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Villa Frohberg und der Frohbergpark, Heiligbergstrasse 50

1869

Heiligbergstrasse 50

8400 Winterthur


Der historische Frohbergpark mit Villa und Ökonomiegebäude gehört mit einer Fläche von 15'560 m2 zu den grösseren Grünanlagen der Stadt. Die Freie Schule (Privatschule) und ein öffentlicher Kindergarten profitieren vom schönen Freiraum und vom Kinderspielplatz.

Die Villa Frohberg und das Gärtnerhaus an der Frohbergstrasse 11 wurden 1868/69 vom Architekten Ernst Jung im Auftrag von Ingenieur Rudolf Ernst-Reinhart (1836-1890) erbaut. Die zusammenhängende grosszügige Parkanlage planten die ebenfalls bekannten Gartenarchitekten Evariste Mertens und Fröbels aus Zürich. 1886/87 erfolgte ein Anbau eines weiteren, ungefähr gleich grossen Traktes auf der Südseite. Darin befinden sich ein vier Meter hohes Herrenzimmer mit Cheminée und weitere Herrschaftsräume. Das Herrenzimmer besitzt eine einmalige Ausstattung mit geschnitztem Getäfer in Eiche, einer Kassettendecke und einem Marmorkamin. 1893 ging die Villa Frohberg an die Gebrüder Johann Rudolf, Julius und Richard Ernst. Um 1900 kam sie in den Besitz von Dr. Rudolf Ernst-Blumer (1865-1956). In zwei Tranchen 1947 und 1958 kam das ganze Areal in den Besitz der Stadt Winterthur. 1971 wurde die Freie Schule an der Heiligbergstrasse und in den Park hinein gebaut und 1973 wurde der Kinderspielplatz erstellt.

Die Villa wurde im neugotischen Stil über einem kreuzförmigen Grundriss erstellt. Die Verbindung des 1886 angefügten Anbaus wurde durch einen polygonalen runden Turmkörper geschaffen. Über den verschiedenen Flügeln des gelben Backsteinbaus ruht jeweils ein Satteldach, das mit Sparren und Pfetten ausgestattet ist. Die horizontale Gliederung erfolgt mittels durchgehender Gesimse in rotem Backstein.

Foto: Stadtgärtnerei

Die Bauten und der Park der Villa Frohberg liegen gewissermassen am Fusse des Heiligbergs und stellen zusammen mit der Gartenlandschaften von weiterer Villen und Häuser der Umgebung eine ausgedehnte Grünoase am Heiligberg und an der Grenze zum Bahn- und Sulzer-Industrieareal dar. Durch den späthistorischen Landschaftsgarten führen geschwungene Wege, die mit bruchrohen Steinen eingefasst sind. Imposante alte Baumbestände und Baumgruppen verwandeln die Anlage in eine vielfältige Landschaft. Auch der mit Kalksteinen gestaltete Ententeich und die Grottenpartie in der Nähe der Wylandstrasse sind Zeitzeugen des ursprünglichen Villengartens.

Der Park stellt einen späthistorischen Landschaftsgarten dar. Zu bewundern sind vor allem die etwa 150-jährigen Baumriesen wie Spitzahorn (Acer platanoides), Bergahorn (Acer pseudoplatanus) Birke (Betula pendula) Waldbuche (Fagus sylvatica), Schwarzföhre (Pinus nigra «nigra»), Eiche (Quercus robur und Quercus macranthera). Leider mussten im Jahre 2014 aus Sicherheitsgründen einige davon gefällt werden. (Fotos dazu in der Bildergalerie)

Die Gartenanlage wurde durch verschiedene Bebauungen und insbesondere durch den Neubau der Freien Schule verkleinert. Das ursprüngliche gartenkünstlerische Gesamtkonzept ist nur noch andeutungsweise erkennbar. Dennoch ist die Anlage dank dem prächtigen Baumbestand und der charakteristischen Topographie sehr wertvoll. Der Park ist heute im öffentlichen Besitz und frei zugänglich.

