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Stadtsänger Winterthur

08.09.1827

Der Männerchor Stadtsänger Winterthur, gegründet 1827, zählt zu den traditionsreichsten Männerchören der Schweiz. An den öffentlichen Konzerten haben die Stadtsänger seit jeher das herkömmliche Liedgut sowie gehobene Unterhaltungsmusik gepflegt. Nach der Spaltung des Chors 2010 haben sich die Stadtsänger erfolgreich neu aufgestellt und singen mit aktuell 25 Sängern ein sorgfältig ausgesuchtes Repertoire zwischen klassischem Männerchor und genussvoller Unterhaltung.

48 Freunde des Gesanges der Stadt Winterthur kamen am 8. September 1827 zusammen. Sie trafen sich im Hause der Bogenschützen und der Schützen vom Stahl, das sich beim Nägelitörli außerhalb der Stadtmauern (heute Altstadt-Schulhaus) befand. Ziel war es einen Verein für den Männergesang zu gründen. Paragraf um Paragraf des bereits vorhandenen Statutenentwurfes, wurde durchberaten. Mit der einstimmigen Genehmigung dieser Satzungen war der Sängerverein der Stadt Winterthur gegründet.

Der Vorstand setzte sich wie folgt zusammen: (Zitate aus Jubiläumsschrift 1927)

Präsident Carl von Clais, Vizepräsident Doctor Ziegler-Sulzer, Capellmeister Joseph Hildebrand, Secretär Johann Jakob Ernst, zum Tannenberg, Vorsteher: Heinrich Liechti, Carl Conrad Toggenburger, Johannes Rüegg Schullehrer

Archiv Stadtsänger

Das Schützenhaus, in dem die Gründungsversammlung stattfand, wurde 1739 erbaut und diente den Bogenchützen und den Schützen vom Stahl zur „Pflege der Schiesskunst und der Geselligkeit“. Nach der Gründung der Stadtsänger stand das Haus auch ihnen zur Verfügung. Als Übungslokal wurde es erst ab 1829 nach einer Renovation genutzt. Der Chor „Stadtsänger“ entwickelte sich musikalisch und mitgliedermässig sehr gut. Das Mitgliederverzeichnis war ein Winterthurer „Who’s Who“. Die Auflistung dieser bekannten Persönlichkeiten führte bis zum Advokaten Jonas Furrer, dem späteren ersten Bundespräsidenten (1847). Mit dem Musikkollegium stand der Chor in einer regen Arbeitsgemeinschaft.

Als Chorleiter wirkte Joseph Hildebrand (1774-1844) bis 1835. Er war seit 1801 Direktor des Musikkollegiums. Er setzte sich unablässig ein für die Förderung des Chorgesanges. Auch etliche Gesangswerke stammen aus seiner Feder. An allen Sängerfesten erklang eine ganzes Jahrzehnt lang Hildebrands Schlusschor. An allen Konfirmationsfeiern wurde jahrzehntelang sein Lied „Seid, Brüder, treu dem heilgen Bunde“ gesungen.

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Unter der neuen Leitung von Kapellmeister Johann Heinrich Koller (*1896) und neuen Statuten wurde nach 1835 versucht, eine Neubelebung zu erreichen. Dieses Ansinnen wurde getrübt, weil die Besetzung des Präsidiums vorerst Mühe machte. Schliesslich gelang es, Lehrer Koller für diese Aufgabe zu gewinnen. Dass es eine gelungene Wahl war, zeigt die Tatsache, dass Koller 30 Jahre dieses Präsidentenamt ausübte. 1839 erschien Ernst Methfessel (*1811) aus Thüringen als Dirigent des Sängervereins. Seit 1837 war er Kapellmeister des Musikkollegiums. Mit ihm erlebte der Verein drei Jahrzehnte (bis 1873) frischer und erfolgreicher Gesangspflege.

