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Das legendäre „Milchhüsli“

1912

Als es in der Stadt Winterthur noch wenige bis keine Über-die-Gass-Verkaufsstellen für Zwischenverpflegungen gab, war das Milchhüsli des Konsum-Vereins (heute COOP) an der Ecke Bank-/Museumstrasse der Treffpunkt zum Znüni- und Zabig-Kauf. Diese legendäre Einrichtung hatte eine lange Geschichte. Sie begann bereits 1914.

Bild: winbib

Der unscheinbare kleine Bau neben der Reithalle am Reitweg hat eine grosse Vergangenheit: Er war das Milchhüsli, das von 1914 bis 1940 im Stadtgarten Milch verkaufte. Unter der braunen Farbe verbirgt sich eine hübsche Dekorationsmalerei. Leider hat sich der Bau seiner militärischen Nachbarschaft angepasst und seinen Charme ziemlich eingebüsst. Nur die elegante Dachform weist noch darauf hin, dass er von guten Eltern stammt: Er wurde von den Architekten Fritschi und Zangerl entworfen, die in Winterthur mehrere repräsentative Mehrfamilienhäuser und Stadthäuser bauten.

Bild: winbib

Der Konsumverein Winterthur errichtete das Milchhüsli im Stadtgarten 1914 auf Anregung des Bundes abstinenter Frauen neben dem heutigen Museum Oskar Reinhart, damals noch Knabenschule. Im hübsch bemalten Haus konnte man während des Ersten Weltkriegs ein Glas Milch und ein Bürli für 15 Rappen kaufen – eine Alternative zu den damals weit üblicheren alkoholischen Getränken. Private Ladengeschäfte wehrten sich anfänglich gegen den Betrieb des Milchhüslis, da sie in ihm eine Konkurrenz sahen. 1940 schloss das Milchhüsli im Stadtgarten seine Tore und wurde dann an den heutigen Standort bei der Reithalle an der Zeughausstrasse versetzt.

Bild: winbib

Ein zweites Milchhüsli hatte wesentlich länger bestand: Es wurde 1912 ebenfalls vom Konsumverein auf dem Schöntal-Areal durch den Architekten Emil Fritschi errichtet. Es wurde 1978 abgebrochen. Heute steht dort das Manor-Warenhaus.

Über diese lange Zeit war dieses Milchhüsli eine Oase der Gemütlichkeit. Es trafen sich Geschäftsleute und Hausfrauen jeglichen Alters zu einem Kaffeeschwatz im etwa sechs Tische grossen Raum. Selbstverständlich waren süsse und salzige Gebäcke ebenfalls mit dabei. Zu den Znüni- und Zvierizeiten war der Betrieb dann enorm. Am Kioskschalter im gedeckten Eckraum und hinten in der „guten Stube“ „räblete“ es. Es waren die Pöstler von der Hauptpost und die Büsler, die kurz ausspannten oder es waren die KV-Schüler vom benachbarten Schulhaus die schnellstmöglich etwas posten wollten. Aber die vier Verkaufsfrauen liessen sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch beim grössten Andrang blieben sie ruhig und freundlich. Dass sie in ihrem Job eine Befriedigung fanden, bewies auch, dass alle lange Jahre im Milchhüsli blieben und mit vielen Kunden viel Vertrautes austauschten. Als das Ende angekündigt wurde, gab es nicht gerade einen Aufstand, aber das Bedauern war gross. Aber die Neuzeit brach an, das Persönliche und Gemütliche blieb auf der Strecke.

Der Text stammt zum Teil aus einem Eintrag der Stadtbibilothek/Sondersammlungen auf der Webseite stadtliebe.ch

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