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Kindergarten Inneres Lind

1877

St. Georgenstr. 59a

8400 Winterthur


Der Kindergarten Inneres Lind an der St. Georgenstr. 59a ist in einem klassizistischen Gebäude aus dem Jahre 1876 untergebracht. Ein Umbau in den Jahren 2005/06 für Fr. 990'000.00 sorgte für neuzeitlichere Bedingungen. Der Kindergarten im Inneren Lind ist, aufgrund von Recherchen der städtischen Denkmalpflege, der früheste noch erhaltene Schweizer Kindergarten, der nach Fröbels Grundsätzen erbaut worden ist.

In der Stadt Winterthur wurde im Jahr 1837 im Hause Regenbogen (Steinberggasse 15) die erste Kleinkinderschule eingerichtet. Nur ein Jahr später folgte ein zweiter Kindergarten an der Pfarrgasse 2. Die Kleinkinderschulen waren ganz auf private Initiative hin entstanden. Sie dienten der Entlastung berufstätiger Eltern bis zum Eintritt der Kinder in die Primarschule.

Der Kindergarten im Innerlind entstand 1876/77 in der Anfangsphase der Quartierentwicklung in diesem Gebiet (ab den 1860er Jahren). An der Lindstrasse waren bereits die ersten Villen entstanden (Villa Bühler und Villa Malabar) und am Kreuzweg sowie an der Trollstrasse wurde gleichzeitig an den heute noch bestehenden Reiheneinfamlienhäusern gebaut.

Die Bauherrschaft des Kindergartens war die "Hülfsgesellschaft Winterthur", die einen Musterkindergarten nach den neusten pädagogischen Prinzipien erstellen wollte und zu diesem Zweck wurde eine Delegation auch nach Deutschland geschickt, um dortige Kindergärten zu besichtigen. Als pädagogisches Leitprinzip wurden die Ideen von Friedrich Fröbel (1782-1852) zugrunde gelegt, der im Zeitalter der Romantik auf den Grundlagen der idealistischen Weltanschauung die Kleinkindererziehung revolutionierte und überhaupt erst den Begriff "Kindergarten" prägte. Im Kindergarten sollten die Kinder wie Pflanzen "gehegt" werden, Zuwendung erfahren und in ihrer Entwicklung als Kinder gefördert werden.

Mit der Planung des ersten Winterthurer Kindergartens wurde Ernst Jung beauftragt, dessen Idealplan noch erhalten ist und weitgehend dem heutigen Bestand entspricht. Die wesentlichste Veränderung gegenüber dem Idealplan ist die Verlegung des Kindergartengebäudes an die St. Georgenstrasse. Ursprünglich war sein Standort am südlichen Ende des tiefen Grundstückes gegen die Museumstrasse hin gedacht gewesen. Möglicherweise wollte man den Garten als Spielplatz der Kinder von der Strasse her durch das Gebäude schützen, vor allem aber auch städtebaulich die Strassenzeile mit einem Gebäude markant besetzen. Das Konzept von Ernst Jung sah im Erdgeschoss eine Abwartswohnung sowie einen Spielsaal vor. Im ersten Obergeschoss waren drei grosszügige Kindergärten untergebracht. Jungs Bau ist streng symmetrisch gestaltet, was ebenfalls einem Fröbelschen Grundsatz entspricht: Fröbel ging davon aus, dass Symmetrie dem Formenempfinden der kleinen Kinder näher kommt und symmetrische Körper von ihnen einfacher erfasst und erlebt werden können.

Bauliche Veränderungen wurden seit der Erbauung kaum vorgenommen. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs richtete man einen Luftschutzkeller ein. Die ehemalige Abwartswohnung im Erdgeschoss wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgehoben und dient heute als Hort. Am schwerwiegendsten ist wohl die Verkleinerung des Gartens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Stadt einen Teil des Grundstücks der Winterthur Versicherung abtrat, die in der Nachbarschaft ein neues Verwaltungsgebäude erstellte.

Die jüngsten Veränderungen (Umbau und Renovation 2006-2008 durch Architekt: Andreas Huber-Maurus, Winterthur) wurden durch neue pädagogische Anforderungen notwendig. Der Spielsaal im Erdgeschoss, ein wichtiger Bestandteil des Fröbelschen Kindergartens, wird heute nicht mehr verwendet, weshalb neue Kindergartenräume eingebaut wurden. Im Obergeschoss musste einer der Kindergartenräume zu Gruppenräumen umgewandelt werden. Alle Einbauten und Veränderungen erfolgten, ohne dass die Grundstruktur des Kindergartens aufgegeben wurde. Ausserdem wurde auf Anregung der Denkmalpflege die Farbigkeit der Bauzeit wieder hergestellt. Dazu erfolgten Untersuchungen durch eine Restauratorin an Wänden, Decken, Täfer und Türblättern. Im Kinderhort kamen Fragmente der ehemaligen Wandgestaltung der Abwartswohnung zum Vorschein, die sichtbar belassen wurden.

Kindergärten
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