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Taverne zum Wilden Mann, Obertor 3

1628

Obertor 3 8400 Winterthur


Das Winterthurer Gasthaus „Zum Wilden Mann“ am Obertor 3 war eine vierhundertjährige Tradition. 2004 wurde es umgebaut: statt Gaststätte, Säli und sechs Hotelzimmer entstanden vier Wohnungen und im Erdgeschoss ein Ladengeschäft. Die Fassaden und die Struktur des Hauses wurden belassen und im hofseitigen Anbau ein Lift eingebaut, wodurch das grosszügige Treppenhaus erhalten werden konnte.

Die ersten Bauwerke am heutigen Obertor stammen, wie heute vermutet wird, aus einer frühmittelalterlichen Siedlung so um 700. An der wichtigen Verbindungstrasse zwischen Mittelland und Bodensee entstand 1100 der Kehlhof. Hier amtete der Sachwalter, der für die Kyburger die Steuern eintrieb. Der Kehlhof war Verwaltungszentrum und lokales Gericht. Am Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Kehlhof verkauft und 1628 baute Joachim Wydler die erste Wirtschaft „zum Wilden Mann“ mit Mahlzeiten, Stallungen und Übernachtungsmöglichkeiten. Dank der Lage direkt hinter dem Stadttor wurden im „Wilden Mann“ auch Waren verzollt und Post ausgetauscht. Das Gasthaus wurde die erste Poststelle von Winterthur. Da das Postgeheimnis nicht immer beachtet wurde, ermahnte der Rat die Wirtsleute immer wieder. Bis im 19. Jahrhundert war der Gasthof „zum Wilden Mann“ eine vornehme Adresse. Wolfgang Amadeus Mozart, Ulrich Bräker, der Verfasser von „Der arme Mann im Toggenburg", Napoleon III. und andere Persönlichkeiten haben hier übernachtet. Mit dem Entstehen des Bahnhofes am anderen Ende der Altstadt verlor er aber an Bedeutung.

Bis 1805 führten Vorfahren der Familie Sulzer (Gründer der Maschinenfabrik) die Taverne zum Wilden Mann. Letzte Wirte dieser Familie waren Heinrich Andreas Sulzer-Haggenmacher (1754-1805), einem Grossonkel der Gründer der Maschinenfabrik, und nach seinem Tode seine Frau Elsbeth. Darauf folgte Johannes Sulzer-Studer (1797-1832), ein Sohn. Bis anfangs 21. Jhdt. blieb das Restaurant ein beliebter Treffpunkt, sei es in der gemütlichen Beiz bei immer guter Küche oder zu allerlei Treffs im Saal vom 1. Stock. 2004 kam das Haus in andere Hände. Das Wirtshaus wurde geschlossen und ein umfassender Umbau durchgeführt. Die Umnutzung ergab anstelle von Saal und Hotelzimmer Wohnungen und in der ehemaligen Wirtsstube entstand ein Ladengeschäft.

Reminiszenz aus der Familiengeschichte der Haggenmachers

"Den dritten Ast des Hirschen-Stammes der Familie Haggenmacher begründete der Degenschmied, Prokurator, Ratsredner und Zunftmeister im Winkel Johannes Haggenmacher (1731-1803). Für seine erste Gattin, Anna Katharina Maury von Neuenburg, brachte er 1754 den üblichen Geburts- und Vermögensausweis bei, aus dem hervorging, dass ihr Vater ein französischer Hugenottenflüchtling aus den Pyrenäen war. Johannes gehörte zu den ersten Mitgliedern des 1766 gegründeten Militärkollegium von Winterthur; er wurde einer der Unteroffiziere und führte mit Stadtschreiber Sulzer zwei Jahre später zur Äufnung der Finanzen eine Lotterie durch, zu welcher der Rat die Bewilligung erteilte. Neben seinem Berufe widmete er sich noch dem Weinhandel. Zu diesem Zwecke mietete er von der Stadt den Keller des Mörsburger Amtes unter dem Mädchenschulhaus. Weniger erfreulich war, dass er 1771 wegen Ehebruches verurteil und als Ratsprokurator abgesetzt wurde. Dies hinderte jedoch nicht, dass man ihm die Postbesorgung im "Wilden Mann" und die Austeilung der Briefe anvertraute. Im Jahr 1788, also kurz vor der 1789 erfolgten erstmaligen Einrichtung eines eigentlichen Postbüros in Winterthur, schrieb er an Postdirektor Hess in Zürich, dass jeden Montag nachts um 10 Uhr von der Stadt ein Fussbote nach Schaffhausen abgehe und am Mittwochmorgen um 6 Uhr mit Briefen vom dortigen Postamte wieder zurückkomme. Das gleiche wiederhole sich am Donnerstagabend mit Rückkehr am Samstag früh. Die erste Winterthurer Poststelle im Haus zum "Glücksrad" am Obertor 44 erhielt dann als Postoffizianten Johann Ulrich Schellenberg (1736-1806)."

Text aus "Geschichte der Familie Haggenmacher von Winterthur" von Emil Wegmann. Publiziert als 288. Neujahrsblatt der Stadtbliothek Winterthur 1957.

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