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Stadtorchester Winterthur

1629

Das Musikkollegium Winterthur ist das älteste noch existierende Collegium musicum der Schweiz. Gegründet wurde es im Jahr 1629 von einem Kreis von musikbegeisterten Bürgern der Stadt Winterthur, die sich wöchentlich zum Musizieren einfanden. Heute ist es eine professionelle Musikgesellschaft, die in der zweitgrössten Zürcher Stadt ein eigenes Orchester unterhält, den Konzertbetrieb organisiert sowie Musikschule und Konservatorium führt.

Quelle: Archiv Musikkollegium

1629 gilt als Gründungsjahr des Musikkollegiums. Damit gehört es zu den ältesten Kollegien der Schweiz. Mehrere Bürger trafen sich in diesem Kreis wöchentlich einmal in einem Privathaus zum Gesang von Psalmen und anderen erbaulichen und schönen Stücken. Im Gegensatz zu den Kantoreien handelte es sich bei den Musikkollegien um weniger streng definierte Vereinigungen. Sie unterschieden sich sowohl nach Anzahl Mitglieder als auch nach deren gesellschaftlicher Stellung, konnten öffentlichen, aber auch privaten Charakter haben, Berufsmusiker einbeziehen und unterschiedliches Repertoire pflegen. Gemeinsam war ihnen im Wesentlichen, dass es sich um Musizierzirkel handelte, deren Mitglieder aus einer gebildeten, mittelständischen Gesellschaftsschicht stammten - also im Bürgertum verwurzelt waren.

aus Archiv Musikkollegium

Winterthur gehörte mit der Gründung seines eigenen Orchesters 1875 also mit zu den ersten Städten, die das allgemeine «Orchesterfieber» gepackt hatte. Der damalige Winterthurer Stadtpräsident Rudolf Geilinger (er spielte im Orchester bei der 1. Geige mit) hatte bereits an der GV des Musikkollegiums im Mai 1874 das Ziel formuliert: «Unser erstes Streben wird sein, ein Dilettanten-Orchester zu schaffen; unser höchstes Streben wird aber sein, ein ständiges Orchester von Fachleuten für Winterthur zu sichern.» Gespielt wurde am Anfang in Wirtshäusern und im Casino. Die Geschichte und Programmation des Stadtorchesters in den ersten Jahren spiegelt deutlich den Pioniercharakter des Unternehmens, denn es galt ja, alles neu zu entdecken: die Werke, die Möglichkeiten des Orchesters, den Geschmack des Publikums.

Typisch war, dass mit Georg Wilhelm Rauchenecker ein deutscher Musiker das Zepter in die Hand nahm. So bestand denn auch das erste Orchester aus deutschen Musikern und gespielt wurde, was die Winterthurer Verhältnisse zuliessen. Entsprechend heterogen waren zeitweise die Programme. Eine gewisse Stagnation und Beschaulichkeit folgte mit Edgar Munzinger, der mehr Zeitströmungen aufgriff. Erst mit Ernst Radecke folgte ein Dirigent, der Zeitgeschmack mit Meisterschaft zu verbinden wusste.

Aquarell von Emanuel Labhardt (winbib)

Die Gründung der Bürgerbibliothek, der Vorläuferin der heutigen Stadtbibliothek Winterthur, und der erste konzertähnliche Auftritt im Rahmen der Albanifeier, an der unter anderem der Schultheiss gewählt wurde, fielen ebenso in diesen fruchtbaren Zeitabschnitt Mitte des 17. Jahrhunderts. Versammlungsort der Albanifeier war seit 1560 die Stadtkirche. Im Anschluss an den politischen Akt folgte jeweils eine Predigt. Möglicherweise wurde die Feier 1665 erstmals von Musik begleitet, als das Kollegiumsmitglied Georg Forrer zum Schultheissen gewählt wurde. Dieser Auftritt des Collegium musicum fand in der Stadtkirche statt -ein Novum für eine reformierte zürcherische Kirche zum damaligen Zeitpunkt. In Winterthur dürfte sich der Umstand der Personalunion geistlicher Obrigkeit und Kollegianten in diesem Fall begünstigend ausgewirkt haben.

1873 wurde der Münchner Georg Wilhelm Rauchenecker (1844-1906) zum Leiter des Winterthurer Konzertlebens berufen. Er wurde verpflichtet als Musikdirektor. Das beinhaltete Leiter des Orchesters, Leiter der Musikschule, Dirigent des Gemischten Chores und als Organist an der Stadtkirche.

