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Häuser „Zum Maulbeerbaum“ und „Zum Schwarzen Adler


Das mächtige Gebäude „Zum Maulbeerbaum“ wurde 1785 errichtet. Es war einst an dem Turm des Untertors angebaut gewesen. Südlich angebaut war die Stadtmauer an der damals die Eulach floss. Direkt dahinter an der Untertorgasse war das schmale Haus „Zum Schwarzen Adler“ (Untertor 39) angebaut. Es ist seit 1974 mit dem „Maulbeerbaum“ (Untertor 41) verbunden und somit bilden die beiden Häuser heute ein vereintes Geschäftshaus.

Haus „Zum Maulbeerbaum“

Auf dem Grundstück des heutigen Hauses „Zum Maulbeerbaum“ stand früher das städtischen Bauhaus (später: Werkhaus), das Magazin für Materialien und Werkzeuge. 1765 wurde ein neues grosses Baumagazin vor dem Holdertor gebaut. Daraus wurde später die alte Kaserne. Als das Werkhaus beim Untertor wurde nicht mehr benötigte, wurde es 1775 dem Rütiamt als Holz- und Fruchtmagazin für 12 Jahre vermietet. (Das Rütiamt verwaltete die Güter des Klosters Rüti.) Mit Datum vom 28. Dezember 1784 verkaufte der Kleine und Grosse Rat die Liegenschaft den Brüdern Daniel Steiner ( 1737-1786) und Johann Caspar Steiner (1734-1812).

Das stattliche Haus richtete sich mit der südliche Hauptfassade gegen den Bahnhofplatz hin. Im Süden, wo heute die Technikumstrasse verläuft, floss die Eulach. Ein Wehr sorgte dafür, dass Wasser zur gegenüberliegenden Schlangenmühle (heute steht dort das Haus des Coop City) floss. Zwischen der Eulach und der Stadtmauer befanden sich über dem ehemaligen Stadtgraben Gärten. Auch auf dem Vorplatz des „Maulbeerbaumes“ befand sich ein Garten. Auf Bildern kurz vor der Jahrhundertwende war dann aber der Platz leer und kahl. Eine Begrünung, die Dr. Gamper 1914 vornehmen und teilweise bezahlen wollte, wurde vom Stadtrat, der Nachfolgekosten wegen, abgelehnt. Trotzdem wurde der Platz verbessert. Es wurde ein Kiesplatz errichtet und vier Pappeln gepflanzt. Die Pappeln sind noch immer dort, allerdings nicht dieselben.

Foto J. Link

Die Gebrüder Steiner begannen nach der Übernahme des Hauses sofort mit einem Umbau und mussten dabei verschiedenste Auflagen erdulden. Mit diesem Umbau erhielt das Haus den Namen „Maulbeerbaum“. Da Johann Caspar Steiner, er zog aus Bergamo nach Winterthur, im Seidenhandel tätig gewesen war, war er wohl für diese Namensgebung verantwortlich. Der Maulbeerbaum war die Nahrung für die Seidenraupen gewesen war. Das damals erbaute Haus erhob sich aus den Strukturen des vormaligen Werkhauses und galt damals als modernes Stadtgebäude. Gleichzeitig wurde auch das Hinterhaus, der „Schwarze Adler“, ebenfalls durch die Brüder Steiner erstellt. Das Haupthaus war als Wohngebäude für eine Familie konzipiert gewesen. Im Mittelgeschoss war ein Festsaal eingerichtet.

Bereits 1986 verstarb Daniel Steiner, der Beck im schwarzen Adler und sein Bruder Johann Caspar wurde alleiniger Besitzer der beiden Anwesen. Nach seinem Tode 1812 verkauften seine beiden Töchter, Emilie Steiner und Henriette Geilinger-Steiner die Häuser einem Johann Jakob Steiner-Biedermann (1784-1863), der zu einer anderen Familie Steiner gehörte. Er handelte mit Farbstoffen. Das Haus blieb bis ins 21. Jhdt. in dieser Familie bzw. seiner Nachkommen. Einer seiner Söhne, Caesar Heinrich Steiner (1812-1894) eröffnete 1839 im Parterre eine Apotheke.

(Die Geschichte der Apotheke ist in einem eigenen Artikel Unternehmen/Adler-Apotheke dargestellt.)

