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Widmer Hans, Dr. med. 1889-1939, Stadtpräsident

Hans Widmer
08.08.1889
21.05.1939

Hans Widmer war als Mediziner und Politiker ein rastloser Schaffer. Seine Schaffenskraft setzte er ein für die der Ärztegesellschaft Winterthur (Präsident), als Autor von Reiseberichten und Unterhaltungsproduktionen und in den Parlamenten aller drei Ebenen ein. Ebenso emsig wirkte er von 1930 bis 1939 als Stadtpräsident Winterthurs. Sein früher Tod nach nur 50 Lebensjahren wurde in weiten Kreisen mit Bestürzung aufgenommen.

Nach dem Rücktritt von Stadtpräsident Hans Sträuli im Mai 1930 wurde der 41-jährige Tössemer Arzt Dr. Hans Widmer ohne Gegenkandidat in das Amt des Stadtoberhauptes gewählt. Auch er war ein Demokrat. Wie Sträuli brachte er denselben Gerechtigkeitssinn und denselben Helferwillen in dieses Präsidialamt ein. An Stelle des eher bedächtigen Vorgängers, kam nun aber eine impulsive Natur ans Werk, die der herannahenden schweren Zeiten begegnen wollte.

Die Familie des neuen Stadtpräsidenten stammt ursprünglich aus Dietikon und hatte sich 1873 in der Stadt Zürich eingebürgert. Der Vater, Dr. med. Franz Jakob Widmer, kam dann als Arzt in das wachsende Töss.

Hier wurde ihm am 8. August 1889 sein Sohn Hans Widmer geboren. Er besuchte das städtische Gymnasium und studierte anschliessend in Zürich, Heidelberg und Berlin Medizin. Nach Wanderjahren in Zürich, Lausanne und Klosters, wo er besonders Internierte zu betreuen hatte, übernahm er 1920 die väterliche Praxis im alten Doktorhaus in Töss. 1917 heiratete Widmer Hanna Schoellhorn, *1896, Tochter des Fritz Schoellhorn, Haldengut-Brauereibesitzer in 2. Generation. Der junge Arzt erwarb sich, wie zuvor bereits sein Vater, schnell das Vertrauen aller Kreise. Neben seiner Praxis betrieb Hans Widmer auch immer wieder Weiterbildung und publizierte beachtenswerte Aufsätze für medizinische Zeitschriften.

Dem Ehepaar Hans und Hanna Widmer-Schoellhorn wurden vier Kinder geschenkt, wobei der erste Sohn (Hans Rudolf, 1919) kurz nach der Geburt bereist wieder verstarb. 1920 kam Nikolaus, der später wie sein Vater als Hausarzt in Töss praktizierte, 1926 Balthasar, der ebenfalls Medizin studierte, und 1927 Urs auf die Welt. Letzterer studierte an der ETH Bauingenieur. Er trat 1966 in die Fussstapfen seines Vaters als Winterthurer Stadtpräsident. Hans Widmer übernahm auch das Amt des Schularztes und war Präsident der Bezirksärztegesellschaft und von 1926-30 Präsident der Ärztegesellschaft Winterthur. Später war er auch Schularzt an der Kantonsschule. Widmer gehörte auf allen drei Ebenen den Parlamenten an, in denen er sich vornehmlich um die Gesundheitspolitik kümmerte. Im Kantonsrat (1931-1937) setzte er sich für adäquate Spitalbauten ein. Im Nationalrat (1935-1939) nahm er starken Anteil an den Krankenversicherungsfragen. Im Grossen Gemeinderat in Winterthur, 1925-1930, half er der obligatorischen Krankenversicherung zum Durchbruch. Nach der Wahl zum Stadtpräsidenten liess sich Widmer unüblicherweise die Verwaltung des Gesundheitsamtes übertragen. Er war es der bei der Krankenkasse den Selbstbehalt einführte, eine Regelung die später vom Bund übernommen wurde. Beim Schweizerischen Turnverband erlangte er für die Verdienste der Durchführung des Eidgenössischen Turnfestes 1936 in Winterthur die Ehrenmitgliedschaft. Aber auch der Kultur widmete er seine volle Schaffenskraft. Er förderte den Ausbau der Bibliothek, griff den Plan auf im alten Gymnasium Oskar Reinharts Sammlung auszustellen und unterstütze den Plan der Einrichtung eines Heimatmuseums.

Die Weltwirtschaftskrise machte der Stadt und seiner Bevölkerung zuschaffen. Ab 1929 brach die Not über die Exportstadt hinüber. Von Monat zu Monat stiegen die Arbeitslosen-Zahlen. 15 bis 20 Prozent der Stadtbevölkerung hatten keine Arbeit. Dieser Not zu wehren, engagierte sich Widmer vordergründig. Wie bereits sein Vorgänger hielt er an einem Nachmittag pro Woche Sprechstunde. Übervolle Warteräume im Stadthaus zeigten auf, dass die Notleidenden der Stadt davon reichlich Gebrauch machten. Widmer sprudelte von Ideen, den Bedrängten zu helfen und scheute auch die mühsame Kleinarbeit nicht. Nebst Krisenversicherung wurden Familienzuschüsse, Winterhilfe und Wohnungsbeiträge eingeführt. Die Unternehmer erhielten Fabrikationszuschüsse und Exportgarantien. Notstandarbeiten und Vorantreiben des Erstellens öffentlicher Bauten waren weitere Massnahmen. Das kostete natürlich Geld und trotz dem Anziehen der Steuerschraube von 138 auf 203 Prozenten stieg die Stadtverschuldung bis auf 9,4 Millionen Franken in diesen Jahren an. Mit der Durchführung von Arbeits- und Ausbildungslagern für Arbeitslose in den Räumen der Gross-Spinnerei Hard in Wülflingen beschritt Winterthur auf Betreiben von Widmer neu Wege, die weit herum Beachtung fanden. Im Kantonsrat bemühte er sich für ein zürcherisches Gesetz für Arbeitslosenversicherung. Es gelang mit diesen und vielen anderen Massnahmen und mit dem Aufgebot aller Kräfte, Winterthur durch die Wogen der Krisenjahre zu führen.

Im Sommer 1938 machten sich beim rastlos tätigen Politiker Krankheitserscheinungen bemerkbar, die auch durch eine Auszeit nicht behoben werden konnten. Nach längerem Krankenlager verstarb Hans Widmer am 21. Mai 1939 im Alter von nur 50 Jahren.

Emanuel Jung schrieb im Zürcher Taschenbuch 1941 über Stadtpräsident Dr. Hans Widmer: „In keiner Weise ein ausgesprochener Parteimann, hielt Dr. Widmer in sozialpolitischen Fragen zur Linken. Wie er als Privatmann manche Not linderte, so schien es ihm ernste Pflicht aller Begüterten, den Benachteiligten im Lebenskampfe beizustehen. In kulturellen Fragen war er ein Liberaler von humanistischer Tradition. Die geistigen und seelischen Werte, die er allen Mitbürgern zudachte, standen ihm zu hoch, als dass er des Wortes vergessen hätte, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. In allen Staatsfragen aber hielt er zur Mitte und befürwortete einen Ausgleich.“

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