Bild: winbib

Nach 1850 begann sich der Wandel vom Liebhaberorchester zum Orchester mit bezahlten Berufsmusikern abzuzeichnen. Im ersten Konzertwinter wurden acht professionelle Musiker für das Orchester engagiert. In den Konzertsaisons zwischen 1852 und 1860 stiessen regelmässig neun Musiker aus Böhmen zum Winterthurer Orchester. Gleichzeitig ging die Zahl der unbezahlten Kollegianten im Orchester, die aus Liebhaberei mitspielten, zurück. Damit ergaben sich Schwierigkeiten, die Soli, Chor und Orchester weiterhin aus den eigenen Reihen besetzen zu können. Das Musikkollegium begann sich daher zunehmend auf seine Aufgaben als Konzertveranstalter zu konzentrieren.

Trotz der fortschreitenden Professionalisierung des Orchesters kam der Konzertbetrieb des Musikkollegiums nur mehr zäh in Gang. Die Schwierigkeiten, den eigenen Konzertbetrieb aufrecht zu erhalten, tangierten aber nicht den guten Ruf, den die Winterthurer Musiker und Dilettanten genossen. Die Schwierigkeiten wurden langsam zu gross. Die Mitgliederzahlen sanken, sodass auch die nötigen Finanzen nicht mehr zur Verfügung standen. Das Konzertleben musste eingestellt werden. Einzelne Konzertveranstaltungen wurden jedoch durchgeführt. Sie kamen durch das Engagement des Verlegers und ehemaligen Vorstandmitglied Jakob Melchior Rieter-Biedermann zu Stande.

Bild: winbib

In den 1870er-Jahren wurde das Musikleben wieder aufgelebt. Mit massgebender Unterstützung des Musikkollegiums entstanden neu 1873 die Musikschule, 1873 der Gemischte Chor und 1875 das Stadtorchester. Am 3. und 4. Oktober 1875 bestritt das Winterthurer Stadtorchester seine ersten Auftritte. Geleitet wurden sie durch den Musikdirektor des Musikkollegiums Georg Wilhelm Rauchenecker (1844-1906). Zu der neuen Generation, die wieder Schwung in das Winterthurer Musikleben brachten gehörten Albert Walter, Hermann Goetz, Rudolf Geilinger (Stadtpräsident 1879-1911) und Carl Ruckstuhl. Die Orchester-Gründerversammlung fand am 8. März 1875 statt. Ab diesem Zeitpunkt tritt das Musikensemble unter dem Namen „Stadtorchester“ auf. Am 16. April 1876 fand das erste Freikonzert statt. Ständiger Begleiter in diesen Jahren waren die finanziellen Probleme. Dies obwohl die Stadt neu Subventionen ausrichtete. Im Frühjahr 1878 folgte die Auflösung des Orchesters. Der Stadtsängerverein gründete am 13. Oktober 1878 das Orchester neu und Übernahme die Führung. Ein Jahr später wurde das Orchester wieder vom Musikkollegium übernommen (GV-Beschluss vom 4. September 1879). Das Traktandum „Finanzen“ stand aber weiterhin besorgniserregend auf der Geschäftsliste des Musikkollegiums.

Bild: winbib

Rauchenecker verliess im Frühling 1884 Winterthur. Er war als Dirigent des Philharmonischen Orchesters nach Berlin berufen worden. Die Nachfolge trat per 1. Mai 1884 Edgar Munzinger (1847-1905) an. Munzinger vermochte weniger zu glänzen als seine Vorgänger. Bereits 1893 trat er zurück. Sein Erfolg lag in der Führung der Musikschule. Betrug doch die Schülerzahl bei seinem Stellenantritt 22, bei seinem Rücktritt 150. Seine Nachfolge trat ab Oktober 1893 Ernst Radecke (1866-1920) an. Er leitete alle wichtigen Bereiche im Winterthurer Musikleben. Beim Stadtorchester waren 18 Berufsmusiker angestellt. Mit Zuzügern wurde das Orchester jeweils bis auf 45 Musiker ergänzt. Die Abonnementskonzerte gelangten im Casino zur Aufführung und die meist ausverkauften Populär-Konzerte (Freikonzerte) fanden im Stadthaussaal statt. Im Winter1900/01 konnte erstmals ein Überschuss erwirtschaftet werden.

Das Musikprogramm konnte immer wieder erfolgreich ausgebaut werden. Mit diesen Erfolgen erwachte der Wunsch nach einem Konzerthaus. Die mangelhafte Akustik und die beengten Platzverhältnisse sollte damit verbessert werden. Ideen und Pläne waren vorhanden, doch das Finanzielle stoppte die Bemühungen. Man bevorzugte die Vergrösserung des Stadthaussaales. 1930 wurden in einer Volksabstimmung der Ausbau des Stadthauses und auch die Vergrösserung des Theatersaales im Casino angenommen. Die Kosten für den Umbau, die innere Ausstattung und die Lüftungsanlage des Stadthaussaales wurden von den Familien Sulzer und Reinhart übernommen.

