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Winterthurer Kinogeschichte


Erste Filmvorführungen gab es in Winterthur bereits nach der Jahrhundertwende 1900. Vorerst war es ein Wanderkino das auf Budenplätzen gastierte. Ab 1912 zeigten die beiden Kinos «Central» am Archplatz und das Kino « Palace» am Untertor ihre Filme. Heute stehen in vier Kinos total 21 Säle zur Verfügung (Kiwi 11, Maxx 6, Loge 3 und Cameo 1).

Anfänge

Es war der Bieler Georg Hippleh-Walt der als Erster den Kinofilm nach Winterthur brachte. Er betrieb nach 1900 ein Wanderkino und zog von Budenplatz zu Budenplatz. Auch mietete er kleine Lokale um seine Filme zu zeigen. So auch in Winterthur. Ab 1911 wurden im Restaurant National lustige und schaurige Filme, die von einem Klavierspieler begleitet wurden, gezeigt. 1912 erhielt Winterthur ein richtiges Kino. Am 2. August wurde im Saalbau Helvetia an der Archstrasse das Kino «Central» eröffnet. Und bereits spielte der Wettbewerb. Am 9. August 1912 begann das «Cinema Palace» am Untertor 33 (heute Lebensmittelmarkt) mit einem Filmprogramm. Dieses «Palace» wurde bereits ein Jahr später von der führenden französischen Filmgesellschaft Pathé übernommen und nannte das Kino neu «Radium» und später «Thalia». Das «National» strich 1914 die Segel aus finanziellen Gründen. Aber auch das «Palace» war diesbezüglich nicht ohne Sorgen. Im Mai 1915 wechselte der Besitzer.

Erstes neu gebautes Kino

Der aus Wien stammende Othmar Bock baute 1925/26 ein eigenes Kinogebäude, den Talgarten, an der Merkurstrasse. Eröffnung war am 17. Dezember 1926. Die Familie Bock, ab 1926 zeichneten die Söhne Othmar und Joseph Bock für das Unternehmen verantwortlich, waren anschliessend für die Weiterentwicklung des Kinoangebots in Winterthur massgebend. Der inzwischen umfunktionierte Gebäudekomplex machte damals einen prächtigen Eindruck und nannte sich entsprechend auch „Filmtheater“. Erstellt wurde der Bau auch von keinen geringeren als den Architekten Rittmeyer und Furrer. Das Kino war zweistöckig und mit geschwungenen Treppen versehen und bot auch privilegierte Logen an. Ganze 1700 Sitzplätze wurden im Talgarten angeboten. Das Konzept mit günstigen Eintrittspreisen, um damit den Besuch des Kinos allen Schichten zu ermöglichen, ging auf. Der Betrieb war vorerst erfolgreich.

An diesem Erfolg wollten auch andere partizipieren. Noch 1926 im Eröffnungsjahr des Talgartens wurde die Lichtspiel Aktiengesellschaft (Liag), die Vorläuferin der heutigen Liag Capitol AG, Inhaber Dr. Hanspeter M. Sigg), gegründet. Im Schnelllauf wurde das Projekt eines neuen Kinos in Winterthur angegangen. Bereits am 23. Februar 1927 wurde das Kino Neumarkt am Neumarktplatz eröffnet.

Das Kino Thalia (zuvor «Central») am Archplatz, angebaut am Gasthaus Helvetia, wurde 1939 abgerissen und ein Neubau für den Milchverband erstellt. Auch ein Kino wurde wieder eingerichtet. Kino Arch hiess das neue Filmetablissement. Es wurden vor allem Krimis und Western gezeigt, was ihm den Übernahmen „Revolverküche“ eintrug. Oder die Stammgäste sagten ganz einfach «Mär gönnt i d’Chuchi». 1981 hatten die Schiessereien ein Ende, das Kino wurde geschlossen.

Kinos in Vororten

1929 erhielt Töss einen Kinobau. Im Gerteis-Haus an der Zürcherstrasse 96 entstand in einem grossen Wohn- und Geschäftshaus das Kino Eden. Da seit Anfang der 1920er-Jahre die Entwicklung vom Stumm- zum Tonfilm begonnen hatte, wurde der Kinoraum Eden von allem Anfang an für das Abspielen von Tonfilmen eingerichtet. Max Koch betrieb dieses Kino. Seine Pläne noch ein weiteres Filmtheater zu betreiben führten ihn nach Veltheim. Er kaufte das Restaurant zur Platte an der Bachtelstrasse und wandelte 1947 den Saal in ein Kino (Kino Rex) um. Dieses wurde 1958 von der Cinema Rex AG übernommen. 1961 wurde ein Neubau erstellt und wieder ein Kino eingebaut, das technisch auf dem neuesten Stand war. Am 1. Oktober 1963 schloss das Restaurant für immer und 1973 lief der letzte Film im Rex.

Im Januar 1949 entstand an der Technikumstrasse erneut ein Kino «Palace». Die Baugeschichte war lang und holprig. Schliesslich stand an Stelle des ehemaligen Schlachthauses ein modernes Geschäftshaus mit einem modernen Lichtspieltheater. 350 Plätze im Parterre und 150 auf dem Balkon wurden angeboten. Mit diesem Haus erweitere Othmar Bock sein Kino-Imperium. Schliesslich öffnete am 1. Oktober 1958 das Kino «City» seine Tore. Die Lichtspiel AG hatte es direkt an das Kino «Neumarkt» angebaut. Mit 300 Plätzen im Parterre und 120 auf dem Balkon gehörte es zu einer mittleren Grösse.

