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Haus „Zum Silbernen Winkel“, Unterer Graben 33/Marktgasse 1


Das Eckhaus Marktgasse/Unterer Graben (Grabeneck) mit den je anschliessenden Häusern auf Seite Graben „Zum Egli“ und „Zur Engelsburg“ und auf Seite Marktgasse „Zum Kreuzfels“ und „Zum goldenen Schwanen“ wurden nach dem Abbruch des Oberen Bogens mit Zunfthauses errichtet und im Verlaufe der Zeit stark verändert.

Das Strassenstück der Marktgasse, zwischen dem Eckhaus Martgasse/Obergasse bis zum „Oberen Bogen“, hiess im „Silbernen Winkel“. Dazu zählten auf der anderen Strassenseite (Bild links) auch die Stadtkanzlei, das Hinwileramt (benannt nach den Herren von Hinwil*) und das Mörsburgeramt. Beide Ämter verwalteten städtische Güter.

Das Gegenstück der „Goldene Winkel“ befand sich am unteren Ende der Marktgasse vom Franz Carl Weber/Hotel Krone bis zum „Unteren Bogen“ und umfasste auch das alte Stadthaus, einst auch Spital.

* Hans von Hinwil 1498-1544

Der Gerichtsherr von Elgg stammte aus einer alten adligen Familie und genoss eine gute Ausbildung; ihm verdanken wir mehrere historische Schriften und Chroniken. Er besuche die Universitäten von Wien und Basel und bewährte sich später als Verwaltungsmann. Mit Beatrix von Hohenlandenberg heiratete er 1523 die Nichte des Bischofs von Konstanz, die nächsten Jahre finden wir Hinwil im bischöflichen Gefolge. Später lebte der Junker auf Schloss Elgg und modernisierte dort seine Herrschaft, gleichzeitig pflegte er Kontakte auf Reichsebene in Regensburg. Als Zürcher Landsässe nahm er 1531 an der Schlacht von Kappel teil, als Hofmeister des Abts von St. Gallenblieb er zweifelslos altgläubig und kann vielleicht am besten als Mann der Zeitenwende charakterisiert werden.

Alle diese Ämter und Institutionen waren gehalten, den Anwohnern ihrer Strassenzeile jährlich eine Spende auszuteilen. Die Gaben bestanden aus der nicht kleinlichen Geldsumme von 10-15 Pfund, sowie aus Naturalien wie Wein, Rindfleisch, Schweinsläffli und Wurst. Die Bewohner dieser beiden „Winkel“ waren somit privilegierte Stadtbewohner und wurden wegen ihren „silbernen und goldenen“ Wohnsituationen beneidet.

Haus Marktgasse 1

Das Haus Marktgasse 1 in der Häuserzeile „Im Silbernen Winkel“ wurde bereits 1692 erstmals urkundlich erwähnt. Ab 1714 trug es den Namen „Zum Rebstock“ und war zwischen der „Oberstube“ und dem „Zum goldenen Schwanen“ positioniert. 1895 gelangte das Haus in den Besitz der Familie Liechti und durch Erbgang an die Witwe Louise Baumann-Liechti bzw. an deren Sohn Ernst Conrad Baumann. Die geschäftstüchtige Louise Baumann eröffnete in diesem Haus ein Glas- und Steingutgeschäft, das bald über die Stadtgrenzen hinaus unter dem Namen „Chacheli-Buume“ bekannt war.

Nach einem Brand verkaufte Ernst Baumann die Hausruine am 28. August 1915 an den Baumeister Kaspar Wachter-Germann. Die damals massgebenden Architekten Rittmeyer & Furrer bauten auf dem Grundstück Marktgasse 1 das Wohn- und Geschäftshaus „Zum Kreuzfels“. Am 30. April 1918 erwarb F.C. Beck den eben fertiggestellten Neubau an der Marktgasse 1 und arrondierte damit seinen Hausbesitz mit seiner Liegenschaft Unterer Graben 33.

Haus Unterer Graben 33

Die Vorgeschichte dieser Liegenschaft ist eng mit der Geschichte der Handwerker und im Speziellen mit der Gesellschaft „Oberstube“ verknüpft. Diese Gesellschaft war die Bedeutendste in Winterthur und umfasste als Dachorganisation nicht weniger als 26 Zünfte. Die Gebäude der „Obere Bogen“ und die südlich angrenzenden „Prokurey“ (Armen- und Fürsorgeamt)und das „Ankenhaus“ gehörten zum Besitz der Gesellschaft Oberstube. Die Oberstube befand sich hinter den Staffelfenstern des „Oberen Bogens“, in der sich die Handwerker zu Speis und Trank und zu Festen trafen. Nach Auflösung der Zünfte (ab 1798) verkaufte die Gesellschaft 1837 die Zunftgebäude an die Stadtgemeinde und diese wiederum an den Baumeister Johann Friedrich Forrer. Alle Gebäude wurden 1871 auf Beschluss der Gemeindeversammlung abgerissen.

