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Schwarz Dieter, *1953, Direktor Kunstmuseum 1990-2017

Dieter Schwarz
Mon Sep 14 00:00:00 UTC 1953

Über ein Vierteljahrhundert lang prägte Dieter Schwarz als Direktor des Kunstmuseums das Kulturleben Winterthurs mit, und das weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Seine Verdienste werden allgemein anerkannt, nicht zuletzt von namhaften Gegenwartskünstlern.

Das Kunstmuseum Winterthur gilt heute als eines der wichtigsten Museen der Schweiz. Das hat zum einen mit den hervorragenden Sammlungen zu tun, die von zahlreichen Winterthurer Mäzenen dem für das Museum zuständigen Kunstverein überlassen wurden. Zum andern ist es dem Engagement von Dieter Schwarz zu verdanken, der dem Museum 27 Jahre lang als Leiter vorstand, bevor er sich 2016 pensionieren liess und das Amt seinem Nachfolger, Konrad Bitterli, übergab.

1953 geboren studierte Schwarz in Zürich deutsche und französische Literatur, Linguistik und Komparatistik, ein Studium, das er 1981 mit einer Dissertation über den Schweizer Künstler und Dichter Dieter Roth abschloss. Anfang der Achtzigerjahre erhielt er ein Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds, dank dem er eine Zeitlang in Paris zum Schriftsteller Stéphane Mallarmé forschen konnte. 1990 übernahm er die Leitung des Kunstmuseums, wo er zuvor bereits als wissenschaftlicher Assistent gearbeitet hatte – der Beginn einer äusserst fruchtbaren und erfolgreichen Museumsepoche, geprägt durch unzählige Ausstellungen und einer aktiven Sammeltätigkeit.

Bild: Kunstmuseum Winterthur

Die Liste der Künstler, die in den vielen Jahren seines Wirkens im Kunstmuseum gezeigt wurden, ist lang. Unter vielen anderen Namen wie Bonnard, Vuillard und Michaux aus Frankreich, die Italiener Morandi, de Chirico und Fontana, die Amerikaner Tuttle, Kelly und Artschwager. Und natürlich Gerhard Richter, der zurzeit auf dem Kunstmarkt teuerste Maler, dessen Werke Dutzende Millionen erzielen und dessen Ausstellung 2014 mehr Besucher ins KMW lockte, als im gesamten Jahr zuvor registriert worden waren. Dass viele der wichtigsten Künstler der Gegenwart gerne nach Winterthur kamen, habe mit der Person Schwarz‘ zu tun, heisst es. Er habe wohl ein Talent, sich mit den Künstlern zu verstehen, wird er in einem Artikel aus Anlass seines Rücktritts zitiert. Seit 25 Jahren freundschaftlich verbunden ist er jedenfalls mit dem erwähnten Gerhard Richter, der nach seiner Doppelausstellung 2014 das Museum mit einigen Werken beschenkte. So wie es auch zahlreiche andere Künstlerpersönlichkeiten nach ihrem Winterthurer Auftritt taten. Deren Donationen ist eine im Juni 2017 zum Rücktritt Schwarz‘ erscheinende, ausführliche Schrift gewidmet (Simona Cuccio: „Kunst-Arbeit“, Piet Meyer Verlag, Bern).

Einer der Schwerpunkte von Dieter Schwarz‘ Wirken, war das Sammeln und Zeigen von Werken moderner und zeitgenössischer Künstlern, insbesondere von amerikanischen. Folgerichtig ist seine Abschiedsausstellung „Von Calder bis Kelly“ dem von ihm geprägten, „amerikanischen Teil“ der Winterthurer Kunstverein-Sammlung gewidmet.

Neben seiner Tätigkeit als Konservator und Kurator nahm Schwarz zuweilen pointiert zu kulturpolitischen Themen Stellung, und das nicht nur auf lokaler sondern auch auf nationaler Ebene. Dem heutigen Kunst-Hype mit seinem „Event“-Charakter, dem ausufernden Kunstmarkt speziell für zeitgenössische Kunst (mit oder ohne Anführungszeichen), stand er immer skeptisch bis kritisch gegenüber. Was ihm nicht immer Zustimmung einbrachte. Besucherzahlen zu bolzen mit möglichst populären und im Schwange stehenden Künstlern, war seine Sache nicht. Seine Auffassung betreffend der primären Aufgabe eines Kunstmuseums formulierte er u.a. in einer Gastreplik in der NZZ vom 6. Juli 2016 so: (…) Eine Plattform für die aktuelle Kunstproduktion ist das Kunstmuseum sicherlich nicht. Seine primäre Ausrichtung ist historisch – Museen wurden geschaffen als Orte der Erinnerung und nicht dafür, unmittelbar in der Gegenwart aufzugehen. Kunstmuseen widmen sich weder der ökonomischen noch der sozialen Geschichte einer Gesellschaft, sondern ihrer ästhetischen Geschichte und auch hier einem besonderen Gebiet, der visuellen Ästhetik. Das Museum hat die Aufgabe, Objekte aus dieser Geschichte zur Entfaltung zu bringen. (…)

Dass Dieter Schwarz so lange in Winterthur wirkte, hängt indirekt auch mit dem 1995 erstellten Erweiterungsbau des Museums vom Architektenduo Annette Gigon und Mike Guyer zusammen, in welchem er vielbeachtete Wechselausstellungen realisieren und zudem auch weniger bekannte Teile der Sammlung zeigen konnte. Die damit gebotenen Freiheiten hätten ihn dazu motiviert, in Winterthur zu bleiben, sagt er ihn einem Radiointerview anlässlich seines Rücktritts, obschon es Angebote von anderen Häusern gegeben habe. Nach seiner Pensionierung plant Schwarz weiterhin der Kunst verbunden zu bleiben, unter anderem als freier Kurator von seinem Wohnort Zürich aus. (jpg)

Text: Jean-Pierre Gubler

Kulturschaffende
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