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Neuapostolische Kirche Winterthur

Mon Jul 10 00:00:00 UTC 1899

Mehr als 500 Kirchgänger zählt die neuapostolische Kirche in Winterthur, über neun Millionen sind es weltweit. Die total umgebaute Kirche nahe dem Hauptbahnhof soll nun zeigen, dass eine Öffnung im Gange ist. Sie ist nicht mehr hinter Bäumen versteckt. Am Sonntag, 17. Juni 2018, wurde in Winterthur ein neues Kapitel neuapostolische Stadtgeschichte geschrieben. Nach eineinhalbjähriger Umbauzeit konnte die Kirche an der Wülflingerstrasse neu eröffnet werden.

Quelle: Landbote vom 14.6.2018 Textbeitrag von Michael Graf

Foto: Hinder Kalberer, Architekten GmbH

Die neuapostolische Kirche Winterthur steht an bester Lage, keine 100 Meter vom Hauptbahnhof Winterthur an der Wülflingerstrasse 4. Gemerkt hat das jahrzehntelang kaum jemand. Grosse Bäume schirmten es vor den Blicken der Autofahrer an der Wülflingerstrasse ab. Das Versteckspiel ist vorbei. In einem auffälligen dunkelblauen Metallkleid präsentiert sich die Kirche 2018 nach dem Umbau, die Bäume sind zurückgeschnitten. Der Auftrag an den Architekten lautete: „Aufmachen!“ Das widerspiegelt die Entwicklung, die innerhalb der Kirche in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Die neuapostolische Kirche wird gemeinhin als Freikirche bezeichnet. Es gibt keine Berührungspunkte mit der in Winterthur sonst so gutvernetzten evangelischen Szene. Auch der Gottesdienst hat mit dem rockig-flockigen «Worship» eines ICF kaum Gemeinsamkeiten. Er läuft ernst und feierlich ab, mit Orgelmusik und Chorgesang. Die Predigt ist in Hochdeutsch und zum Abendmahl reihen sich die Gläubigen auf, um eine Hostie zu empfangen.

Foto: Hinder Kalberer, Architekten GmbH

Geschichte der neuapostolischen Gemeinde Winterthur

Im Jahr 1899 fand in Winterthur der erste neuapostolische Gottesdienst statt. In den folgenden Jahren wuchs die Gemeinde schnell und die anfänglich gemieteten kleinen Lokale reichten nicht mehr aus. 1953 konnte auf dem erworbenen, zentral gelegenen Grundstück an der Wülflingerstrasse 4 eine eigene Kirche gebaut werden. Weil das schliesslich über 60-jährige Gebäude den zeitgemässen Ansprüchen nicht mehr entsprach, musste es umfassend umgebaut werden. Im Januar 2017 fand der letzte Gottesdienst in der alten Kirche Winterthur statt. Während des Umbaus fanden die Wochengottesdienste in der Gemeinde Seen und die Sonntagsgottesdienste in der Friedhofskapelle Rosenberg statt.

Foto: Hinder Kalberer, Architekten GmbH

Zu den Landeskirchen gibt es Unterschiede. In der neuapostolischen Kirche werden alle Aufgaben innerhalb der Gemeinde von Laien ausgeführt. Die Predigt ist nicht vorbereitet, sondern in freier Rede; die neuapostolische Kirche glaubt, dass der Heilige Geist durch den Priester spricht. Ein wichtiges Element des Glaubens ist die Überzeugung, dass Jesus bald wiederkommen wird, um sein auserwähltes Volk zu sich ins Paradies zu holen. «Früher wurden solche Glaubensunterschiede zu den Landeskirchen betont», sagt der Gemeindeleiter Peter Maurer. «Inzwischen sehen wir, dass wir mit anderen christlichen Kirchen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Die «Exklusivität», also die Überzeugung, dass die neuapostolischen Christen allein das auserwählte Volk sind, habe man aufgegeben.“

