehr akzeptiert. Aber auch das Klima wurde rauer. Stichwort „DLZ“ mit Bombenanschlägen gegen VIP. Folge: Neubewaffnung des Polizeikorps. Ab 1976 wurde die SIG-Sauer P225 eingeführt. In den 1980er-Jahren kam auch der Randalismus in die Eulachstadt und der Stadtpräsident übernahm die politische Führung der Polizei. Die prekären Platzverhältnisse am Obertor konnte entspannt werden mit dem Bezug der Räumlichkeiten an der Badgasse im ehemaligen Hallenbad.

Foto: Archiv Stapo

Neu mit EDV

1981 wohnten bald 90‘000 Menschen in Winterthur und es wurden unruhige Jahre. Die Waffenschau „W81“ wühlte zu Protesten auf, die Winterthur schon lange nicht gesehen hatte. Das Polizeikorps von 180 Mann war im Dauerstress. Am 7. August 1984 eskalierten die Ereignisse mit einem Bombenanschlag auf das Haus von Bundesrat Rudolf Friedrich.

Zum Glück beruhigte sich die Szene wieder. Mit der Einführung von Quartierpolizisten, einem Wechsel im Kommando und neuen internen Abläufen baute die Stadtpolizei ihre Sympathie wieder auf. 1988 startete eine neue Ausbildungsklasse mit elf Aspiranten. Davon waren als Neuheit zwei Frauen. Hostessen waren bereits seit den 1970er-Jahren als Hilfspolizisten im Einsatz. 1988 kam die EDV zur Polizei. Das Rapportwesen fand neu am Computer statt und 1994 wurde eine mobile Einsatzzentrale in Betrieb genommen.

Jubiläumsjahr 2017

Grosseinsätze sind im neuen Jahrhundert fast zum Alltag geworden. Obwohl die Stapo heute eine moderne und gut ausgestatte Organisations-Abteilung der Stadt Winterthur geworden ist, sind die Anforderungen gross und herausfordernd. Die Stadtpolizei Winterthur gibt es 2017 seit 150 Jahren und seit 100 Jahren ist sie am Obertor domiziliert. Zwar wurden einige alte Gebäude rund um das Obertor 17 dazu genommen, aber die Platzverhältnisse sind seit Jahren prekär. Was jahrzehntelang diskutiert wurde, kommt nun nach einer Volksabstimmung im Jahr 2016 (61% Zustimmung für Kredit von 82.1 Mio. Franken) anders. An der Obermühlestrasse (auf dem ehemaligen Teuchelweiherplatz) direkt neben dem Feuerwehrgebäude soll ein neues und modernes Polizeigebäude erstellt werden. Das neue Gebäude soll der Stadtpolizei einen zeitgemässen Betrieb mit 250 Mitarbeitenden ermöglichen und der Bevölkerung eine leistungsfähige Polizei garantieren. Noch ist etwas Geduld gefragt, die Inbetriebnahme ist auf 2022 geplant.

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