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Sulzer Dieselmotorenhalle (alt), Superblock (neu)

1929

Einen neuen zusätzlichen baulichen Aspekt im Sulzer-Areal Stadtmitte bildet ab 2015 der neue Superblock. Er entstand in der zweiten Bautiefe der Zürcherstrasse, so quasi gegenüber dem Olymp (ehemaliges Direktionsgebäude). Die riesige Dieselmotorenhalle, auch Hektarenhalle genannt, musste dafür weichen.

Die Sulzer-Werkhallen Nummer 87 und 11, auch Hektarenhalle, sind Industriedenkmale an der rückwärtigen Seite des Industrieareals im Dreieck Zürcherstrasse und Tössfeldstrasse, letztere heisst heute „Zur Kesselschmiede“. Die Halle 87 (siehe Glossar-Eintrag „Hochschulbibliothek ZHAW“), in der einst die Rohrschlosserei und der „Stiftenhimmel“ (Lernwerkstätten) zuoberst unter dem Dach untergebracht waren, ist integral unter Schutz gestellt. Die daneben stehenden Halle 11 (95x30x20m) diente der Endmontage von grössten Schiffs-Dieselmotoren. Die Fassade gegen die Halle 87 ist ebenfalls als erhaltenswert bezeichnet. In diesem Gebäude-Geviert wurde seit Dezember 2011 ein grosses Bürogebäude, der Superblock, gebaut. Als Nutzer sind die AXA Versicherung (ab November 2014) und die Stadt Winterthur für die Zentralisierung ihrer Verwaltungseinheiten (ab Juni 2015) eingezogen.

Die Hallen 87 (bis 2011 als Musical-Theater „Cityhalle“ bekannt) und 11 sind nicht auf den ersten Blick als besondere Zeugen von Fabrikarchitektur zu erkennen. Betrachtet man aber die Fassaden und deren Gestaltung genauer fällt auf, dass diese für reine Zweckbauten anspruchsvoll gestaltet sind. Unverkennbar ist daraus die Gestaltung des Architekten Lebrecht Völki abzulesen.

Völki konnte sich dabei gegen Ende seiner Schaffenskraft nochmals dem Bau von gross voluminösen Gebäuden widmen, einem Bereich dem er sich immer zugezogen fühlte. Die fein gestalteten Aussenhüllen waren in der Schweiz die ersten Fassaden in rotem Eternit. Sie waren in gewissem Masse auch ein Gegenstück zum Backsteinbau.

Die Hallen wurden 1929 erstellt und sind auch wirtschaftgeschichtlich von hoher Bedeutung, da sie wichtige Zeugen der Dieselmotorenproduktion in den 1930er Jahren sind. Auch Rudolf Diesel arbeitete einst in diesen Hallen als Ingenieur.

Die Halle 11, wegen ihrer Grösse auch Hektarenhalle genannt, schrieb auch in anderer Thematik Geschichte. Sie war in der schwierigen Zeit vor dem 2. Weltkrieg Austragungsort eines Arbeitskampfes. Den Sulzerarbeitern ging es schlecht und sie wollten zur Verbesserung ihrer Situation streiken. Um den Arbeitskampf zu beschliessen versammelten sie sich am Samstagmorgen, den 3. Juli 1937, während der Arbeitszeit um 10 Uhr in der Hektarenhalle. Über 2000 Sulzerianer, auch mit Cars und Sondertrams aus Oberwinterthur und Bülach angereist, versammelten sich in der riesigen Halle. Streikwillige Arbeiter hielten engagierte Reden und forderten längst fällige Kampfmassnahmen. Dr. Robert Sulzer und Dr. Heinrich Wolfer stiegen auf einen Dieselmotor und hielten dagegen.

Die emotionale Versammlung endete mit einer geheimen Abstimmung. Gewerkschaftssekretär Ferdinand Aeschbacher, ein Befürworter von Verhandlungen und Streikgegner, behielt knapp die Oberhand. 1150 Arbeiter stimmten gegen und 1138 stimmten für einen Streik. Dieser Entscheid gilt als Initialzündung für das „Friedensabkommen“, das zwei Wochen später von den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden unterschrieben wurde. Das Abkommen schrieb Verhandlungen und ein Schiedsgericht statt Arbeitskämpfe vor.

Zur Erinnerung an diese Ereignisse ist im Hof des Superblocks eine Gedenkstätte erstellt worden.

Anlässlich einer öffentlichen Führung der Denkmalpflege Stadt Winterthur im August 2008 gaben ehemalige Sulzeraner, nicht ohne Wehmut, Reminiszenzen aus ihrer Aktivzeit zum Besten. Unter anderem: Was heisst SULZER: „Still und leise zerrinnt ein Riese.“

In den Superblock, der von der AXA Winterthur anstelle der Halle 11 gebaut wurde, zog 2015 die Stadtverwaltung und Bereiche der AXA Winterthur ein. Der Superblock ist das Werk des Architekten Krischanitz, der als Sieger der Testplanung für die Neunutzung der ehemaligen Industriegebäude hervor ging. Im westlichen Flügel sind in den zwei obersten Geschossen auch Mietwohnungen untergebracht. Das ehemalige Gründerhaus der Firma Sulzer, das Gebäude 1834, blieb stehen und wurde zur Kindertagesstätte umgebaut. Der öffentlich zugängliche 60m x 60m grosse Innenhof wird von sechsgeschossigen Baukörpern umgeben.

Industrieanlagen
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