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Talgut-Quartier im Mattenbach


Die kurz nach dem zweiten Weltkrieg entstandene vorbildliche Wohnsiedlung im Talgut/Mattenbach-Gebiet wird ab 2017 durch Neubauten ersetzt. Für den Erhalt des Gartenstadtcharakters wurde ein gut durchdachter Gestaltungsplan erarbeitet.

Das 1914 erstellte Tramdepot an der Tösstalstrasse gab den ersten Impuls zur Stadtentwicklung im Mattenbach-Gebiet, das zuvor ausschliesslich landwirtschaftlich genutztes Land gewesen ist. Der Wohnhäuserbau setzte zuerst im heutigen Langgasse-, im Eigenheim- und im vorderen Weberstrasse-Quartier ein. 1934 entstand dann am Kreuzeggweg die private Wohnkolonie «Talgut-Deutweg» mit 22 Einfamilienhäusern in Zweier- oder Dreierblocks, die durch die Architekten Hauser und Ruf konzipiert wurde.

Obwohl etwas abseits vom Zentrum, entwickelte sich die Gegend um das Deutweg- und Geiselweidquartier gemäss den Bevölkerungszahlen schnell. Um 1920 lebten bereits über 3000 Menschen in ungefähr 300 Häusern. Dieses Wachstum konzentrierte sich vor allem auf das Deutweg- und Mühlebrückequartier. Am Unteren Deutweg entstand 1872 die erste Siedlung der Gesellschaft für die Erstellung billiger Wohnhäuser (GEbW). An der Mühlebrückestrasse baute sie ab 1888 Mehrfamilienhäuser aus Backstein. Am Oberen Deutweg und an der Hörnlistrasse herrschte hingegen der «spekulative» Wohnungsbau vor. In der Zwischenkriegszeit folgten dann die Siedlungen der Selbsthilfe-Genossenschaft am Eigenheimweg und die Bernoulli-Häuser am Unteren Deutweg.

Die erste grössere, neue Siedlung entstand im Zelgli, wo die junge Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft 1944 gegen einigen Widerstand die kinderfreundliche Siedlung «Zelgli» realisierte. Fast gleichzeitig begann von der Tösstalstrasse her die Überbauung des Mattenbach-Areals, wo 1946 bis 1953 die etappierte Korrektion des Mattenbachs, gemäss Stadtrat «unerlässlich zur Beseitigung der bei hohen Wasserständen bestehenden Überschwemmungsgefahr», die nötigen Voraussetzungen für die Erschliessung schuf. Im Herbst 1946 konnte die neue Wohnkolonie Mattenbach an der Zwinglistrasse bezogen werden, welche dem Gebiet hinter der Kirche und dem Depot sein charakteristisches Gepräge verlieh. Diese Überbauung wurde durch die gemeinnützige Baugenossenschaft (heute Talgut-Genossenschaft) realisiert. Sie entstand im Umfeld des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter-Verbands Winterthur (SMUV). Die Wohnhäuser wurden durch die Architekten Isler und Eidenbenz geplant und gebaut. Diese Häuser waren eine preisgünstige, aber wohnlich behagliche und einheitliche Siedlung mit Spielplätzen, Grünflächen und Gärten für Küchengemüse und Schnittblumen. Bewohnt wurden diese Wohnungen vor allem von Metallarbeitern, die in Oberwinterthur oder im Tössfeld beschäftigt waren und über Mittag nach Hause fahren wollten.

So bescheiden die heute vor dem Abbruch stehende Siedlung „Talgut“ erscheint, so modern und grosszügig war sie in ihrer Zeit. Der «Landbote» würdigte die Wohnkolonie gar als einen Ort, wo «die Winterthurer Arbeiterschaft Heime findet, die sie an der modernen Wohnkultur Anteil haben lässt». Wenig später folgte der «Vatikan». Das waren die Wohnhäuser an der Langgasse entlang der heutigen Zeughauswiese. Eine katholische Wohnbaugenossenschaft hatte sie errichtet. Heute sind sie im Besitz der privaten Bewohner.

Das Gebiet bis fast zum Mattenbach wurde in der Folge durch die Gesellschaft zur Erstellung billiger Wohnhäuser (genannt «die Billige»)“ sowie der beiden grossen Wohnbaugenossenschaften GWG («die Gemeinnützige») und HGW («Heimstätten-Genossenschaft» mehr oder weniger einheitlich überbaut. Die ganze Siedlung war ein Musterbeispiel der Gartenstadt Winterthur. Wohnliche Häuser in grossen Grünräumen, der Wald und die Innenstadt in nächster Nähe, was will ein Mieter mehr.

Als dann 2008 erstmals die Gedanken in die Öffentlichkeit kamen, dass das Quartier abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden sollte, ging ein Aufschrei der Empörung nicht nur durch die Siedlung sondern durch die ganze Stadt. Die Besitzer dachten laut über den Abbruch und eine Neuüberbauung nach. Viele dieser 60 bis 70 Jahre alten Wohnhäuser riefen nach Erneuerung. Kleinräumige Wohneinheiten und mangelnde Wärme- und Geräuschdämmung lassen sich nicht ohne weiteres durch Renovationen verbessern. So die Argumentation. Im Zuge des Rufes von Verdichtung wollen die Wohnbaugenossenschaften auch zusätzliche Wohnungen zur Verfügung stellen. Dabei soll aber der Erhaltung des Grünraumes höchste Beachtung geschenkt werden. Dem Gartenstadtcharakter muss nachgelebt werden.

Visualisierung des Projektes "Apfelbaum" aus Ideenwettbewerb 2009 von Miroslav Sik Zürich

Nach einem Ideenwettbewerb zur Quartiererhaltungszone wurde ein Gestaltungsplan ausgearbeitet, an dem alle Mitsprachegruppen wie Stadt und Genossenschaften, Architektur- und Planungsbüros, Gemeinde- und Regierungsrat vertreten waren. Der Ersatz sämtlicher älteren Wohnhäuser soll etappenweise erfolgen. Mit der Publikation der ersten Bauausschreibung im März 2016 macht die Talgut-Wohnbaugenossenschaft an der Zwinglistrasse den Anfang. Die 34 alten Wohnungen, die 700 bis 1000 Franken pro Monat kosten, werden durch 49 neue, modernere Wohnungen ersetzt. Sie werden 1500 bis 2300 Franken kosten.

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