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Winterthurer Musikfestwochen


Die Winterthurer Musikfestwochen werden seit 1976 durchgeführt. Sie sind damit das älteste regelmässig stattfindende Open-Air-Festival der Schweiz. Verantwortlich ist der „Verein Musikfestwochen Winterthur“, der mit zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern funktioniert.

Bild: G. Strehler

Es begann im „Wilden Mann“. Das war bis 2004 ein Restaurant am Obertor, in dem sich alle Gesellschaftsschichten zum Feierabendbier trafen. Das waren unter anderen Markus Hodel, Jurastudent und Sänger der „Rockvereinignung Winterthur“ und Daniel Schlatter, Gewerkschaftssekretär und Manager der Winterthurer Band „Big M“. Dort heckten die beiden den Plan aus, modernen Musikrichtungen in Winterthur zum Durchbruch zu verhelfen. Auch wollten sie erreichen, dass die verschiedenen Bands besser zusammenarbeiten, statt sich zu konkurrieren. Und tatsächlich wurde aus dieser Bieridee, wie sie es selber nannten, Wirklichkeit. Der erste Anlass wurde unter dem Namen „1. Winterthurer Musikfestwochen“ bekannt und damit provozierten sie gewollt die Kreise, welche sich unter Musikfestwochen nur klassische Musik vorstellen konnten. Als Konzertlokal wurde das Africana in der Neustadtgasse bestimmt. Auch diese Wahl stiess in Elternkreisen nicht auf breite Sympathie, genoss dieses Lokal überhaupt keinen guten Ruf.

Bild: Charles Seiler

Im Jahr 1976 vom 23. Oktober bis zum 18. Dezember 1976 fanden die ersten Musikfestwochen in Winterthur statt. Neun Bands spielten und gaben jeweils am Samstagabend im Africana ein Konzert. Es wurde von Rock’n Roll über Jazzrock bis zum Pop alles geboten, was damals „in“ war. Gage gab es keine, im Gegenteil die Musiker mussten einen Organisationsbeitrag von 50 Franken bezahlen. Sie durften dafür die Abendkasse selber führen. Das „Aff“ mit rund 120 Plätzen platzte jeweils aus allen Nähten. Ins gegenüberliegende Café Neustadt wurde sogar eine Videoübertragung organisiert.

Erfolg macht süchtig, also ging es weiter. Am 16. Februar 1977 gründeten Markus Hodel, Peter Frei, Irene Spörri, Stefan Hug, Martin Schorno und Walter Zweifel den „Verein Winterthurer Musikfestwochen“, natürlich im „Wilden Mann“.

Die zweite Ausgabe der Winterthurer Musikfestwochen war eine Pleite. Die Öffnung des Musikspektrums von Heavy Metal bis zum Ländlerabend und der Schritt ins Freie wurden zum Desaster. 16‘000 Franken betrug das Defizit. Aber trotzdem, der Grundstein zu späteren Erfolgen wurde mit der vielfältigen Programmgestaltung und den Konzerten unter freiem Himmel gelegt.

Foto: Archiv Verein Musikfestwochen

Aus finanziellen Gründen musste das Konzept geändert werden. Weniger Anlässe, weniger Spielorte und bekanntere Namen. 1978 beinhaltete das Programm drei Grosskonzerte, ein Rahmenprogramm mit kleineren Anlässen und ein Strassenprogramm. Schweizweit absolut neu war das Open-Air-Konzert in der Steinberggasse. 2500 Bluesfans brachten die Gasse zum Kochen. Statt 23 Uhr, wie es die polizeiliche Bewilligung beinhaltete, wurde es fast Mitternacht bis die gemeinsame Session der Baker, Booker und Memphis Slim zu Ende ging. Nebst diesem musikalischen Durchbruch ist aber auch bemerkenswert, dass der damalige konservative Stadtrat unter Stadtpräsident Urs Widmer die Zustimmung zu den Steinberggasse-Konzerten gegeben hatte. Mit dem Gewinn von 30‘000 Franken war die Vereinskasse wieder in Ordnung.

1981 trat der Gründungspräsident Markus Hodel zurück. Ein Dreiergremium übernahm: Marcel Strassburger, Peter Doggwiler und Dominik Kulsen. Sie wollten die Grosskonzerte, die zu reinen Konsumanlässen degeneriert waren, zurücknehmen. Dieser Antrag kommt nicht überall gut an, wird aber durchgezogen. Die Festbeiz musste auf Anordnung der Stadt gezügelt werden, war aber im Graben bei den Geschäftsleuten nicht genehm. Widerwillen musste auf den Museumplatz ausgewichen werden. Altstadtfest ade? 1982 blieb man auf dem Museumsplatz. Wegen dem Sommertheater musste Richtung Stadtgarten eine Schallschutzmauer aufgestellt werden.

