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Heimatschutz Winterthur

18.09.1970

Seit 50 Jahren setzt sich der Verein, ursprünglich «Heimatschutzgesellschaft», für das Stadtbild von Winterthur ein. Eine vereinsmässig lange Zeit ist dieses halbe Jahrhundert innerhalb der rund 2000-jährigen Stadtgeschichte. Die Nachkriegsjahre und die Zeit der Hochkonjunktur führten zu Veränderungen, die am Anfang des Winterthurer Heimatschutzes stehen. (Peter Niederhäuser, Präsident Heimatschutz Winterthur)

Bereits 1905 entstand in Bern eine «Schweizerische Vereinigung für Heimatschutz», die Anliegen von Heimat-, Denkmal- und Naturschutz in einem breiten Sinn verfolgte und sich um eine qualitätsvolle Architektur bemühte. Mit dabei waren auch Vertreter aus Zürich, die eine Regionalgruppe gründeten, um näher am Brennpunkt des Geschehens zu sein. Unabhängig von Zürich bildete sich 1970 in Winterthur eine eigene Gruppierung, die 1973 dem Zürcher Heimatschutz beitrat. Hintergrund der Gründung des Winterthurer Heimatschutzes war die «Modernisierung» der Altstadt, die mangels denkmalpflegerischer und raumplanerischer Vorgaben immer mehr zu einer «neuen» Altstadt mutierte und zu Fragen nach der städtischen Identität anregte. Aus diesem Engagement heraus weiteten sich die Aktivitäten, wobei nicht einfach der Kampf um das «gute Alte», sondern ebenso die Förderung des «guten Neuen» mit einer städtebaulich angepassten, rücksichtsvollen Architektur ein zentrales Anliegen war und ist.

Wie würde die Stadt ohne das heimatschützerische Wirken aussehen? Es wären viele Häuser und ganze Quartiere dem Renditedenken geopfert worden. Solche und andere Fragen können nur mit einem Rückblick auf die 50-Jahr-Geschichte des Winterthurer Heimatschutzes beantwortet werden. Diese zeigt die Schnelllebigkeit der Zeit (viele Fälle scheinen längst Teil einer fernen Epoche), macht aber auch deutlich, wie umfassend der Wandel der vergangenen Jahrzehnte war.

Denkmalpflege ist neben der Stadtplanung und der Stadtgestaltung ein wichtiger Baustein, wenn es darum geht, die Stadt baulich zu entwickeln. Die schutzwürdigen Bauten und die geschützten Ortsbilder (Kernzonen) bilden die historischen Wurzeln unseres Stadtgebildes. An ihnen wird die Geschichte der Stadt Winterthur erlebbar und nachvollziehbar. Durch sie erleben wir Identität und Heimat, sie sind die Seele der Stadt.

Foto: winbib

Die Denkmalpflege hat sich nicht nur für den Erhalt der Baudenkmäler einzusetzen, sondern sie muss diese auch erforschen und zum Sprechen bringen. Sie muss der Bevölkerung die Bedeutung und die Geschichte der uns umgebenden historischen Bauwerke näher bringen.

Am 18. September 1970 fand im Alten Stadthaus an der Marktgasse die Gründungsversammlung der Winterthurer Heimatschutzgesellschaft statt. Rechtsanwalt Dr. Gottfried Stiefel hatte die Statuten aufgesetzt. Er und seine Gattin Luise sowie Herbert Wolfer waren die ersten Gönner der Gesellschaft. Ihr erster Präsident und äusserst aktiver Initiator war Max Siegrist, Bauernhausforscher und Restaurator historischer Fachwerkhäuser mit einem immensen historischen und denkmalpflegerischen Wissen. Unterstützt bei der Gründung der Heimatschutzgesellschaft wurde er durch Stadtbaumeister Karl Keller und durch den diplomatisch agierenden Architekten Robert Steiner-Jäggli, dessen Anliegen insbesondere der Erhalt der Gartenstadt Winterthur war. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwunges der Nachkriegsjahre entwickelte sich eine ungehemmte Bautätigkeit, die das Stadtbild von Winterthur bedrohte. Bereits im ersten Vereinsjahr stieg die Mitgliederzahl auf 250. Die Mitgliederwerbung erfolgte durch unzählige Stadtführungen, Vorträge und Zeitungsartikel.

Stimmen zum Schutz historischer Bauten waren in Winterthur früh zu hören. Carl Friedrich Wilhelm Bareiss (1819-1885), der erste Stadtbaumeister, der selber neue, prägende Akzente ins Stadtbild setzte, verliess 1871 die Stadt. Fortan stellte sich der Kunstverein Aufgaben «in Bezug auf Rettung und Beschreibung der noch vorhandenen Denkmale der Kunst und des Altertums» und inventarisierte die «in Winterthur noch vorhandenen merkwürdigen Resten des Altertums, der Kunst und des Kunsthandwerks». Solche Aufgaben übernahm ab 1874 der neue Historisch-Antiquarische Verein, und im Kunstverein beschäftigte sich künftig eine «ständige Commission für öffentliche Bauten» mit Neubauten.

