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Winterthurer Bäder

Sat May 09 00:00:00 UTC 1676

Eines der ältesten Bedürfnisse des Menschen ist es, sich zu waschen oder zu baden. Das lässt sich auch in Winterthur nachweisen, ist doch bereits sehr früh von einer Winterthurer Badstube und dem Lörlibad die Rede. Es war im Haus an der heutigen Badgasse 8 untergebracht. Zuvor war es ein Holzhaus gewesen und 1676 ganz in Stein errichtet worden.

Obere Badstube oder Lörlibad

Die erste Badstube in Winterthur hiess vorerst die obere Badstube (als Abgrenzung zur späteren „unteren Badstube“ und später das Lörlibad). Der österreichische Herzog Albrecht erteilt 1349 dem Rudolf Schultheiss das Alleinrecht eine Badestube am Rettenbach einzurichten.

Schultheiss gehörte dem Stadtadel an. Von 1343 bis 1368 sass er fast immer im Kleinen Rat und war Mitglied der Herrenstube.1425 verkauft die in Ungnade gefallene Familie Schultheiss die Badstube samt Umschwung der Stadt Winterthur. Der Betrieb des Bades wurde fortan verpachtet bis es 1517 an den Michael Bader verkauft wurde. Der Kaufvertrag beinhaltete unter anderen aber die Auflage, dass weiterhin ein Badebetrieb aufrechterhalten werden müsse. Dafür leitete die Stadt das Wasser aus dem Mockentobel von der Brunnenstube in Täucheln zur Badstube. Es folgte eine bewegte Geschichte mit zahlreichen Betreibern und Besitzern des Lörlibades.

Die "Oberbader" von bis
Rudolf Schultheiss unterm Schopf d. Ä. 1349
Götz Schultheiss unterm Schopf
Rudolf Schultheiss unter Schopf d. J. 1425
Thomann 1458
Calixtus 1477
Michael Bader 1514
Gebhart Krätli 1521
Rudolf Keller
Rudolf Hoppler 1559 1587
Christoffel Hoppler 1587
Arbogast Hoppler 1630
Jakob Hoppler 1663
Heinrich Heller 1663
Kaspar Goldschmid 1670
Christoffel Stoll 1675
Jakob Stoll 1682
Hans Jakob Kappeler 1706 1737
Frau Schwizer, Gattin des Hans Georg Schellenberg 1722
Martin Schellenberg 1740

Ab 1840 wurde das Lörlibad zum Hotel Rössli. Im Erdgeschoss waren links und rechts des Mittelganges gewölbte Badezellen aneinander gereiht. Im ersten Stock befanden sich Gasträume und Fremdenzimmer. Das Gebäude wurde 1980 und 2005 renoviert. Der Badebetrieb wurde bis in die 1870er Jahre aufrechterhalten. Mit dem Neubau der "Bad- und Waschanstalt“ 1874 neben dem Lörlibad an der Badgasse 6 endete die lange Tradition des Lörlibades. Es ist heute Vereinslokal der WILSCH (schwullesbischer Verein in Winterthur).

Laurentius Phiries, Traktat der Wildbäder (1519)

Altes Bad auf dem Lindberg (ehemals Lörlibad)

Ein noch älteres Bad befand sich auf dem Lindberg im Gemeindegebiet von Oberwinterthur in der Nähe des heutigen Restaurants Goldenberg. Dieses Wildbad ist bereits 1471 erstmals urkundlich erwähnt. Die Urkunde besagt, dass Aberli Bosshart das Gut dem Winterthurer Kaplan Hans Sattler abgekauft hatte. Somit ist Sattler der erste Bader, an 1470 der Lörlibader. Bis im 16. Jhdt. wurde dort im Walde direkt bei der Quelle gebadet. Der Stadtarzt Hans Heinrich Hegner beschrieb 1678 dieses Tun im Lörlibad. Dieser Name wurde erst später für das Badhaus am Rettenbach verwendet. Die Ableitung des Namens ist nicht ganz bestimmt. Es kommen die „Lören“ (Lerchtanne oder Lärchen) oder die „Loren“ eine Waldung mit Steingeröll in Frage. Damit ist aber sicher belegt, dass das damalige Lörlibad im Walde gelegen war. Nach der Aufhebung des Waldbades wurde das Quellwasser zum Mockentobel geleitet und mit den dortigen Quellen vereint, die bisher die obere Badestube mit Wasser gespeist hatten. Auf diese Weise wurde auch der Name „Lörlibad“ zur oberen Badstube übertragen. Der gleichnamige Flurname auf dem Lindberg ist gegen Ende des 18. Jhdt. verschwunden. Es hielt sich noch bis heute der Name der Lörlibadstrasse.