Foto Heinz Diener, Lb

1984 war die Pionierzeit ist zu Ende. Die Veranstalter mussten für die Diskussionen der Bewilligungen mehr Zeit aufwenden, als für die Programmgestaltung. Für zu viele in und um die Altstadt war die Musik Lärm. Es stellte sich heraus, dass die Verkleinerung des Festivals ein Riesenfehler war. Aber die intensiven Verhandlungen und Gespräche fruchteten. Ab 1984 kehrten die Musikfestwochen in die Steibi und auf den Kirchplatz zurück. Die „alten Hasen" haben dies erreicht: Peter Doggwiler als Präsident, Roland Engel als Koordinator und Markus Hodel als PR-Verantwortlicher. Dazu gab es, organisiert zusammen mit Good News, auf der Schützenwiese ein Megakonzert. Das geschah nicht zur Freude aller Organisationskomitee-Mitglieder. 30‘000 Besucher wurden erwartet, 14‘000 kamen. Aufgetreten sind AC/DC, Van Halen und Mötley.

Foto: Archiv MFW

1985 wurde bereits ein Jubiläum gefeiert: 10 Jahre Musikfestwochen Winterthur. An der Medienkonferenz an der auch Stadtpräsident Urs Widmer, der stetige Förderer der Musikfestwochen, teilnahm, kündigte der neue Präsident Roland Engel „ein Spektakel der Begegnungskultur mit gut 100 Gruppen und Ensembles“ an. Das Budget wurde von 300‘000 auf 650‘000 Franken erhöht. Auf dem Neumarktplatz wurde ein dreitägiges Open-Air-Kino eingerichtet. Dieses neue Element wurde zum Grosserfolg. 1‘500 Kinobesucher füllten an allen drei Abenden die Festbänke. Weitere Höhepunkte waren das Herbert Grönemeyer-Konzert einerseits und das Winterthurer Stadtorchester zusammen mit Friedrich Gulda andererseits. Und so nebenbei, damals noch nicht so bekannt, spielten auch „Züri West“ und die Theatergruppe „Karls Kühne Gassenschau“ zum Jubiläumsprogramm auf der Neumarktbühne. Alles stimmte, nur die Kasse nicht.

Die Finanzen waren und blieben das Problem. Die Organisatoren verhandelten mit der Politik. Sie bemängelten die einseitige Verteilung der Kultursubventionen. Waren es einst 3‘000 Franken Fixbeitrag und 7‘000 Franken Defizitgarantie, konnte im Lauf der Jahre der Zustupf der öffentlichen Hand auf derzeit etwa 200‘000 Franken erhöht werden.

Die Weiterführung der Winterthurer Musikfestwochen war aber gesichert. Viele Turbulenzen waren zu überstehen. Zum einen bildeten die Finanzen, wegen Absagen von namhaften Künstlern oder wegen dem Wetter, eine immer währende Achterbahn. Zum anderen sind es persönliche Animositäten unter den Vorstandsmitgliedern, die manchmal rote Köpfe verursachten. 1994 kam es zu einer „Palastrevolution“. Die bisherigen Arrivierten mit Martin Kaiser wurden von einer jungen Crew unter Esther Altorfer gestürzt. Ein komplett neuer und viel jüngerer Vorstand machte sich an die Organisation der 20. Musikfestwochen 1995. Diese 20. Ausgabe wurde programmlich zu einem Erfolg, finanziell zu einem Desaster mit 100‘000 Franken Verlust. Mit der Auflösung der Reserven konnte dieses Manko eliminiert werden. Doch die kalte Dusche folgte auf dem Fuss. 1996 resultierte ein Verlust von 89‘000 Franken. Um die Finanzen unter Kontrolle zu bringen, wurden im Vorstand Wechsel vorgenommen. Fünf der acht Revoluzzer traten zurück. Und in den kommenden zwei Jahren wurde auf Grosskonzerte verzichtet.

Das Geld war und ist das immer wiederkehrende Thema. Die höchsten Einnahmen müssen aus den Grosskonzerten erzielt werden. Dies gelingt, wenn das Programm und vor allem das Wetter stimmen. An zweiter Stelle kommen die Subventionen. Das sind die Gelder der Stadt Winterthur und kleiner Beiträge vom Kanton und von Stiftungen. Die dritte Einnahmenposition sind die Gewinne der Festwirtschaften. Auch diese sind sehr wetterabhängig. Und schliesslich sind noch Sponsorenbeiträge zu erwähnen. Bei den Ausgaben fallen hauptsächliche die Gagen und die Kosten für die Infrastruktur und Technik ins Gewicht. Personalkosten sind minim. Rund 350 Helferinnen und Helfer arbeiten gratis und erhalten lediglich einen Festivalpass. Auch der harte Kern im OK leistet vorwiegend Fronarbeit. Einzig die engere Geschäftsleitung arbeitet aufgeteilt auf drei Personen mit 180 Stellenprozenten.