Einen Höhepunkt setzte das Sängerfest, das am 30. August 1841 durchgeführt wurde. Die ersten Teilnehmer trafen sich im Rathaus von wo man zum grossen Festanlass in der Stadtkirche dislozierte. Das Sängertreffen war eigentlich für Männerchöre aus dem Bezirk Winterthur gedacht. Es fand aber Zuspruch weit darüber hinaus. Es trafen Gäste ein aus dem Thurgau, aus Schaffhausen, von Rapperswil und natürlich aus dem ganzen Kanton Zürich. Es sollen schlussendlich gegen 1500 Sänger gewesen sein.

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Nach dem festlichen Konzert und den vaterländischen Reden von prominenten Mandatsträgern in der Stadtkirche traf man sich auf dem Festgelände mit grossem Zelt im Adlergarten. In der Festhütte des Adlergartens wurde Speise und Trank angeboten und es fand ein reges, geselliges und vaterländisches Leben mit begeisterten Toasten und Reden statt. Der Chronist, Pfarrer J. Schäppi, berichtet wie folgt: „Von dem freien, frohen und fröhlichen Sängerleben auf dem Festplatz wusste der „Bote" gar viel Gemütliches und Munteres zu erzählen, er muss sich jedoch leider kurz fassen, um in der wohlgespickten Tasche ein gutes Plätzchen für einen der vielen heitern und erheiternden, trefflichen Toaste offen zu behalten, die Schlag auf Schlag sich folgten. Dass dabei das muntere Mahl nicht fehlte, versteht sich wohl von selbst, und dass das „edle Nass" nicht mangelte, dafür bürgen doch wohl Winterthurs Rebberge und die nicht zum ersten Mal erprobte Freigebigkeit der Bewohner und des löblichen Stadtrates.“

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Der ordentlichen Generalversammlung des Jahres 1842 lag eine Einladung des aargauischen Kantonalsängervereines zur Teilnahme an dem am 5. Juni stattfindenden Sängerfest in Aarau vor, an welchem die Gründung eines eidgenössischen Sängervereines stattfinden soll. Der Sängerverein der Stadt Winterthur beschloss, eine Delegation abzuordnen. Ein Jahr später erfolgte der Beitritt zu dem inzwischen ins Leben gerufenen Eidgenössischen Sängerverein. Der Männerchor Harmonie Zürich hatte die Ehre, 1843 das erste Eidgenössische Sängerfest durchzuführen. Die Winterthurer Sänger erschienen am Feste, ohne indessen am Wettgesang teilzunehmen.

Im Jahre 1846 trat der Sängerverein zum ersten Mal an einem Eidgenössischen Sängerfest auf und er präsentierte sich der schweizerischen Sängergemeinde überraschend gut. Schaffhausen war Festort. Zu Pferd und auf bekränzten Wagen zogen die Winterthurer erst dem von Zürich herkommenden eidgenössischen Banner entgegen, empfingen die Gäste mit Gesang und Ansprache, reichten ihnen 1834er Wein, beherbergten sie, um sie am folgenden Tage mit viel festlichem Volk nach dem Festort Schaffhausen zu begleiten, wo am 14. und 15. Juni im strahlenden Sonnenschein das Fest einen prächtigen Verlauf nahm.

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Das Jahrzehnt 1850 bis 1860 wurde im Rückblick als eines der besten bezeichnet. Es folgten sich Auftritte an den verschiedensten Sängerfesten, die meist auch mit Auszeichnung beendet wurden. 1854 begrüssten der Stadtsängerverein Sängerkameraden, die zum Teil von weither angereist waren zum Eidgenössischen Sängerfest in Winterthur. Die Stadt war festlich geschmückt und auf dem heutigen Areal des Hauptbahnhofs stand eine Sängerhalle, die 7000 Sänger aufnehmen konnte. Der Anlass wurde schweizweit nur mit besten Beurteilungen gewürdigt. Unter den gegen Hundert teilnehmenden Vereinen sind auch die Stadtsänger und der Frohsinn aus Winterthur verzeichnet. Unter auswärtigen Vereinen sind der Grütliverein Manchester und der Schwäbische Sängerbund als Teilnehmer festgehalten.

