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Titus Olga, *1977, Künstlerin

Olga Titus
1977

Olga Titus thematisiert in ihren Werken lustvoll und verspielt ihr Leben zwischen zwei Realitäten als Schweizerin mit malaysisch-indischen Wurzeln. Die kulturelle Gespaltenheit einerseits und die Wahrnehmung durch andere als Fremdling im eigenen Land andererseits haben ihr Bewusstsein für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen geschärft.

Olga Titus wohnt seit 2007 in Winterthur. Zuvor hat sie vier Jahre in Luzern an der Hochschule Kunst studiert. Die quirlige Künstlerin mit Jahrgang 1977 ist in Sulgen aufgewachsen. Sie hat eine Schweizer Mutter aus dem Bündnerland, einen malaysischen Vater und indische Grosseltern. Deren Heimat übt eine grosse Faszination auf Olga Titus aus. Dreimal lebte sie schon für längere Zeit in Indien. Sie ist Mitglied der Künstlergruppe Winterthur und erhielt 2008 den Förderpreis der Stadt Winterthur. Im Jahr 2009 bekam sie den Adolf-Dietrich-Förderpreis der Kulturstiftung des Kantons Thurgau.

Olga Titus geht in ihrer künstlerischen Arbeit stark von der eigenen Biographie aus, in zahlreichen Werken setzt sie sich mit ihrer multikulturellen Identität auseinander. Es entstanden Videos wie «Bollywood und Trachtentanz» von 2005, wo in sich überlagernden Bildern und Klängen zwei Bollywood-Schauspieler und ein Paar in Tracht gegeneinander antanzen – ein «Clash of Civilisations» der anderen Art. Oder ihre Arbeit «Chuchichäschtli», die aus einem mit Krimskrams aus aller Welt angefüllten Küchenschrank besteht. Vor Kitsch und Trash zeigt die Künstlerin keine Scheu, sondern pflegt einen äusserst lustvollen Umgang damit.

Olga Titus thematisiert in ihren Werken lustvoll und verspielt ihr Leben zwischen den Kulturen. Die kulturelle Gespaltenheit einerseits und die Wahrnehmung durch andere als Fremdling im eigenen Land andererseits haben ihr Bewusstsein für Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Lebensformen und -welten geschärft. Ihre Collagen, Videos oder multimedialen Installationen beschäftigen sich u.a. mit Themen wie Selbstdarstellung, Herkunft und Identität und lassen den Betrachter am Witz und der Experimentierlust der Künstlerin teilhaben.

Olga Titus, die in ihren Videos viel Witz und beachtliches schauspielerisches Talent zeigt, liebt die Selbstinszenierung. Das zeigt sich auch bei ihrer Videoarbeit «Wild Artist». Sie nimmt darin lustvoll die Gattung des «Homo artifex» auf die Schippe und spielt mit dem Klischee des Künstlers. Das typische Weibchen des «Homo artifex» bleibe morgens gerne etwas länger liegen, heisst es etwa darin. Danach mache es sich auf, «willige Kuratoren zu bezirzen».

Wie immer in ihren Videos ist Olga Titus die Hauptdarstellerin: «Ich filme mich immer selbst, weil ich mich sonst geniere.» Das Video ist voll mit Anspielungen auf den Dschungel des Kunstbetriebs, mit all seinen ungeschriebenen Gesetzen. Zu den grössten Todsünden gehöre es zum Beispiel, sein Dossier ungefragt an eine Galerie zu senden, erklärt Olga Titus: «Aber ich habe es auch schon getan.»

(Nach einem Text von Christina Genova in „Ostschweiz am Sonntag“ 9.6.2013)

Als Mitglied der Städtekonferenz Kultur kann die Stadt Winterthur periodisch ein Atelier in Buenos Aires ausschreiben. Die Ausschreibung erfolgte Anfang 2015 zum ersten Mal. Zehn Kunst- und Kulturschaffende aus den Sparten Bildende Kunst, Musik und Fotografie haben sich um den Atelierplatz beworben. Die Stadt Winterthur vergibt ihr erstes Atelierstipendium in Buenos Aires im April 2015 an die Winterthurer Künstlerin Olga Titus.

Im Atelierhaus sind gleichzeitig immer drei Kulturschaffende aus verschiedenen Schweizer Städten anwesend. Gemeinsam mit Olga Titus werden Kunstschaffende aus Basel und Uster das Atelier belegen. Die Winterthurer Künstlerin Olga Titus (*1977) wird das Atelier in Buenos Aires vom 1. Januar bis 30. Juni 2016 belegen.

Aus einem Beitrag der „Schweizer Illustrierten“

Beim Betreten des Hinterhofateliers ist auf einen Blick klar: Wer hier arbeitet, hat eine Vorliebe für kitschig-fröhlich-bunten Krimskrams. Fenstersims, Regale, Tische, Kisten, alles ist vollgestellt mit farbenfrohen Kuriositäten aus aller Welt. Olga Titus trägt sie auf ihren regelmässigen Streifzügen durch Flohmärkte und Brockenhäuser zusammen und schafft sich damit einen Fundus, aus dem sie ihre künstlerischen Impulse schöpft.

Der verspielte Nippes verkörpert Wünsche, Sehnsüchte und Erinnerungen verschiedener Kulturen – etwas, das die Künstlerin als Tochter einer Schweizerin und eines indischstämmigen Malayen selbst in sich trägt. Begriffe wie Klischee, Heimat und Fremdheit durchziehen ihre Arbeiten, die von Bildern und Objekten über Installationen bis zu Videos reichen.

In der aktuellen Schau sind Bildcollagen, Fotografien und Objekte zu sehen. Zur Appropriation-Art gehören die historischen Porträts, die sie auf Ebay ersteigert, auf dem Flohmarkt findet oder auch mal geschenkt bekommt. Indem sie einen feinen Schleier aus farbigen Fäden drüberspinnt oder mit Klebstreifen indonesische Webmuster in Biedermeierkleider setzt, gibt Olga Titus den alten Gemälden eine neue Aussage und den Personen ein zweites Gesicht. «Ich frage mich manchmal, was die Porträtierten wohl darüber denken würden.»

Die Fotoserie «Art Olympics» ist während eines Aufenthaltes im indischen Varanasi entstanden. «Hier geht es um Ideale, an denen sich diese Gesellschaft stark orientiert.» Olga Titus schlüpft dabei in unterschiedlichste Rollen, trägt indische Schuluniform, Atelierkleidung einer Künstlerkollegin oder die Uniform einer Hochzeitskapelle. Die Figuren stehen vor digitalen Hintergründen, die indische Fotostudios verwenden. Ein subtiler Clash der Kulturen auch hier: Auf einigen Bildern finden sich Anspielungen an historische Gemälde von Caspar David Friedrich oder Claude Monet.

Kulturschaffende
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