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Scherer Johann Jakob, Bundesrat, 1825-1878

Johann Jakob Scherer
10.11.1825
23.12.1878

J. J. Scherer, geboren am 10. November 1825 in Schönenberg, gestorben am 23. Dezember 1878 in Winterthur war ein Schweizer Politiker, Offizier und Unternehmer. Ab 1866 gehörte er der Regierung des Kantons Zürich an und ab 1869 dem Nationalrat. Als Vertreter der liberal-radikalen Fraktion (FDP) wurde er 1872 in den Bundesrat gewählt. Sechs Jahre später verstarb er im Amt. In Winterthur wohnte Scherer im "Jakobsbrunnen".

Foto: winbib (Signatur 172342_O)

Der Aufstieg Scherers ist das Ergebnis des Sieges der demokratischen Bewegung im Kanton Zürich, der sich nach einigen Jahren auch auf der Ebene des Bundes auswirkte. Scherer war nicht Advokat und hatte überhaupt keine höhere Bildung aufzuweisen. Er war ein "Selfmademan", der sich im Laufe seiner politischen Tätigkeit "imponierende Sachkenntnis" aneignete.

Als Vorsteher des Militärdepartementes musste Scherer in seinen letzten Amtsjahren - wie ein halbes Jahrhundert später auch Bundesrat Scheurer - immer wieder dagegen ankämpfen, dass Spartendenzen einseitig zu Lasten seines Departements gingen. Trotz aller Energie, die Bundesrat Scherer bei der Führung seines schwierigen Amtes an den Tag legte, rieb ihn dieser Kampf letztlich auf.

Der Sohn eines Pferdehändlers besuchte die Sekundarschule und eine Handelsschule in Horgen, anschliessend folgte ein längerer Aufenthalt in Italien. Als Korporal der Kavallerie nahm Scherer 1847 am Sonderbundskrieg teil. 1848 absolvierte er einen Offizierslehrgang, vier Jahre später wurde er zum Stabshauptmann befördert. 1854 heiratete der Kavallerieinstruktor die wohlhabende Anna Studer und liess sich in Winterthur nieder. 1860 erhielt er das Bürgerrecht dieser Stadt.

Nach dem Tod seines Vaters eröffnete Scherer in Winterthur ein Handelsunternehmen, das auf Waren aus Grossbritannien spezialisiert war. 1854 wurde er in den Kantonsrat gewählt, 1866 folgte die Wahl in den Regierungsrat.

Foto: winbib (Signatur 172341)

Da er ein Jahr zuvor zum Obersten befördert worden war, übernahm er das kantonale Militärdepartement. 1869 gehörte er dem Verfassungsrat an und wirkte an der Revision der Kantonsverfassung mit.

Ebenfalls 1869 wurde Scherer in den Nationalrat gewählt. Nach dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges erhielt er bei der Wahl zum Generalstabschef am zweitmeisten Stimmen. Nach der Demobilisierung übte Scherer heftige Kritik an der Amtsführung von General Hans Herzog, doch stellte sich die Presse mehrheitlich gegen ihn.

Sechs Wochen nach dem überraschenden Rücktritt von Jakob Dubs fand am 12. Juli 1872 die Wahl eines Nachfolgers statt. Scherer setzte sich im vierten Wahlgang gegen Fridolin Anderwert durch, wobei er 91 von 147 gültigen Stimmen erhielt (auf Anderwert entfielen 52 Stimmen). Seine militärische Erfahrung konnte er zunächst nicht in die Regierung einbringen, da er das frei gewordene Finanzdepartement übernehmen musste. 1873 erfolgte der Wechsel ins Eisenbahn- und Handelsdepartement, wo er unter Anderem für die Umsetzung des neuen Eisenbahngesetzes zuständig war, das dem Bund mehr Kompetenzen einräumte.

Im Jahr 1875 war Scherer Bundespräsident. In dieser Funktion stand er wie damals üblich dem Politischen Departement vor und war somit Aussenminister. 1876 konnte er endlich das Militärdepartement übernehmen. Seine Hauptaufgabe war der Vollzug des neuen Organisationsgesetzes, mit dem zahlreiche Kompetenzen von den Kantonen an den Bund übertragen worden waren. Im Juli 1876 und im 1877 musste er bei zwei Volksabstimmungen über die Einführung eines Wehrpflichtersatzes eine Niederlage hinnehmen. Kurz nach seiner Wiederwahl im Dezember 1878 erkrankte er und starb im Alter von 53 Jahren.

Quellen: Urs Altermatt: Die Schweizer Bundesräte 1992

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