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Stamm Alfred, 1907-1995 Rechtsanwalt, Schriftsteller

Alfred Stamm
Thu Sep 05 00:00:00 UTC 1907
Fri Feb 17 00:00:00 UTC 1995

Jahrzehntelang blieben die schriftstellerischen Talente Alfred Stamms verborgen, denn erst mit seiner Pensionierung als Anwalt wendete er sich hauptberuflich dem Schreiben zu: im Alter von sechzig Jahren wurde er journalistischer Mitarbeiter des Landboten, wo er unter dem bald stadtbekannten Pseudonym „Valentin“ humoristische Skizzen aus seinem geliebten Winterthur verfasste.

Alfred Stamm wurde am 5.September 1907 in Winterthur geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt und später Redaktor beim Landboten. Gemeinsam mit einem jüngeren Bruder und einer jüngeren Schwester wuchs er an der Heiligbergstrasse, in unmittelbarer Nähe zur Altstadt, auf. Er absolvierte in Winterthur das Gymnasium und studierte unter - anderem in Heidelberg und München - Rechtswissenschaft. Nachdem er sein Studium mit einem Doktorat an der Universität Zürich abgeschlossen hatte, trat er in die öffentliche Verwaltung ein und wurde bald darauf Sekretär des Winterthurer Gesundheitsamtes.

Nach dem Aktivdienst wagte er eine berufliche Neuorientierung: er schloss sich 1948 mit einem Compagnon zusammen und gründete ein Anwaltsbüro. Obwohl er als Anwalt noch kaum Erfahrung besass, etablierte er sich nicht zuletzt dank solidem, juristischem Grundwissen, wachem Geist und grosser Entscheidungsfreude rasch. Er erwarb sich bald den Ruf eines tüchtigen Anwaltes und übernahm in der Folge auch Mandate von bzw. ehrenamtliche Funktionen in verschiedenen Organisationen, wie dem Verkehrsverein Winterthur, dem Verein der Zürcher Rechtsanwälte und der Herrenstubengesellschaft Winterthur, als deren Stubenmeister (Präsident) er von 1957 bis 1975 fungierte.

Jahrzehntelang blieben die schriftstellerischen Talente Alfred Stamms verborgen, denn erst mit seiner Pensionierung als Anwalt wendete er sich hauptberuflich dem Schreiben zu: im Alter von sechzig Jahren wurde er journalistischer Mitarbeiter des Landboten, wo er unter dem bald stadtbekannten Pseudonym „Valentin“ humoristische Skizzen aus seinem geliebten Winterthur verfasste - für ihn (so einer der späteren Buchtitel) „Die Stadt am Nabel der Welt“. Diese witzigen Glossen kamen bei den Lesern gut an, karikierte er seine Mitbürger doch durchaus liebevoll und ohne jede Boshaftigkeit - oft verzichtete er sogar auf Verschleierung der Namen, denn man kannte sich im damals noch kleinstädtischen Winterthur ja ohnehin und die Wahrung der Anonymität war - wenn einem mal ein Missgeschick widerfuhr oder ein Streich gespielt wurde - weder möglich noch nötig. Stamm selber nahm sich von seinen augenzwinkernden Betrachtungen übrigens nicht aus: gemeinsam mit seinen Lesern konnte er über sich selber lachen. Und er schonte sich nicht einmal dann, wenn es sich dabei um weniger gloriose Erinnerungen handelte, hatte er doch selber in jungen Jahren nicht wenige Lausbubenstücke unternommen ...

Gelächter im Gerichtssaal

Eine witzige, gesellige Person und ein scharfer, aber auch liebevoller Beobachter seiner Mitmenschen war Stamm allerdings bereits vor seiner Zweitkarriere als Autor gewesen. Es heisst, dass diese Eigenschaften - gepaart mit einem ausgesprochenen Rednertalent - zu seinem beruflichen Erfolg und seiner gesellschaftlichen Beliebtheit in Winterthur wesentlich beigetragen haben. Seine Gaben liess er auch in die juristische Tätigkeit einfliessen: oft soll er mit witzigen Bemerkungen in seinen Plädoyers die Richter und sogar die Gegenpartei zum Schmunzeln gebracht haben. Was durchaus zur Entkrampfung der Situation und damit zur schnellen und für beide Kontrahenten zufriedenstellenden Lösung eines Rechtsstreites führen konnte. Stamm war auch ein bei verschiedensten festlichen Anlässen gern gesehener, unterhaltsamer Redner. Dass von diesen vielfältigen Auftritten keine Manuskripte und Aufzeichnungen erhalten sind, ist typisch für ihn: er sprach fast ausnahmslos frei.