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In den 1860er-Jahren ging das Vereinsleben der Stadtsänger auf und ab. Sie blieben aber immer aktiv und nahmen an den verschiedensten Sängeranlässen teil. Auch wurde die Wiedergabe von grösseren Chorwerken in Angriff genommen. Dazu wurde ein gemischter Chor gegründet. Mit dem Rücktritt des Vizepräsidenten Dr. Ziegler-Sulzer beim Sängerverein und als Präsident des Musikkollegiums kamen bescheidenere Jahre an musikalischen Aktivitäten. 1866 wurde auch der Gemischte Chor aufgehoben. Der neue Präsident, Fürsprecher Brunner, erklärte in seiner Antrittsrede die Absicht, dass nicht nur der Kunstgesang gepflegt werden soll, sondern auch das einfach schöne Lied, der Volksgesang, zum Zuge kommen soll.

1872, nach 33-jähriger Tätigkeit als Dirigent, legte Ernst Methfessel den Dirigentenstab zur Seite. Der Direktor der Harmonie Zürich, Franz Behr, übernahm die Nachfolge. Nach mässigen Erfolgen trat er bereits 1875 wieder zurück.

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Der Zusammenbruch der Nationalbahn hatte die Auflösung des Stadtorchesters zur Folge gehabt, und die Sänger sahen sich im Jahre 1878 unerwartet vor die wichtige Frage der selbständigen Übernahme des Orchesters gestellt. Die Stadtverwaltung war derart. in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie weitere Subventionen zu sistieren sich genötigt salb. Das Musikkollegium wünschte auch nicht, sich mit der schwierigen Aufgabe zu befassen. Da beschloss der Stadtsängerverein am 13. Oktober 1878, die Gründung eines stehenden Orchesters für die Wintersaison 1878/1879 vorzunehmen, wählte ein Komitee und veranstaltete unter der Winterthurer Einwohnerschaft zugunsten der neuen Institution eine Sammlung, die innert drei Wochen die schöne Summe von 7251 Franken ergab. Ermutigt durch die Sympathiebezeugung der Bewohnerschaft ging er daran, die Orchesterkommission definitiv zu konstituieren und für die Zeit vom 13. Oktober 1878 bis zum 13. April 1879, gegen ein Honorar von Fr. 160.00 bis 140.00 pro Monat, 16 Musiker als Orchestermitglieder zu engagieren. Im September 1878 übernahm, getragen von der Bevölkerung, das Musikkollegium das Orchester wieder.

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Am Eidgenössischen Fest 1880 in Zürich beteiligten sich die Stadtsänger als der Verein mit der größten Teilnehmerzahl von 92 Sängern. Dafür erhielten sie den vom Frohsinn St. Gallen gestifteten Becher und hefteten wieder einmal einen Lorbeerkranz an das Banner für vorzügliche Leistung in der Abteilung Kunstgesang. Die Bewohnerschaft Winterthurs überhäufte die Heimkehrenden mit Ehrenbezeugungen und Glückwünschen. Die Erfolge führten dazu, dass der Chor häufig zu auswärtigen Anlässen eingeladen wurde. Diese Inanspruchnahme der Sänger verbunden mit Sonderproben veranlasste die Musikkommission, die Einsätze zu reduzieren. Mit Rücksicht auf die Vereinsfreundschaften besuchte man nur das St. Galler und das Schaffhauser Kantonalsängerfest. Das immer anspruchsvolle Liedgut, wie zum Beispiel „Dichtergrab am Rhein“ von Julius Mosen, hielt die stattliche Männerschar immer auf Trab. Immer wieder war auch das Stadtorchester dabei. In den geschichtlichen Notizen kommt man eher nicht zu Bestätigung, dass die Engagements weniger geworden sind. Die Teilnahme an Sänger- und als Gast jeweils auch an Turnfesten immer verbunden mit Reisen stellte die Kondition der Sänger immer wieder auf die Probe.

