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Techumzug und Frackwoche


Jedes Jahr prägen sie während einiger Tage das Strassenbild in der Altstadt von Winterthur, die bärtigen und befrackten Studenten der ZHAW-Abschlussklassen. Ihre traditionelle Frackwoche sowie der dazugehörige Umzug der neu diplomierten Maschineningenieure mit ihren skurrilen Fahrzeugkonstruktionen gehören zur Winterthurer Jahresagenda wie das Albanifest, der Martinimarkt oder die Fasnacht.

Die „Frackwoche“-Tradition reicht bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Zu jener Zeit traten die Schüler gleich nach der Sekundarstufe ins Technikum über und beendeten ihr Studium in der Regel mit 19 Jahren. Die Sache mit Frack, Zylinder und Bart war damals also eine Art Übergangsritus vom Jugend- ins Erwachsenenalter.

Bild: winbib

Der Zweite Weltkrieg markierte ein vorläufiges Ende der Tradition. Erst 1950 wurde sie wieder aufgenommen, wobei neu der Jux-Faktor eine wachsende Rolle spielte. So verpflichteten sich die Studenten der Abschlussklassen zusätzlich in einem so genannten Bartvertrag, ihre Barthaare während 100 Tagen wachsen zu lassen, bis zur abschliessenden „Bart-ab“- Zeremonie anlässlich der Frackwoche. Zuwiderhandlungen wurden geahndet, die Abtrünnigen bestraft. Damals kam auch das Verbarrikadieren der Klassenzimmer der unteren Semester auf, deren geregelter Unterricht somit verunmöglicht wurde. Wann genau die Idee eines Umzugs mit den mit selbstgebauten Fantasie-Fahrzeugen der Maschinenbau-Klassen erstmals umgesetzt wurde, lässt sich nicht mehr genau datieren. Der „Tech-Umzug“ mit seinen zum Teil spektakulären Gefährten und den hunderten mitmarschierenden (ehemaligen) Studenten war aber von Beginn an ein Publikumsrenner, und auch heute noch säumen jeweils Hunderte Zuschauer die Gassen und Strassen der Altstadt.

In den bald hundert Jahren seines Bestehens hat der Brauch auch einige – zeitbedingte – Änderungen erfahren. Seit das Studium am Technikum bzw. der heutigen „Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften“ (ZHAW) nicht mehr reine Männerdomaine ist, nehmen auch die Studentinnen der Abschlussklassen ihrerseits in üppigen Biedermeierkostümen an der Frackwoche teil. Auch wird seit einiger Zeit vermehrt mit Festzelt auf dem Platz vor dem ehrwürdigen Technikum-Gebäude, mit Partys und Musik-Acts lautstark gefeiert.

2007 war eine zeitlang das Weiterbestehen der Frackwoche in Frage gestellt. Grund war die Einführung des einheitlichen Bologna-Systems und die damit verbundene Umstrukturierung der Studiengänge. Seitdem endet das Schuljahr an der Fachhochschule im Mai statt wie bisher im Oktober. Die damalige Schulleitung war nicht gewillt, die populäre Schultradition einfach in den Frühling vorzuverlegen, da das ohnehin verkürzte Schuljahr keine de facto unterrichtsfreie Woche erlaube. Andererseits machte die Durchführung des Frackumzugs ein halbes Jahr nach Schulschluss auch keinen Sinn. Schliesslich wurde ein Kompromiss gefunden. Unter anderem wurde die Frackwoche auf drei Tage verkürzt und die „Barrikaden“ bzw. die Blockierung des Unterrichts für die unteren Semester auf die erste Morgenlektion beschränkt. Der beliebte Tech- oder Frackumzug findet seither im Frühsommer kurz nach Semesterschluss am gleichen Tag wie die „Nacht der Technik“ statt. Bei letzterer - eine Art „Nacht der offenen Tür“ - handelt es sich um eine erst vor einigen Jahren eingeführte Veranstaltung, bei der die Fachhochschule der Öffentlichkeit Einblick in ihr Wirken gewährt.

Text von Jean-Pierre Gubler

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