In der Zürcher Sektion des 1905 gegründeten Schweizer Heimatschutzes fanden sich zahlreiche Winterthurer Persönlichkeiten aus dem einheimischen Kulturleben, Politiker, der Kunstverein sowie der Verkehrs- und Verschönerungsverein Winterthur. 1907 bereits stellte sich eine wichtige Aufgabe: Es galt, den Verkauf der Innenausstattung des Schlosses Wülflingen ins Ausland zu verhindern.

Foto: winbib

In der Folge bekannten sich auch Winterthurer Behörden langsam zum baulichen Erbe der Stadt. Am 28. Oktober 1943 genehmigte der Regierungsrat die Winterthurer Verordnung zum Schutze des Stadt- und Landschaftsbildes. Neu wurden dabei auch Waldränder, Bäume und Baumgruppen berücksichtigt. Hinweise auf Quartiere ausserhalb der Altstadt damals fehlten noch. Mit der Gründung der Winterthurer Heimatschutz-Sektion bekamen nebst dem Schutz von Einzelbauten die Anliegen des Schutzes der Pärke, von ganzen Strassenzüge und Quertieren in die Optik des Heimatschutzes.

Ein erstes Objekt für deren Erhalt sich der Heimatschutz Winterthur einsetzte war die Badanstalt (Badewannenmoschee) in der Neustadt. Es folgte die Restaurierung der Reismühle in Hegi. Hingegen konnte 1976 der Abriss des Bareiss-Baus der Kantonalbank nicht verhindert werden. Auch gegen das Haus „Zum Delphin“ und die „Matossi-Villa“ war der Wiederstand vergebens.

Wakker-Preis 1989 für die Siedlungsstadt Winterthur

Dass die Bemühungen des Heimatschutzes in Winterthur fruchteten bewies die Verleihung des Wacker-Preises 1989. Der Wakkerpreis ist ein durch den Schweizer Heimatschutz verliehener Preis, mit dem politische Gemeinden in der Schweiz für beispielhaften Ortsbildschutz ausgezeichnet werden. Der Preis wird seit 1972 einmal jährlich verliehen und ist mit 20'000 Franken dotiert. Mit der Begründung «Respektierung der Wohnstrukturen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts» würdigte der Schweizer Heimatschutz Winterthur 1989 mit dem Wakker-Preis. Nicht die Existenz der Wohnquartiere, sondern deren Sicherung durch die planerischen Massnahmen in der neuen Zonen- und Bauordnung wurden ausgezeichnet. Zu deren Verwirklichung hatten die Quartierstudien des SIA, der verständnisvolle Stadtplaner Hans Degen und die wiederholten und hartnäckigen Anträge der Heimatschutzgesellschaft zur Bauordnung entscheidend beigetragen.

Foto: Christoph Bantli

In den verschiedenen Quartieren finden sich kleine freistehende Einfamilienhäuser, ländliche Gebäude mit Ökonomieteil, einfache Reihenhäuser, Hauszeilen mit Mietwohnungen, herrschaftliche Reihen-Einfamilienhäuser und Mehrfamilienhäuser mit grossem Garten zur Selbstversorgung. Die Geschlossenheit der Quartiere entstand durch den einheitlichen architektonischen Ausdruck. 1865 hatte Rieter in Töss neun Doppeleinfamilienhäuser als erste Arbeitersiedlung erstellt, Sulzer, SLM und Sidi folgten dem Beispiel. Die «Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur», Genossenschaften, die Stadt und Private förderten fortan den Siedlungsbau. Damit verbinden sich Namen zahlreicher in der ersten Jahrhunderthälfte tätiger Architekten und Architektengemeinschaften der Stadt und deren unterschiedliche Stilrichtungen: Ernst Jung, Bridler und Völki, Rittmeyer und Furrer, Fritschi und Zangerl, Franz Scheibler, Hermann Siegrist, Kellermüller und Hofmann, Hans Ninck und Herbert Isler.

Präsidentinnen und Präsidenten des Heimatschutzes Winterthur



1970-1980
Max Siegrist
1980-1989
Katharina Furrer-Kempter
1989-1992
Anna-Regula Hablützel
1992-1996
Peter Huber
1996-2006
Maria J. Bühler-Reimann
2006-2007
Veronika Martin Mantel
2007-2008
Cla Werro
2008-2015
Beat Schwengeler
ab 2015
Peter Niederhäuser

Quelle: Publikation des Heimatschutzes Winterthur "Zwischen Erhalt und Erneuerung", 2020, Winterthurer Bau-Geschichten, Band 5

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