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Die Winterthurer Stadtsänger führten ihr erfolgreiches sängerisches Wirken viele Jahrzehnte weiter. Höhepunkt reihte sich an Höhepunkt. Am Eidgenössischen Sängerfest 1893 in Basel nahmen 106 aktive Stadtsänger teil. Nebst dem obligatorischen Stück „Morgen“ von L. Liebe, das innert 14 Tagen eingeübt werden musste, nahmen sie im Wettgesang mit „Johannisnacht am Rhein“ von Meyer-Olbersleben teil. Der Erfolg war gross. Wieder zurück wurde im Stammlokal „Adler“ das Ehrenzeichen, ein Kranz, noch mächtig gefeiert.

Die Stadtsänger absolvierten nach wie vor ein zahlreiches Konzertprogramm. Es sind dies die sich alljährlich wiederholenden Mitgliederkonzerte, Unterhaltungskonzerte, Hauptkonzerte Benefizkonzerte, Sängerreisen und Winterkonzerte, die jeweils immer mit einem anspruchsvollen Programm an das zahlreich erscheinende Publikum wandten. Dazu kamen die auswärtigen Sängerfeste und Gastkonzerte, wie zum Beispiel 1895 als Gast am Eidgenössischen Schützenfest in Winterthur. Leider immer wieder zeigte der ganze Chor auch bei Trauerfeiern von Mitgliedern Präsenz. Die Teilnahme an grossen Sängerfesten gab jeweils engagierte Diskussionen, worunter dann auch der Probenbesuch zu wünschen übrig liess.

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Das Jahr 1927 stand ganz im Zeichen der Rückschau auf 100 Vereinsjahre. Es wurde ein bewegtes und arbeitsreiches Jahr. Es stand die Neubesetzung der Dirigentenstelle und die Sanierung der Finanzen an. Auch musste die Mitgliederwerbung intensiviert werden, um den stattlichen Bestand aufrecht zu halten. Und selbstverständlich verlangte das Prestige der Sängerschar ein würdiges Jubiläumskonzert. Unter dem Präsidium von Fritz Ehrensperger und der Sanierungskommission unter Walter Aemisseger. Alles gelang aufs Beste, sodass 1928 zufrieden auf ein würdiges Jubiläumsjahr zurück geschaut werden konnte.

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Die Zeichen der Neuzeit gingen im zweiten Jahrhundert im Vereinsleben der Stadtsänger nicht vorbei. Die Überalterungstendenz konnte nicht verhindert werden. Es entstand der Wunsch zu einer Fusion mit dem gemischten Chor. Diese Absicht führte schliesslich 2010 zur Spaltung. Unter dem Präsidium von Patrick Hardmeyer blieb ein Teil der Sänger zurück. Sie wollten die Traditionsfahne der Stadtsänger trotz Rumpfbestand weitertragen. Der stark verjüngte Chor meldete sich 2012 mit eigenen Konzerten wieder zurück.

Auf der Website wird das derzeitige Vereinsleben wie folgt beschrieben: „Unter dem Präsidium von Heiner Kunz und der Stabführung von Jonas Gassmann konnte nicht nur der Bestand auf knapp dreissig Sänger aufgebaut werden, sondern mit Begeisterung ein breites und sehr abwechslungsreiches Repertoire an Liedern erarbeitet werden, die den Sängern selber Spass machen und zum selbstgewählten Credo des „Geniesser-Chors“ passen. Die Qualität ist den Stadtsängern ein grosses Anliegen, wobei die Grenzen bewusst sind und respektiert werden, auch bezüglich des zeitlichen Aufwandes. Jedes Jahr lädt der Chor mindestens einmal zum Lieder-Konzert für Angehörige und Bekannte und treten die Stadtsänger zweimal in der Marktgasse auf zum „Gassensingen“, womit speziell neue Sängerkollegen angeworben werden sollen.

Quellen:

-Hundert Jahre Stadtsängerverein 1827-1927 von J. Schäppi

-175 Jahre Stadtsänger 1827-2002

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