Bild: winbib

Nach dem Tode von Ernst Radecke wurde kein musikalischer Leiter mehr angestellt. Ständige Gastdirigenten führten das Orchester, wobei die Musikauswahl ein Aufbruch in ein neues Zeitalter darstellte. Geprägt wurde das Orchester durch Dirigent Hermann Scherchen, der von 1922 bis 1950 immer wieder in Winterthur auftrat. Werner Reinhart gab dazu immer wieder Impulse. Auch Wilhelm Furtwängler trat zu einigen Konzerten im Stadthaus auf. Da er als repräsentativster Musiker des Dritten Reichs bezeichnet wurde, blieben Reaktionen nicht aus. Eine Demonstration gegen einen Auftritt Furtwänglers zog um das Stadthaus und das Altstadt-Schulhaus mehrere Tausend Personen an.

Das besondere Verdienst Scherchens lag in der Pflege der zeitgenössischen Musik, in der ihn Werner Reinhart als grosszügiger Mäzen unterstützte. Scherchen begann aber auch vermehrt die alte Musik in Winterthur zu pflegen und aufzuführen. Durch die Zusammenarbeit von Werner Reinhart und Hermann Scherchen wurde Winterthur zu einem wichtigen Zentrum der zeitgenössischen Musik. Viele bedeutende Komponisten jener Zeit kamen nach Winterthur, sei es, um der (Ur-)Aufführung eines ihrer Werke beizuwohnen, sei es, um die Gastfreundschaft Werner Reinharts im «Rychenberg» zu geniessen. So tauchten die Vertreter der Zweiten Wiener Schule, Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, alle in Winterthur auf, ebenso Igor Strawinsky, Bartok, Hindemith und Krenek. Die Komponisten Schoeck, Pfitzner, Strawinsky und Strauss konnten die Winterthurer auch als Dirigenten eigener Werke bewundern.

Bild: winbib

Mit dem Tod des Hauskapellmeisters Oskar Kromer 1949, dem abrupten Rücktritt von Hermann Scherchen 1950 und dem Ableben des Mäzens Werner Reinhart 1951 startete das Stadtorchester belastet in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neue bestimmende Persönlichkeiten traten in den Vordergrund. Der Neuanfang gelang. Als neuer Hauskapellmeister wirkte neu Victor Desarzens. Joseph Keilbert trat als ständiger Gastdirigent auf. Konnte die musikalische Qualität mit neuen Personen problemlos gehalten werden, blieb der Kontakt zum Steuerzahler und damit zu einem wichtigen Geldgeber etwas auf der Strecke. Das führte schliesslich im Juli 1953 in einer Volksabstimmung zur Ablehnung einer Subventionserhöhung. Ein Umdenken folgte in den Jahren 1954/55. So wurden einige der Freikonzerte in den Vororten Veltheim, Töss, Wülflingen, Oberwinterthur und Seen gegeben. Clemens Dahinden stand jeweils am Pult. Der einmaligen Konzertform wurde damit Glanz zurückgegeben und Schwellenängste des einfacheren Konzertpublikums abgebaut. Der „Winterthurer Geist“ war zurück. Das heisst die einzelnen Kollegiumsmitglieder suchten und pflegten den Kontakt zu Komponisten, Dirigenten und Musiker.

Foto: Foto-StudioBurkard

Die wirtschaftliche Entwicklung bzw. die Finanzen waren immer wieder die Sorgenkinder der Vorsteherschaft. 1956 verlief eine Volksabstimmung positiv, was ein gewisses Aufschnaufen bedeutete. Ab 1962 wurde den Orchestermusikern erstmals eine besoldete Jahresstelle angeboten. 1964 standen wieder die Löhne der Orchestermusiker im Zentrum einer Volksabstimmung. Die Unterstützung des Musikkollegiums soll jährlich um 80‘000 erhöht werden, um den Orchesterbetrieb sicherzustellen. Der Souverän bewilligte diesen Antrag. 1982 verlief erneut eine Volksabstimmung zur Subventionserhöhung negativ. Die fast jährlichen Diskussionen über die Unterstützung des Stadtorchesters mit Steuergeldern wurden 1988 entspannt mit der Annahme eines Subventionsvertrages durch die Stimmbürger. 2004 betragen die Kosten für den Konzertbetrieb sieben Millionen Franken. Die Stadt übernimmt davon etwas über die Hälfte. Der Rest wird durch kantonale Quellen gedeckt.

Quellen:

-Neujahrsblatt der winbib 2004 „Musikkollegium 1629-2004“

-„Zwischen Tradition und Avantgarde“ Musikkollegium Winterthur“ 2000, Verena Naegele

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