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Esseiva Renato, 1942-2015, Historiker, Kantonsschullehrer

Renato Esseiva
16.03.1942
14.03.2015

Von 1982 bis 2002 war Renato Esseiva Lehrer für Geschichte, Staats- und Wirtschaftskunde an der Kantonsschule Rychenberg. Er engagierte sich von 1986 bis 2003 als Konservator des Museums Lindengut und im Vorstand des Historischen Vereins. 2004 gründete er mit Urs Widmer und Rechtsanwalt Peter Hauser die Kulturstiftung Winterthurer Sozialarchiv und Bibliothek.

Ein Leben zwischen Geschichte und Gegenwart

Mit dem Denkmalpreis 2013 für die Renovation des Wohnhauses Corti erlebte der am 14. März 2015 kurz vor seinem 73. Geburtstag verstorbene Renato Esseiva eine Würdigung, die gleichzeitig für ein Lebenswerk ausserhalb der Normen steht. Wider ökonomisches Kalkül hatte er zusammen mit dem ehemaligen Stadtpräsidenten Urs Widmer das baufällige Gebäude 2009 erworben und mustergültig erneuert. Privates Engagement für das Gemeinwohl –dieses Motto bestimmte den nicht immer sehr konformen Alltag einer ebenso eigenwilligen wie temperamentvollen Persönlichkeit. Aufgewachsen in Bern, kam Esseiva nach dem frühen Tod seines Vaters in ein Kinderheim, bevor er das Klosterinternat Disentis und die Verkehrsschule in Luzern besuchte und der Familientradition folgend «Pöstler» wurde.

Aus der Karriere eines Postbeamten brach er Ende der 60er-Jahre aus, indem er die Matura nachholte, an der Universität Zürich Geschichte und Französisch studierte und anschliessend den Lehrerberuf wählte. Mit der Wahl 1982 an die Kantonsschule Rychenberg begann ein neuer Lebensabschnitt. In Erinnerung bleibt hier zweifellos die Debattierfreudigkeit eines Geschichts- und Staatskundelehrers, der die Jugend für politische Fragen zu sensibilisieren suchte und sich selbst wiederholt bildungspolitisch zu Wort meldete. Die Tätigkeit im Vorstand des Historischen Vereins öffnete wenig später weitere Perspektiven. Esseiva war von 1986 bis 2003 Konservator des Museums Lindengut, das er selbstironisch-liebevoll als «Chrut-und-Rüebli- Sammlung» charakterisierte und wo er alltags- und industriegeschichtliche Ausstellungen initiierte so wie die kunsthistorischen Bestände ausbaute.

Der Spagat zwischen dieser Museumsarbeit, dem engen finanziellen Spielraum und den städtischen Plänen für ein neues Lindengut führte dann 2003 zu einem geräuschvollen Rücktritt und zu neuen Betätigungsfeldern. Schon vor seiner Pensionierung 2002 begann er den Nachlass der Winterthurer Philanthropin Julie Bikle aufzuarbeiten und brachte so eine weitgehend vergessene Wohltäterin (ein «weiblicher Henry Dunant») aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück. 2004 gründete er dann mit Urs Widmer und dem Rechtsanwalt Peter Hauser die Kulturstiftung Winterthurer Sozialarchiv und Bibliothek, die sich zum Ziel setzt, private Dokumente und Gegenstände vor dem Wegwerfen zu retten und der Nachwelt zu erhalten.

Zahlreiche Objekte wurden dabei von Esseiva ehrenamtlich und mit Herzblut in Nachlässen, auf Estrichen oder aus Mulden geborgen und an passende Institutionen weitervermittelt. Aus diesem Wirkungsfeld heraus kam schliesslich die Idee auf, das 1876 vom Baumeister Giovanni Corti errichtete Gebäude an der Turmhaldenstrasse zu retten. Der Kauf der vom Abbruch bedrohten Liegenschaft 2009 durch Urs Widmer und Renato Esseiva sollte ein Zeichen setzen gegen das Renditedenken der Gegenwart, brachte aber auch ein denkmalpflegerisches Abenteuer. Die geglückte Restaurierung dieses bedeutenden Zeitzeugen stellt jetzt das letzte Geschenk Esseivas an die Stadt Winterthur dar. Kurz vor seinem 73. Geburtstag ist Renato Esseiva am Samstag, 14. März 2015 verstorben.

winterthur-glossar.ch verdankt diesen Text dem Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser.

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