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Geiselweid-Quartier


Das Geiselweid-Quartier umfasst das Gebiet zwischen den beiden Ausfallachsen St. Gallerstrasse und Tösstalstrasse. Die Entwicklung führte über den Bau von Villen, Fabrikarealen zu Wohnbauten, die heute schmucke Altbauten mit hohem Wohnwert sind. Aber auch modernste Wohnbauten und Museen sind aus industriellen Gebäuden und Arealen entstanden.

Das Gebiet östlich der Altstadt, zwischen der Römerstrasse, der ehemaligen Gemeindegrenze gegen Oberwinterthur und Seen (entlang Geiselweidstrasse und dann südöstlich vom Deutweg) und der Linie Mattenbach-Stadtfallenweg-Mühlestrasse kann als zusammenhängender Siedlungsraum betrachtet werden. Strahlenförmig von der Altstadt ausgehend, durchziehen drei Ausfallachsen dieses Gebiet: die Römerstrasse im Norden, die 1835-1837 erbaute Tösstalstrasse im Süden, und zwischen diesen die St. Gallerstrasse. Die letztere wurde 1868 in gerader Linie zwischen dem Gärtnertor (Badgasse) und der Mühlebrücke angelegt. Man nannte sie vorerst Geiselweidstrasse. Damit dehnte sich dieser ursprünglich im Raum der oberen Palmstrasse zentrierte Flurname auf das ganze Gebiet nördlich von Tösstalstrasse und Eulach aus. Die Eulach gelangt bei der Mühlebrücke auf das einstige Stadtgebiet und führt in einem nach Süden ausschwingenden Bogen zur Altstadt. Das Gebiet südlich von ihr - respektive von dem sie einst begleitenden Schleifekanal - wird nach dem Deutweg benannt, dem Nachfahren eines uralten Weges, der einst vom Tössfeld über die Breite nach Oberwinterthur führte.

Bild: Alessandro Della Bella

Foto: Sammlung Ernst Hager, www.winterthur-vorhersehbar.ch

Der Siedlungsraum Geiselweid-Deutweg umfasst eine Villen-und eine Industriezone; durch die zwei Haupt-Querachsen - die Palm- und die Pflanzschulstrasse - sind sie miteinander verschränkt. Die Villenzone hat ihren Schwerpunkt im Raum von Römer- und Seidenstrasse und ist durch das Adlergarten-Gut (Adlerstr. 2) mit den Villen am stadtnahen Teil der Tösstalstrasse verknüpft. Das südöstliche Viertel des Geiselweidquartiers gehört zu einer Industriezone, die sich durch das Deutwegquartier zieht - sie ist nach derjenigen im Tössfeld die grösste der alten Stadtgemeinde, und sie enthält die grösste Ansammlung von einheitlich geplanten Arbeiter-Wohnkolonien. Die älteste ist die Deutweg-Siedlung (Unterer Deutweg 12 ff. vis-à-vis der Zwinglikirche), 1872-1877 von der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser errichtet, die weitläufigste die Selbsthilfe-Siedlung (Eigenheimweg), 1925-1926 zwischen Schleifekanal und Oberem Deutweg erbaut. Die 1873-1877 erstellten Arbeiterhäuschen am Oberen Deutweg (Nrn. 41 bis 53, 26 bis 40) sollten gemäss einem Bebauungsplan von 1877 in eine grosse Quartieranlage im Dreieck Oberer Deutweg-Tössfeldstrasse-Gemeindegrenze integriert werden. Diese kam ebenso wenig zustande wie die seit 1897 geplante, 1906 vom Regierungsrat bewilligte Quartieranlage im Talgut und im Zelgli, mit Rond-Point und urbanem Strassenstern.

Luftbild von Walter Mittelholzer, ETH-Bibiothek

Einen grossstädtischen Augenblick erlebte die Zone im Südosten der Stadt nur mit den Anlagen des Schützenfestes von 1895 (Tösstalstr. 86, altes Busdepot); im Übrigen behielt sie - im Gegensatz zum Tössfeld - mit ihren Grün- und Leerräumen und ihren niedrigen Bauten Stadtrandcharakter. Das mag damit zusammenhängen, dass die zwei wichtigsten Fabrikanlagen von Geiselweid und Deutweg - die mechanische Seidenstoffweberei (St. Gallerstr. 40) und die Textilveredelungsanstalt Weber Zur Schleife (Tösstalstrasse 59, 61) zur Textilindustrie gehörten, welche im Gegensatz zur Maschinenindustrie eine Affinität mit ländlich-agrarischen Verhältnissen aufwies. Die «Sidi» wurde 1872-1873 als einheitliche Anlage erstellt, mit repräsentativem Westteil und Shedhallen auf der Rückseite. Dank Dampfkraft war sie von der Eulach unabhängig.

Foto: Winbib

Die weitläufige Webersche Fabrik entwickelte sich dagegen seit 1845 aus einigen Werkbauten an der Oberen Schleife, einem traditionsreichen Wasserwerk an der Eulach, das von zahlreichen Gewerbe- und Industriebetrieben benutzt worden war. Der um 1812 bis 1815 angelegte Landschaftspark Adlergarten bildete ursprünglich mit der Schleife eine Einheit. Ein zur Schleife gehöriges Fabrikgebäude lieferte das Material für das 1834/1835 erstellte klassizistische Hotel Fortuna im Adlergarten. Aus diesem wurde ab 1851 eine Fabrikantenvilla. Dieser Fall zeigt, dass das Villenquartier Geiselweid sich schrittweise aus einem gewerblich-industriellen Umfeld ausdifferenzierte. Einst zog sich vom stadtnahen Teil der Tösstalstrasse über die biedermeierliche Gärtnervorstadt, die St. Gallerstrasse und den Adlerweg bis zur Römerstrasse eine lockere Kette von Bauten mit Gewerbebetrieben. Die meisten wurden durch Wohnbauten oder Villen ersetzt; so entstand 1882 im Areal der ehemaligen Seifensiederei im Wiesental (Tösstalstr. 24, heute BFS Berufsfachschule) eine Villa mit grossem Park.

Foto: Sammlung Ernst Hager, www.winterthur-vorhersehbar.ch

Im Gegensatz zum Rychenbergquartier herrschte in der Geiselweid und an der Römerstrasse das villenartige respektive das reformerisch-heimatliche Einfamilienhaus mit kleinem Umschwung gegenüber der Grossvilla vor. Beispiele dafür sind die alle in dieser Gegend stehenden Wohnhäuser von Ernst Jung, Otto Bridler, Robert Rittmeyer und Lebrecht Völki, den führenden Architekten Winterthurs zwischen 1870 und 1920 (Römerstr. 36; Seidenstr. 2, 18; Seidenweg 2).

Quellen:

Text aus „Winterthur“ INSA Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920

„Am Rande und doch mitten in der Stadt“ charakterisiert eine reich bebilderte interessante Broschüre des Heimatschutz Winterthur diesen Stadtteil. Sie erschien im Januar 2019 und ist beim Heimatschutz vorderhand erhältlich.

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