Bewohner

Rudolf Ernst-Reinhart (1836-1890) zur „Goldenen Traube“ an der Marktgasse 13 (Restaurant Sonne) war Sohn von Johann Rudolf Ernst-Goldschmied, Tuchhändler, ab 1845 Mitglied der städtischen Rechnungs-Kommission. Vater Ernst war Mitglied der Baukommission und Leiter des Baus der neuen Mädchenschule. Ernst jun. war Verwaltungsrats-Mitglied der Bindfadenfabrik Flurlingen. Heinrich Sulzer-Steiner (1937-1906) berief seinen Jugend- und Studienfreund Rudolf Ernst in sein Unternehmen. Im Vordergrund ihres Interessens stand die Dampfmaschine und sie führten die Entwicklung von Charles Brown (1851-1871 bei Sulzer) weiter. Er war Mitglied des Verwaltungsrates der Bank in Winterthur (später UBS). 1872 zog sich Johann Jakob Sulzer-Hirzel (1806-1883) aus der Geschäftsleitung zurück und Rudolf Ernst wird als Teilhaber aufgenommen, was auf sein erfolgreiches Wirken hinweist.

Sohn Rudolf Ernst (1865–1956), Jurist, heiratete 1895 eine Tochter des Textilindustriellen und Ständerats Othmar Blumer-Huber, der in Freienstein und im Jakobstal bei Bülach Spinnereien und eine Weberei betrieb. «Im obern Stockwerk des Hauses zum Frohberg begründeten die Neuvermählten ihr Heim, während die ehrwürdige Mutter des Gatten die untern Räume bewohnte», heisst es im Nachruf auf Ernsts Frau. «In ungetrübter, schöner Harmonie weilten so Mutter und Schwiegertochter über 25 Jahre lang unter einem Dache.» 1901 wurde Rudolf Ernst, erst 36¬jährig, Blumers Nachfolger als Verwaltungsratspräsident der Bank in Winterthur. Diese fusionierte er 1912 mit der Toggenburger Bank zur Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG, später UBS). Rudolf Ernst gehörte zu den Schwergewichten der Schweizer Wirtschaft. Er präsidierte nicht nur die SBG (1912 bis 1941), sondern war als Wirtschaftspionier in vielen Firmen, in denen er als Verwaltungsratsmitglied amtete, seit Anbeginn mit dabei, insbesondere in der Schweizer Maschinenindustrie:

Sulzer (1914-1924), Loki (1901-1952), Georg Fischer (1901-1943), BBC (1900-1942), Maag­Zahnräder (1920-1953). Hinzu kamen Mandate im Dienstleistungssektor: Hypothekarbank Winterthur (1895-1946), National­Versicherung (1898-1953), Union­Rück (1923-1946), Motor­Columbus (1897-1934) und auf internationaler Ebene Münchner Rück (1924-1938), Foreign Light & Power , Internationale Petroleum­Union und Deutsche Erdöl AG. In der Textilindustrie präsidierte er die Schweizerische Bindfadenfabrik in Flurlingen (1897-1956), die Schweizerische Leinenindustrie AG Niederlenz (1917-1956) und brachte die Carl Weber AG im Jahre 1901 als deren Verwaltungsrat an die Zürcher Börse. Ausserdem amtete er im Verwaltungsrat der Tösstalbahn von 1900 bis 1918, wovon die letzten 6 Jahre als deren VR-Präsident.

Rudolf Ernsts «liebstes Kind» aber war die Bindfadenfabrik in Flurlingen, die dann von seinen Söhnen weitergeführt und schliesslich an den Heberlein-Konzern verkauft wurde. Ernst war auch politisch tätig. Von 1900 bis 1916 amtierte er als (nebenamtlicher) Finanzvorstand der Stadt und er sass von 1906 bis 1912 für die Freisinnigen im Kantonsrat. Im Militär war er Kavallerie-Major.

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