Auf dem frei gewordenen Grundstück der „Prokurey“ und des „Anken Haus“ baute Baumeister Forrer 1873/74 das Haus Unterer Graben 33, das „Grabeneck“. Es bestand aus vier Geschäftsräumlichkeiten im Parterre, zwei Stockwerken mit Wohnungen und Balkonen und einigen Kammern im 3. Stock mit anschliessendem Estrich. Nach Besitzesänderungen innerhalb der Familie Bruppacher aus Zürich, Ersterwerber des Neubaus, verkaufte Johann Rudolf Bruppacher das *Grabeneck“ am 25. November 1910 an die Firma Geering & Beck. 1918 ging es in den alleinigen Besitz von Friedrich Conrad Beck über.

Von 1966 bis 1969 wurden die beiden Häuser „zum Egli“ und „zur Engelsburg“, die südlich angebaut waren, abgerissen und durch Neubauten der Schweizerischen Kreditanstalt (später CS, dann Raiffeisenbank und ab 2011 Bank Linth) ersetzt. Beim Einbau des Restaurants „Im Silbernen Winkel“ wurde die Eingangspartie unter Arkaden gelegt und die Fensterfront verändert.

Für den Umbau der Eingangspartie und den Einbau des Restaurants im 1. Stock war der Architekt H. Schneider aus Zürich verantwortlich. Der Landbote schrieb im Januar 1948 zur Eröffnung des Cafés: „Im Silbernen Winkel ist eine geschmackvoll umgebaute und gediegen eingerichtete Neuheit im Winterthurer Gastwirtschaftsgewerbe entstanden. Architekt H. Schneider (Zürich) hat ganze Arbeit geleistet und seinem Ruf als Projektverfasser künstlerisch betonter Gaststuben neuem Glanz verliehen. Der Eingang zum Tea-Room wurde in einer erweiterten Eckpartie des Laubenanfangs angeordnet. Die etwas verdeckte Eingangspartie machte es notwendig, einen Blickfang zu schaffen, welcher das Auge des Strassenpassanten auf sich lenkt. Dieser ist nun in origineller Weise von Kunstmaler E. Häfelfinger geschaffen worden. Eine fast lebensgrosse Frauenfigur, eine portugisische Marktfrau, in schöner, handwerklich getriebener Kupferarbeit erhebt sich über der Pfeilerecke des Laubenganges gut sichtbar von Graben und Marktgasse und bildet mit dem Sandsteingrau des Mauerwerkes als Hintergrund eine würdige Belebung des Strassenbildes."

Die beiden Söhne des Hausbesitzers Friedrich C. Beck, Manfred (*1922) und Gebhart Beck (1920-2009) eröffneten in einer noch schwierigen Zeit das spätere legendäre Café-Haus "Im silbernen Winkel". Bereits nach kurzer Zeit wurde das am 22. Januar 1948 eröffnete Lokal im ersten Stock zum Flaggschiff der alkoholfreien Restaurants in Winterthur. 166 Sitzplätze bot das Kaffeehaus an und war vier Jahrzehnte der Treffpunkt in der Altstadt. Nicht nur Kaffee und feine Süssigkeiten wurden angeboten, sondern auch veritable Menus wurden ganztags serviert. In den besten Zeiten wurden bis 500 Mahlzeiten ausgegeben und gegen 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. 1990 wurde das Haus geschlossen. Nach dem altersbedingten Rücktritt der Gebrüder Beck konnten die Nachfolger die Erfolgsgeschichte nicht mehr weiterführen. Später wich das Restaurant der Buchhandlung Orell Füssli, während der Migros-Laden im Parterre weiterhin beste Umsatzzahlen ausweisen kann.

Beck senior plante bereits eine Erweiterung seiner Liegenschaft Unterer Graben 33. Die Restliegenschaften der Häuserzeile „Zum Silbernen Winkel“, die Liegenschaften Marktgasse 3, 5 und 7 (Konditorei Jaiser, Papeterie Kästle und Chemiserie Richard) wurden an das Textilhaus Frawa verkauft. Das Haus der Papeterie Wachter am Unteren Graben 31 ging an die Schweizerische Kreditanstalt (heute CS) und Papeterist Wachter plante an der Obergasse einen Neubau. Beck konnte seine Liegenschaft Unterer Graben 33 um zwei Festerachsen gegen Süden erweitern.

Winterthur-Glossar verdankt diesen Eintrag Herrn Manfred Beck. Er gewährte uns einen Blick in seine Familienchronik.

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