Foto: Hinder Kalberer, Architekten GmbH

Die neuapostolische Kirche bemühte sich in den letzten Jahren um den Kontakt zur Ökumene. Und diese zeigte sich gesprächsbereit. In der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz, der die Landeskirchen, aber auch orthodoxe oder methodistische Gemeinden angehören, wurden ihr 2014 der Gaststatus gewährt und eine «weitgehend Öffnung» attestiert. Wann dürfen Frauen predigen? Eine gewisse Normalisierung scheint im Gange. Als internationale Kirche müssten die Regeln für alle Länder umsetzbar sein. Die zahlenmässig grössten neuapostolischen Gemeinden finden sich in Afrika. «Das sind nach wie vor Männergesellschaften», sagt Maurer. Auch bei der Frage der Homosexualität sei die offizielle Haltung «im Fluss». «Die neuapostolische Kirche weltweit hat aufgehört, sie als Sünde anzusehen» sagt Maurer.

Was die neuapostolische Kirche mit den Freikirchen verbindet, ist die Finanzierung durch Spenden. Sie werden bar im Opferstock am Kircheneingang geleistet oder bequem per Einzahlungsschein. In der Schweiz ging die Zahl der Gläubigen in den letzten Jahrzehnten zurück, auch in Winterthur.

Foto: Hinder Kalberer, Architekten GmbH

Mit der Neueröffnung der Kirche im Juni 2018 wurden auch die zuvor eigenständigen Gemeinden Winterthur-Seen und Neftenbach aufgehoben und zur neuen Gemeinde Winterthur-Stadt zusammengefasst. Was mit den Arealen passiert, wird in Zürich entschieden,dort ist der Verwaltungssitz der Neuapostolischen Kirche in der Schweiz.

Die moderne Technologie sieht der Gemeindeleiter nicht als Bedrohung, sondern als «riesige Chance». Auch das ist eine neuapostolische Eigenart: Seit es zuverlässige Satellitenübertragung gibt, versammeln sich Gemeinden weltweit mehrmals pro Jahr vor Bildschirmen und lauschen den Worten des Stammapostels. Als Internetstream geht das einfacher und günstiger. Die Kirchenrückwand ist nicht umsonst weiss: Hier kann ein Beamer projizieren.

Foto: Hinder Kalberer, Architekten GmbH

Markanter Neubau

Unter der Projektleitung des Architekturbüros Hinder Kalberer Architekten GmbH entstand anstelle des unscheinbaren zurückgezogenen Altbaus ein modernes und selbstbewusstes Kirchengebäude. Das Dach des Kirchensaals wurde mit einem turmartigen Aufbau auf der Seite Wülflingerstrasse ergänzt. Ausserdem gestaltete der Winterthurer Künstler Nicola Grabiele die neuen Kirchenfenster. Dadurch wird der Raum mit farbigem Licht erfüllt, und es entsteht ein ganz spezielles Ambiente. Im Weiteren wurde der Kirchensaal durch eine Empore erweitert. Das Herzstück der neuen Kirche bildet ein massiver Altar aus schlichtem, hellem Holz. Durch die gekonnte Einsetzung von zenitalem Licht über dem Altar entsteht eine sakrale Stimmung. Die Türhüter freut es besonders, dass die gesamte Technik im Kirchensaal über ein Tablet gesteuert werden kann. Der in die Jahre gekommene Anbau konnte nicht wiederverwendet werden. An dessen Stelle steht heute ein moderner und einladender Neubau aus Holz und Glas.

Portrait der Gemeinde Oberwinterthur

Die Gemeinde Oberwinterthur, am Mooswiesenweg 5, die eigenständig bleibt, gehört auch zum Kirchenbezirk Winterthur und besteht seit 1952. Auch hier trifft man sich zum Gottesdienst. Es wird gemeinsam musiziert und das Gemeindeleben vielfältig erlebt. Geleitet wird auch diese Gemeinde von einem Vorsteher, der in der Regel das geistliche Amt eines Evangelisten oder Hirten trägt.

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