Eduard Gamper (1845-1912), der seit 1874 die Apotheke führte, plante ab 1890 verschiedene Umbauten. Er wollte die Fassade umgestalten und auch für seine Apotheke mehr Raum gewinnen. Er konnte seine Pläne aber nicht verwirklichen. Sein Sohn Max Gamper (1874-1962) kaufte 1911 Haus und Apotheke und nahm sofort eine Umbauplanung in Angriff. 1912 wurde die Umgebung durch die Stadt wesentlich umgestaltet. Die Eulach wurde eingedohlt und für die Zürcherstrasse eine Unterführung unter den Bahngeleisen hindurch erstellt. Ein Umbau-Projekt von den Architekten Rittmeyer und Furrer kam 1913/14 zur Ausführung. Der Hauseingang wurde an den Bahnhofplatz verlegt und mit einem Dachaufbau wurden Personalzimmer erstellt. Ferner wurden beide Hausteile unterkellert. Baeschlin konnte 1972 das Nachbarhaus „Zum schwarzen Adler“ dazukaufen.

Winterthurer Bibliotheken, Sondersammlungen

Zum Schwarzen Adler

Die Liegenschaft „Zum Schwarzen Adler“ erschien 1420 erstmals in einer Urkunde. Der Name wurde anlässlich eines Handwechsels von Davidt Sultzer zur Witwe von Heinrich Rieter 1676 erstmals erwähnt. 1674 baute Davidt Sultzer das Haus um und machte aus dem dreistöckigen Lagerhaus ein vierstöckiges Wohnhaus mit Riegelwerk. Die Grundfläche wurde in den oberen Etagen mit einem Erker gegen das damalige Werkhaus erweitert. Die Einrichtung eines Wirtshauses wurde durch den Kanton vorerst verweigert. Belege von 1805 zeigen später auf, dass der spätere Besitzer Daniel Steiner Gastwirt zum Adler war. Irgendwie hatte es also doch noch geklappt. 1837 kaufte einer neuer Besitzer, Rudolf Hirzel, des „Schwarzen Adlers“ das Nachbarhaus (heute McDonald’s) und nutzte es als Scheune. 1843 baute er es in ein Restaurant mit Tanz- und Speisesaal um. Später waren dort das Café Kränzlin und das gleichnamige Dancing untergebracht. Im Hinterhaus hatte er bereits 1840 Stallungen und Fremdenzimmer eingebaut. 1844 kam Hirzel in Konkurs. Beide Liegenschaften gingen an Eduard Freysz. Dieser führte die beiden Gasthöfe gemeinsam. Im Haus Untertor 37 den Gasthof Adler, im Untertor 39 das Adlerstübli. 1905 wurde das Adlerstübli umbenannt. Es hiess nun „Zur alten Post“, obwohl hier kaum je eine Poststelle betrieben worden war. Neuer Besitzer war nun die Aktienbrauerei Zürich. 1922 kauft Friedrich Graf die Liegenschaft und führte im Parterre ein Lebensmittelgeschäft und das Restaurant im 1. Obergeschoss. 1932 erwarb der gleichnamige Sohn die Liegenschaft. 1972 kam as Haus in den Besitz von Ernst Baeschlin.

Aus zwei mach eins

Mit dem Kauf der Nachbarliegenschaft kam man dem Ziel näher, die Grundfläche zu arrondieren und das Treppenhaus sinnvoller zu platzieren. 1973 begannen die Bauarbeiten unter der Leitung des Architekturbüros Suter und Suter aus Zürich. Der Hauseingang wurde vom Bahnhofplatz zurück in das Untertor verlegt. Unter dem Vorbau des „Schwarzen Adlers“ dient er nun als Eingang für beide Häuser. Die Fassade des „Maulbeerbaum“ erhielt wieder ihr ursprüngliches Aussehen von 1785. Lediglich die Schaufenster der Apotheke wurden vergrössert und modernisiert. Im Innern wurden die unterschiedlichen Stockwerkhöhen ausgeglichen. Ferner wurde die Raumeinteilung nach der Verlegung des Treppenhauses optimiert. Die Wohnräume wurden gänzlich durch Büro- Geschäfts- und Praxisräume ersetzt. Die alte Struktur wurde komplett ersetzt, nur die tiefen Fensternischen weisen noch darauf hin, dass die alte Stadtmauer noch steht.

Das Haus zum Maulbeerbaum ist mit wenigen kleineren Ausnahmen noch heute im Zustand von 1785. Es ist eine schlichte, frühklassizistische Fassade mit spätbarocker Fensterordnung, Walmdach auf Bahnhofplatzseite und Giebel gegen Osten. Die Haustüre zum Hinterhaus an der Technikumstrasse ist immer noch die Türe von 1785. Die Riegel des „Schwarzen Adlers“ sind wieder voll sichtbar, nachdem sie einige Zeit vom einem Verputz verdeckt waren.

Quellenangabe

Die Grundlagen für die Texte sind im Buch „Die Häuser „Zum Maulbeerbaum & Zum Schwarzen Adler“ von Dieter Siegenthaler-Bäschlin, erschienen im März 2010 enthalten. Das reich bebilderte Werk kann im Buchhandel erworben werden.

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