2000: Wieder war ein Jubiläum angesagt, die 25. Musikfestwochen finden statt. Aber dunkelste Finanzwolken zeigten sich am Musikhimmel. Nachdem 1997 und 1998 die Altlasten aus dem Mehrwertsteuer- und AHV-Bereich getilgt werden konnten, war 1999 das Abtragen der letzten Schulden das Ziel. Das Jubiläumsjahr 2000 begann mit dem neuen Präsidenten Pascal Mettler und einem Schuldenberg von gut 200‘000 Franken. Das Programm wurde zum Erfolg, aber das Wetter spielte wieder überhaupt nicht mit. Trotz ausserordentlichen Zuwendungen von 145‘000 Franken resultierte ein Defizit. An einer ausserordentlichen Generalversammlung bekannte der Präsident: „Alles Geld ist weg“. Die Auflösung des Vereins und damit das Ende der Musikfestwochen stand an.

Aber es ging weiter. Mit unterschiedlichsten Bestrebungen und Massnahmen konnte 2001 ein Gewinn erzielt und die Schulden von 192‘000 auf 23‘000 Franken reduziert werden. Diese Tatsache bewirkte auch die definitive Verlängerung des Subventionsvertrages mit der Stadt Winterthur.

2002 und 2003 fanden wegen fehlenden Sponsoren keine Grosskonzerte statt. Doch der Publikumsandrang in der Steinberggasse nahm inzwischen wieder ständig zu, auch wenn die Organisatoren es nicht erwartet hatten. Die Situation hat sich aber entspannt. Man hat fast alles im Griff. Und die Winterthurer Musikfestwochen sind weiter gewachsen und sind erfolgreicher denn je. 2012 konnte mit 55‘000 Besucherinnen und Besuchern ein neuer Publikumserfolg gefeiert werden. Um das Ambiente des Festivals zu erhalten ist ein weiteres Wachstum von Seiten der Organisatoren aber nicht mehr gewünscht. Es geht also sicher weiter mit dem einzigartigen Winterthurer-Erlebnis. Hoffentlich kann in einigen Jahren das 50. Musikfestwochen-Jubiläum über viele Bühnen gehen.

Die Winterthurer Musikfestwochen haben sich in den bald vierzig Jahren, mit vielen Hoch und Tiefs, zu einem sensationellen Event entwickelt. Dieser Vielfalt kann der bisherige Text kaum gerecht werden. Dazu zitieren wir aus dem Jubiläumsbuch „Festival Fieber“, das zum Anlass von „30 Jahre Musikfestwochen“ erschien und das auch die Grundlage zu diesem winterthur-glossar.ch-Artikel ist, folgenden Text zum Jahre 2000:

„ …. Es lesen beispielsweise zwei junge Berner Redaktoren der kleinen Kulturzeitschrift ‚Art. 21 zeitdruck‘ im ‚Kraftfeld‘ und der Autor Ueli Bernays zu Saxophonklängen in einem SBB-Wagen auf dem Abstellgleis des Hauptbahnhofs. Ausserdem wurde in der Steinberggasse erstmals eine Kleinkunstarena eingerichtet, wo die Passanten mit Jonglage, Gesang, Zauberei oder einer Feuershow zum Innehalten verführt werden. Am Kleinkunstabend auf der Bühne der Steinberggasse können sich die Zuschauer am literarischen Kabarett mit dem österreichischen Schauspieler Wolfram Berger ergötzen oder die akrobatischen Körperverrenkungen des Clowns Linaz bestaunen….“

Präsident/Präsidentinnen
Präsidiumsdauer
Name/Vorname bestes Konzert
1976-1980
Markus Hodel
Friedrich Gilda mit dem Winterthurer Stadtorchester
1981
Marcel Strassburger
Rory Gallagher
1981-1983
Dominik Kulsen
Boomtown Rats
1984-1984
Peter Doggwiler
Mink DeVille mit Queen Ida
1985-1986
Roland Engel
The Kinks
1987-1988
Peter Fricker
Aerosmith
1989-1990
Andreas Schudel
Aerosmith
1991-1993
Thomas Oehninger
Living Colour
1994
Thomas Widmer
Sankai Juku
1995-1996
Esther Dübendorfer-Altorfer
Die Toten Hosen
1997-1999
Rolf Froese
The Young Gods
2000-2008
Pascal Mettler
The Neville Brothers
2009-2012
Franziska Grob

2013
Thomas Fritschi

2014
Wetzstein Simone

2016
Andreas Gröber

Rosinen aus dem Programm bis 2005

A-C/DC, Wolfgang Ambros, Die Ärzte, Roger Chapman, Stephan Eicher, Rainhard Fendrich, Herbert Grönemeyer, Polo Hofer, Krokus, Udo Lindenberg, Lovebugs, Myriam Makeba, Patent Ochsner, The Pogues, Michael von der Heide, Konstantin Wecker, Züri West.

Unter Glossar-Button "Dokumente" ist das PDF "HISTORY 1976-2012" zugeschaltet. Dort sind alle Musikformationen, welche an den Musiktfestwochen Winterthur einen Auftritt hatten, aufgelistet.

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