Via Bühne zum Buch

Alfred Stamm war von Jugend an ein Theaterliebhaber. Als Synthese seiner Talente und Interessen könnte man es bezeichnen, dass er sich ab 1957 selber als Bühnenautor und „Theaterdirektor“ betätigte: Gemeinsam mit Peter Dubs, Anton Krättli und Walter Rüegg gründete er das Cabaret „Hintergass-Bühne“. Es war im „Tirolerhof“ (dem heutigen Albani) an der Steinberggasse (die noch früher Hintergasse hiess - daher auch der Name) domiziliert und feierte grosse Erfolge. Obwohl die „Hintergass-Bühne“ nur drei Saisons lang aktiv war, wurde sie 1960 mit der städtischen Anerkennungsgabe geehrt. Stamm schrieb noch weitere Theaterstücke, so 1964 unter dem Titel „Durch die Löwenbrille“ das Festspiel für die 700-Jahr-Feier der Stadt Winterthur oder 1965 „Straussen-Eier“, ein „heiteres Spiel zur Hundertjahrfeier des Sommertheaters Winterthur“. Mit diesem begann letztlich auch seine Karriere als Buchautor: 1965 veröffentlichte er „Thalia unter Kastanien“, eine kleine und anekdotenreiche Geschichte zu diesem Jubiläum.

Humor findet sich überall

Seine ersten „richtigen“ Bücher waren autobiographisch inspiriert, wobei ihm nichts heilig war: eine Hüftoperation mit Spitalaufenthalt beschrieb er 1966 in „Begegnungen im Spritzenhaus“ ebenso humoristisch, wie er sich 1967 in „Helm auf, Aeskulap!“ über das Procedere mokierte, das ausgelöst wird, wenn sich die Schweizer Armee quasi auf dem Dienstweg um einen beschädigten Wehrmann zu kümmern hat. Als Autor musste er sich über die Stoffe kaum den Kopf zerbrechen: es reichte vollauf, das Leben scharf zu beobachten und dessen Geschichten mit einem zünftigen Schuss Humor und Ironie zu erzählen. 1968 erschienen dann die „Casino-Geschichten“: der Dachstockbrand am 5.Oktober 1934 machten die Renovation des Casinos erforderlich; der Erweiterung fielen die ursprünglich viel kleinere Wirtschaft mit ihren skurrilen Gästen und der alte Saal, in dem so manches rauschende Fest gefeiert worden war, zum Opfer. Stamm bezeichnet dies als Ende seiner Jugendjahre und nimmt dies zum Anlass, dem „alten“ Casino ein Denkmal zu setzen. Und weil er Geschichte nicht als trockene Wissenschaft betreibt, erzählt er Geschichten von Menschen. So erhält er ein Stück Winterthur lebendig: anekdotisch und berührend-menschlich.

Der menschliche Aspekt

Nach längerer Pause erscheint 1974 „Im Zwiespalt des Herkommens“, 1977 greift Stamm in seiner Schelmengeschichte „Und weiche keinen Finger breit“ auf einen Fall aus seiner Zeit als Jurist zurück: als amtlicher Verteidiger hatte er einen Hochstapler zu vertreten, der unter dem Namen „Würstlihauptmann“ bekannt wurde. Stamm zeichnet auch hier nicht einfach das Bild eines Delinquenten - sondern eines Menschen. Und obwohl man mit den Opfern dieses „Hauptmanns von Köpenick“ durchaus Mitleid empfindet, ist es nicht so, dass sie oder gar die Vertreter der Justiz die Sympathien der Leser allein geniessen würden. Dieses Muster ist für Stamm ebenso typisch wie sein Humor; es taucht auch in „Kleine Sinfonie in Feldgrau“ (1979) und in „Erlebtes und Erdachtes“ (1984) auf. Immer wieder irritiert Stamm seine Leser, indem er aufzeigt, dass es eben nicht nur um Recht und Unrecht nach Schema F geht: das Schelmische kann auch sympathisch sein - und das Rechtschaffene furchtbar humorlos und langweilig.

Mit „Die Stadt am Nabel der Welt“, seinem letzten Werk, taucht er 1986 nochmals tief in seine Jugendzeit, die Zwanziger Jahre, ein: auch hier rettet er durch die Niederschrift einige alte Winterthurer Sitten und Gebräuche, einige ehemals stadtbekannte Figuren und einige sonderbare Begebenheiten vor dem Vergessen. Dafür, dass er seiner geliebten Heimatstadt mit seinen Büchern und Artikeln ein Denkmal setzte, wurde Alfred Stamm mehrmals geehrt: 1974 vom Kanton Zürich, 1983 von der Carl-Heinrich-Ernst-Stiftung und das letzte Mal 1988 von der Jungen Altstadt. 1995 verlor die Stadt ihren menschenfreundlichen, augenzwinkernden Chronisten.

Bibliographie (auszugsweise)

Thalia unter Kastanien (1965)

Begegnungen im Spritzenhaus (1966)

Helm auf, Aeskulap! (1967)

Casino-Geschichten reich garniert (1968)

Jambo Habari! Tagebuch einer Ostafrika-Reise (1972)

Im Zwiespalt des Herkommens. Aufzeichnungen im Durcheinander (1974)

Und weiche keinen Finger breit (1977)

Kleine Sinfonie in Feldgrau. Pastorale, porco andante, molto pesante (1979)

Die Stadt am Nabel der Welt (1986)

Text: Alex Hoster

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