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Zwinglikirche

Sat Nov 30 00:00:00 UTC 1940

Zwingliplatz 2

8400 Winterthur


Mitten in den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs wurde am 7. April 1940 die Zwinglikirche eingeweiht. Keiner der Festredner vergass, auf die besonderen Zeitumstände hinzuweisen, und jeder verstand den Kirchenbau als Botschaft von Versöhnung und Vergebung. Der Bau am Deutweg war eine zurückhaltende architektonische Moderne.

PETER NIEDERHÄUSER

Am 7. April 1940 während dem 2. Weltkrieg wurde die Zwinglikirche, die Trabantenkirche, wie sie auch genannt wurde, eingeweiht. Trabant, Satellit darum, weil das neue Gotteshaus die zweite Kirche in der Kirchgemeinde Winterthur-Stadt war. Sie war somit eine „Filiale“ der alt ehrwürdigen Stadtkirche. Die Zwinglikirche war auch, abgesehen von Töss, wo die bisherige Pfarr- und Klosterkirche in eine Fabrikhalle umgenutzt und deshalb 1854/55 ein Ersatzbau nötig wurde, konnte auch keine Wurzeln in die Vergangenheit schlagen. Alle reformierten Gotteshäuser Winterthurs gehen auf das Mittelalter oder auf die frühe Neuzeit zurück.

Als die Zwinglikirche fertiggestellt wurde, umfasste der Sprengel der Stadtkirche über 20 000 Personen. Angesichts dieser Zahlenverhältnisse stand schon lange die Frage nach der Anonymität im Raum und es wurde nach Mitteln und Wegen gesucht, die Gläubigen wieder näher an die Landeskirche heranzuführen. Bereits 1895 waren solche Gedanken aufgekommen. Bereits damals wollte man die Stadtkirche entlasten. Dann wurde aber der Bau des Kirchgemeindehauses an der Liebestrasse 1913 realisiert, so dass solche Pläne vorerst wieder vom Tisch waren.

Bild: Archiv Kirchgemeinde Mattenbach

Bald zeigte es sich aber, dass das Kirchgemeindehaus zwar stark benutzt wurde, aber für die Aussenbezirke der Kirchgemeinde Stadt zu weit weg war. Obwohl die beiden Pfarrherren im Deutweg, im Tössfeld und im Äusseren Lind Abendveranstaltungen und Sonntagsschulen einführten, gelang es nicht, den ständig wachsenden Einwohnern die Kirche näherzubringen. Es fehlten auch die passenden Räume. Im Sommer 1928 lancierte Pfarrer Stückelberger die Diskussion erneut, dass nur Neubauten die richtigen Lösungen sein können. An der Kirchenpflegesitzung vom 28. August 1928 wurde sodann beschlossen, nach möglichen Bauplätzen für kirchliche Gebäude zu suchen. Man kann somit sagen, dass dieses Datum die Geburtsstunde der Zwinglikirche war.

Die Diskussionen um den richtigen Standort und ob im Tössfeld oder im Deutweg zogen sich dahin. Wieder war es Pfarrer Stückelberger, der mit seiner Mahnung zur Eile, den Durchbruch erreichte. Die Gebrüder Kobelt, die Besitzer des Hofes Talgut, waren im Frühling 1930 endlich bereit, ein Grundstück an der Strassenkreuzung am Deutweg für einen Kirchenbau abzutreten.

Die Kirchenpflege tat sich in der Folge schwer mit dem Ausarbeiten eines Projekts. Die Überbauung der Umgebung blieb vorerst offen, die immer stärker auf den Leuten lastende Wirtschaftskrise hemmte den Wunsch nach allzu kostspieligen finanziellen Investitionen. Ein Vorwärtsdrang war auch gehemmt durch die Frage, in welchem Verhältnis das geplante kirchliche Gebäude zur Stadtkirche stehen sollte. Es war das Verdienst des Architekten und Technikumlehrers Walter Müller, und auch Präsident der Baukommission und Präsident der Kirchgemeinde Stadt zwischen 1934 und 1946, dass es langsam aber steinig weiter ging.

Bild: Archiv Kirchgemeinde Mattenbach

Müller initiierte die Debatte über die Fragen: Soll es eine Filiale der Stadtkirche sein oder soll eine eigene Gemeinde geschaffen werden? Sollen nur Unterrichtsräume und ein Vortragsraum geschaffen werden? Braucht es ein Pfarrhaus? Sollen Gottesdienste möglich sein? Die Neuwahl der Kirchenpflege und die neue Einteilung der Kirchgemeinde in Sprengel verzögerten den Planungsprozess erneut. Im Sommer 1935 wurden dann endlich Beschlüsse gefasst:

Am Deutweg soll eine kleine Kirche gebaut werden, die innerhalb der bisherigen Kirchgemeinde stehe, aber mit eigenständigen Gottesdiensten. Die Bedürfnisse für eine Baute am Deutweg sind vorhanden. Der Deutweg soll einen eigenen Kreis bilden. Es sollen Predigt, Kinderlehre und Abendvorträge abgehalten werden können. Dem Bau einer Pfarrwohnung und eines Glockenturms wurde ergänzend zugestimmt. Damit nahm das neue kirchliche Zentrum endlich Form an.