Rektor Troll schreibt über das Lörlibad

Johann Conrad Troll, Rektor der Knabenschule und erster Historiker Winterthurs, schreibt in seiner Stadtgeschichte in den 1840erJahren über das Lölibad in Oberwinterthur:

“Wenn unsere Bürger in früheren Zeiten, auf des Arztes Rath oder auf eigene Faust, ein aus-wärtiges Bad besuchen wollten, so hatten sie das Ziel ihrer Wünsche bald erreicht. Sie durften nur des nahen Limpergs Höhen ersteigen, so waren sie an dem Orte, der sie ein Paradies im Wasser finden liess. Denn dort standen drei Häuser, nach Oberwinterthur gehörig. Unter ihnen ein Badhaus, das Lörlibad genannt.

Man badete bei der Quelle, von welcher die geheimnissreiche Kunst der Chemie eine Beimischung von weissgelblichter Erde, etwas Kupferwasser und einen Verdacht von Schwefel verrieth. Dennoch war sie höchst wohlthätig und sogar wunderwirkend. Denn die Leute waren für einfache Mittel noch sehr empfänglich. Zudem badeten sie im Geist und in der Wahrheit, und stiegen nicht leichtsinnig in das Wasser, sondern mit Glaube und Andacht.”

Johann Conrad Troll, Geschichte der Stadt Winterthur, Bd. 3, 1843, S. 8586.

Untere Badstube oder Goldbad

Im Laufe der Zeit konnte das Privileg der einzigen Badstube nicht mehr gehalten werden. 1470 entstand die „untere Badstube“. Sie kam an die Ecke Steinberggasse/Metzgasse zu liegen. Ausgrabungen 1995/96 durch die Kantonsarchäologie belegen diesen Standort. Das Wasser wurde vom Heiligberg eingespiesen. Die untere Badstube wurde auch Goldbad genannt. Es wird vermutet, dass in den Quellen Lehmklumpen gefunden wurden, die nach dem auseinanderbrechen golden schimmerndes Wasser ergaben. Auch das Goldbad wurde von prominenten Badern betrieben. Da war die Familie Forster, Jakob, Ulrich und nochmals Jakob (Enkel). Jakob Forster, genannt der alte Bader, war ab 1554 Besitzer. Erhatte 1531 am Kappeler Krieg teilgenommen und war 1534 Mitglied des grossen Rates geworden. Anschliessend kam die Baderdynastie Kronauer. Fast 200 Jahre war das Goldbad im Besitz der Familie Kronauer. Sie stellte nicht nur viele Bader, sondern auch Ärzte, Chirurgen, Apotheker und Metzger. 1753 kaufte Johannes Kronauer das Lörlibad von Melchior Schellenberg und war somit zum Besitzer beider Winterthurer Bäder geworden. Kronauer bevorzugte das attraktivere Lörlibad und vernachlässigte die untere Badstube. 1806 wurde das Goldbad abgebrochen und durch Wohnhäuser ersetzt.

Bäderstadt Winterthur

In allen Badstuben ist das Wasser als heilendes Element beschrieben worden. So galt Winterthur als Badeort, das auch von auswärts Wohnenden besucht wurde. Insbesondere auch dadurch, da ab 1659 die Kurreisen nach Baden für Stadt und Landschaft Zürich verboten worden waren.

Mit der Zeit verschwand langsam das Bedürfnis nach einem öffentlichen Bad. Die Besucherzahl liess zu wünschen übrig, zumal auf dem Land eben solche Badestuben errichtet wurden und diese Gäste ausblieben. So mühten sich fortan mehrere Pächter und Besitzer des Hotels Rössli ab. Aber auch die Unterstützung der Gemeinde liess keinen unproblematischen Betrieb mehr zu. Der Badebetrieb konnte aber doch noch bis 1870 aufrechterhalten werden. Das Gebäude wechselte mehrmals die Hand bis es 1967 von der Stadt erworben wurde.

Stadtbibliothek Winterthur

Neue Bäder

Eine Fortsetzung der Winterthurer Badelandschaft fand im Bau der neuen Bad- und Waschanstalt direkt neben dem alten Lörlibad statt in den Jahren 1862 bis 1864 durch den Stadtbaumeister Wilhelm Bareiss statt. (siehe „Badanstalt Badgasse“)

Der Vollständigkeit halber sei auch noch die Badanstalt Tössfeld erwähnt. Sie wurde 1907/08 durch die Architekten Rittmeyer und Furrer erstellt. Es ist ein zweigeschossiger Bau mit einem Heimatstil-Satteldach. Der Eingang war strassenseitig durch einen mit weitem Bogen überdachten Windfang platziert. Da eine Vielzahl von Wohnungen anfangs des 20. Jhdt. keine eigenen Waschgelegenheiten verfügten, deckte diese Badeanstalt für die weite umliegende Bevölkerung ein dringendes Bedürfnis ab. Im ersten Weltkrieg wurde im Keller des Hauses täglich Suppe abgegeben. Nach der Einstellung des Badebetriebes wurde die Badeanstalt mit Lesesaal und Suppenkeller 1989 umgebaut. Heute befindet sich dort eine städtische Sprachheilschule.

Quelle

Der Text ist vorwiegend eine Zusammenfassung aus:

„ Schwitzkur und Angstschweiss“ von Urs Leo Gantenbein, erschienen1996 als Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur

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