Konkurrenzkampf

In den 1960er-Jahren begannen die Kinos die Konkurrenz des Fernsehens zu spüren. Der Konkurrenzkampf nahm zu. Die technischen Voraussetzungen mussten laufend der Entwicklung angepasst werden. Stichworte waren Breitleinwandverfahren mit Cinemascope, Cinerama und Panavision. Die grossen Säle zu füllen wurde zusehends schwieriger. Das Publikum verteilte sich in verschiedene Interessengruppen, was dazu führte die Kinohäuser umzugestalten. Sie wurden verkleinert, unterteilt und die Balkone abgetrennt. Der „Rex“ schloss 1973, der „Eden“ 1981. Der Komplex Neumarkt/City wurde unter dem neuen Besitzer Sigg komplett umgebaut und als Kiwi-Center am 13. Dezember 1984 mit sechs Sälen neu eröffnet.

Konzentration

Auch der „Talgarten“ war bereits 1982 unter Besitzer Heinz Sieder in ein Kinocenter umgebaut worden. Anschliessend kann es zu einem Besitzerwechsel. Neu hatte Franz Anton Brüni, der Kinomogul aus St. Gallen das Sagen. 1983 bereinigten Sigg und Brüni ihre Kinodynastien. Brüni übernahm sämtliche Kinos in St. Gallen und überliess seine in Winterthur Hanspeter Sigg.

1991 begann im Kulturhaus „Loge“ am Graben eine neue Etappe. Nebst einem Theatersaal wurden dort zwei Studiokinos eingerichtet. Kulturförderer Markus Hodel (Mitgründer der Winterthurer Musikfestwochen) wollte damit dem Kinomonopol von Sigg etwas entgegen setzen. Trotz Einspruch von Sigg entstanden unter finanzieller Mithilfe von Andreas Reinhart diese Kinos. Nach nur sechs Jahren wurden 1997 diese neuen Kinos verkauft. Erworben wurden sie durch Sigg, wodurch die Kinoprogrammierung wieder in einer Hand war. Der ehemalige Theatersaal wurde ebenfalls zum Kinoraum umgewandelt. In diesen drei Kinosälen werden vorwiegend Studiofilme oder alternative Filmproduktionen gezeigt.

2000 wurden das Kinocenter Kiwi ausgebaut. Diese Erweiterung wurde angetrieben durch das angekündigte Kinocenter auf dem Sulzer-Areal. Durch den Erwerb der Liegenschaften Neumarkt 7 und 9 konnte mehr Raum geschaffen werden um neue zusätzliche Kinosäle zu erstellen. In elf Sälen werden im Kiwi am Neumarktplatz heute Filme gezeigt.

Am Ostermontag, 13. April 2009, schloss mit dem «Palace» nach 60 Jahren das letzte grosse Traditionskino der Stadt seine Tore. Als Nachfolgemieter für den renovationsbedürftigen Lichtspielsaal war zuletzt ein Eventorganisator im Gespräch. Tatsächlich machte aber die Zürcher Freikirche International Christian Fellowship (ICF) das Rennen als neue Mieterin des Kinosaals. ICF wurde 1990 ins Leben gerufen und ist bekannt für multimediale Gottesdienste mit Rockmusik. Nebst einer Niederlassung in Zürich hat ICF auch eine Filiale in Rapperswil. ICF finanziert sich wie andere Freikirchen über Beiträge der Kirchenmitglieder, die Abgabe des Zehnten.

Modernstes Kinocenter

Ein ganz neues Kapitel wurde in der Winterthurer Kinogeschichte 2010 aufgeschlagen. Im Kesselhaus, dem ehemaligen Wahrzeichen der Maschinenfabrik Sulzer am Anfang der Zürcherstrasse, wurde am 2. September 2010, nach knapp zweieinhalbjähriger Bauzeit, ein neues Kinocenter eröffnet. Das moderne Multiplexkino beherbergt die Kinosäle maxx 1 bis 6, die total 1046 Sitzplätze und 22 Rollstuhlstellplätze bieten. Sie garantieren höchsten Soundkomfort und verfügen über induktive Hörschleifen für Hörgeschädigte. Dank digitaler Technologie ist die Bildqualität absolut scharf und klar. Das Abspielen von 35mm-Filmkopien gehört damit der Vergangenheit an. Drei der sechs Kinosäle können 3D-Filme präsentieren. Die Kinos werden von der Kitag-Kinogruppe betrieben. KITAG CINEMAS ist die grösste Deutschschweizer Kinobetreiberin mit über 18‘000 Sitzplätzen in 88 Sälen an folgenden Standorten: Basel, Bern, Biel, Luzern, Emmenbrücke/LU, St. Gallen, Abtwil/SG, Winterthur und Zürich.

Cameo

Auf dem Sulzer-Areal Lagerplatz in Winterthur ist am 24. Oktober 2015 das neuste Lichtspieltheater, das Kino Cameo mit 84 Plätzen und einer Bar eröffnet worden. Keine Konkurrenz, sondern ein neues Angebot soll das Kino Cameo, das auf dem Sulzer-Areal Lagerplatz in Winterthurer sein. Anders als andere Kinos legt das Cameo Schwerpunkte und zeigt Filmreihen und Reprisenzyklen. Das Cameo soll die bestehenden Kinos in Winterthur nicht konkurrenzieren, sondern das Angebot für Filminteressierte erweitern, sagen die Verantwortlichen des Vereins Cameo. Das Konzept ist das Gleiche wie früher beim Filmfoyer und dem Kino Nische, das jeden Sonntagabend im Gaswerk Filme zeigte. Mit 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern und 500 Vereinsmitgliedern soll das Cameo auch ein Ort der Begegnung werden, wo man sich nach dem Film an der Bar zum Gespräch treffen kann.

Dieser Glossar-Artikel basiert auf einem Textbeitrag von Eva Kirchheim im Winterthurer Jahrbuch 2003.

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