In einem nächsten Schritt galt es, einen Wettbewerb zu organisieren, wobei deutliche Vorbehalte gegen zeitgenössische Architektur spürbar wurden. Andere Stimmen wünschten eine Betonung des Gedankens von Heimatschutz und Bodenständigkeit und Dritte erwarteten vom Preisgericht eine grundsätzliche Abblockung von allzu modernen Ideen. Zugelassen wurden schliesslich nur Architekten, die reformierte Winterthurer Bürger waren. Sieger der insgesamt 41 Projekte wurde der Winterthurer Jakob Wildermuth. Ihm wurde allerdings nur der zweite Preis zugesprochen; auch er vermochte die strenge Jury nicht auf Anhieb zu gewinnen. In ständigem Kontakt mit der Kirchenpflege und der Baukommission überarbeitete der Architekt sein Projekt mehrmals, bis mit einiger Verzögerung nach deutlicher Zustimmung der Kirchenversammlung vom 19. Februar 1938 — am 9. Oktober 1938 der Grundstein gelegt werden konnte und die Bauarbeiten begannen. War bisher immer von einem «kirchlichen Gebäude» oder von der Deutweg-Kirche die Rede, so «taufte» Präsident Müller die Kirche an diesem Anlass auf den Namen «Zwinglikirche».

Bild: Archiv Kirchgemeinde Mattenbach

Geplant war die Fertigstellung des Kirchenbaus auf den 15. Oktober 1939. Das gelang nicht, da infolge des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges ein Mangel an Baustoffen auftrat. Auf Ostern 1940 war der Rohbau des Gotteshauses dann errichtet. Am 7. April 1940 wurde die neue Kirche eingeweiht. Die Architekten Wildermuth und Bosshardt bezeichneten ihr Werk als die beste zeitgenössische Lösung eines protestantischen Kirchbaus. Sie unterstrichen dabei auch die locker und einfach gestaltete Baugruppe, die zum Gartenstadtcharakter des Deutwegquartiers passe. Dazu kamen die variablen Nutzungsmöglichkeiten des Gemeinschaftsflügels. Die Weiterentwicklung des Raumes Deutweg-Mattenbach zeigte anschliessend bald, dass die Raumsituation zu klein war. 1961 wurde ein zusätzlicher Trakt angebaut. 1986 bis 1988 wurde eine Sanierung vorgenommen. Sie führte zu einer flexibleren Möblierung und zu einer neuen Orgel. Zum 75 Jahr-Jubiläum 1974 schliesslich wurden grössere Unterhaltsarbeiten ausgeführt.

Bild: Christoph Bantli

Kunst am Bau

Wie bereits die ganze und lange Baugeschichte waren auch die Diskussionen um die Beschmückung und Ausschmückung der Zwinglikirche episch. Die protestantische Nüchternheit, die den Behörden vorschwebte traf sich in keiner Art und Weise mit den Vorstellungen von Architekt Wildermuth. Den Stein endlich ins Rollen brachte Carl Heinrich Ernst, Besitzer der Drogerie „Ernst zum Schneeberg“ und engagierter Förderer des Winterthurer Kunstschaffens. Schliesslich erhielt der Zürcher Bildhauer Otto Charles Bänninger (1897-1973) den Auftrag zur Schaffung zweier Bronze-Relief-Platten für die Türflügel der Eingangstüre. In patinierter Bronze stellen sie die Evangelisten Matthäus und Johannes dar. Der Vorschlag Bänningers zusätzlich eine Zwingli-Büste aufzustellen fand keine Gnade.

Louis Moilliet (1880-1962) erhielt den Auftrag die Fenstergestaltung auszuführen. Die moderne Glasmalerei, die nach vielen Entwürfen schliesslich für die Ausführung bestimmt wurde, setzte Zeichen für moderne Kirchenfester-Glasmalerei.

Zur eigenständigen Kirchgemeinde

Mit der Inbetriebnahme der Zwinglikirche und den dazugehörenden Räumen entwickelte sich der „Sprengel“ Mattenbach in eine gewisse Eigenständigkeit, aber auch zu einem aktiven Gemeindeleben. 1960/62 erfolgte der Bau eines Erweiterungstakts, um weiterhin den breiten Angeboten den dazu nötigen Raum zu gewähren. Parallel dazu begann ab 1959, als ein Gemeindemitglied den Wunsch einer Abtrennung der Zwinglikirche von der Stadtkirche in die Diskussion brachte, der Prozess zu dieser Ablösung. Die starke Bautätigkeit im Gebiet Mattenbach/Gutschick rief immer mehr nach einer Neuorganisation. Als auch für den politischen Bereich die Notwendigkeit einer Trennung vom Kreis Altstand ins Gespräch kam, war der Weg überraschend kurz. Die Grenzen zu Seen und Oberwinterthur wurden neu gezogen und jene zur Altstadt ebenso. Per 1. Januar1963 wurde die eigenständige evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Mattenbach gebildet. Im selben Jahr bekamen die Frauen in der reformierten Kiche das aktive Stimmrecht. Der politisch eigenständige Stadtkreis Mattenbach liess dann noch bis 1973 auf sich warten. 1967/68 erforderte das starke Wachstum des Gemeindegebietes (innert kürzester Zeit wurden 800 Wohnungen gebaut) eine neue vierte Pfarrstelle und den Bau eines Pfarrhauses am Bach und eines im Gutschick sogar mit eigenem Saal.

Foto: Andreas Wolfensberger

Die Zwinglikirche ist heute eingebettet in einem Meer von Häusern und umflutet vom kaum endenden Strassenverkehr. Die markante städtebauliche Stellung hat darunter gelitten. Nach wie vor präsentiert sich der Kirchenbau, obwohl bereits Dreivierteljahrhundert alt, frisch und modern. So darf heute wohl festgestellt werden, dass die Kirchgemeinde zusammen mit den Architekten in den Jahren 1938 bis 1940 mutig und in die Zukunft gerichtete Pionierarbeit im Sachen Kirchenbau geleistet hatten. Sie errichteten ein modernes Kirchengebäude. Der Turm steht dabei leicht abseits vom eigentlichen Kirchenhaus, was damals für die Schweiz erstmalig war.

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