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Sonnenbad am Wolfensberg


Das Sonnenbad am Wolfensberg war bei seiner Eröffnung 1900 die erste Anlage dieser Art in der Schweiz. Der Verein zur Hebung der Volksgesundheit, Sektion Winterthur, richtete es ein, damit die Vereinsmitglieder von der wohltätigen Wirkung der Sonne profitieren konnten. 1910 und 1948 wurde die Anlage ganz neu erbaut und 1980 zum «FKK-Bad» umfunktioniert. Seit dem Verkauf an die Stadt 2011 ist sie geschlossen und in einen Dornröschenschlaf verfallen.

Bild: winbib

Im Jahr 1900 eröffnete der Verein zur Hebung der Volksgesundheit, Sektion Winterthur, im „Ziel“ in Veltheim ein Sonnenbad. In lockeren Kleidern machten hier die Vereinsmitglieder – strikte nach Geschlecht getrennt – Leibesübungen und Spiele, oder sie genossen einfach die Strahlung der Sonne. Es war dies die erste Anlage dieser Art in der Schweiz. Das Ziel des Vereins (heute vitaswiss) war die Aufklärung über eine gesunde, naturnahe Lebens- und Heilweise. Die Arbeiter sollten heraus aus ihren düsteren Wohnungen und an die Sonne, sich bewegen, gesund ernähren, möglichst auf Alkohol und Tabak verzichten und bei Krankheit Naturheilmittel anwenden. Der Verein verkündete aber keine dogmatische Heilslehre, sondern setzte sich pragmatisch dafür ein, dass seine Mitglieder auch Gelegenheit erhielten, nach diesen Prinzipien zu leben.

In diesem Sinne kaufte die Winterthurer Sektion 1910 am Waldrand am Wolfensberg, nahe beim ersten Sonnenbad, ein grösseres Stück Land mit einem ehemaligen Steinbruch. Hier richtete sie eine Schrebergarten-Anlage und ein neues Sonnenbad ein. Die Gartenparzellen konnten zu einem erschwinglichen Preis gepachtet und auf eigene Kosten mit einem Gartenhaus angereichert werden; sie waren keine Nutzgärten, sondern zur Erholung bestimmte Familiengärten. Viele der hübschen Gartenhäuser aus den Gründungsjahren werden noch heute gehegt und gepflegt.

Bild: winbib

Während die Familiengärten sehr beliebt waren, litt das Sonnenbad bald unter Besuchermangel. In den 1920er-Jahren übernahm eine neue Generation jüngerer, unternehmungslustiger Mitglieder das Ruder im Verein. Zur Attraktivitätssteigerung des Sonnenbads planten sie den Bau eines Restaurants und setzten diesen gegen den Widerstand der älteren Generation durch. 1928 eröffnete die alkoholfreie Wirtschaft «zum Wolfensberg» den Betrieb im heutigen Badmeisterhaus. Sie brachte aber nicht die gewünschte Belebung des Sonnenbads, sondern wurde bald zur zusätzlichen Belastung für den Verein. In einer forschen Vorwärtsstrategie beabsichtigte nun der Vereinspräsident Johann Wiesmann (1891–1983), auf dem Gelände des ehemaligen Steinbruchs ein Schwimmbad zu errichten, um die Wirtschaft und das Sonnenbad zu beleben – so entstand das Schwimmbad Wolfensberg, das im Sommer 1936 eröffnet wurde.

Bild: winterthur-vorhersehbar.ch

Der Bau des Schwimmbads brachte zwar den Verein an den Rand seiner Kräfte – aber Vereinspräsident Wiesmann hatte sein Auge bereits unmittelbar nach dem glücklichen Abschluss des Schwimmbad-Abenteuers auf das Sonnenbad geworfen, das allmählich in die Jahre gekommen und immer noch schlecht besucht war. Schon 1938 präsentierte er dem Vereinsvorstand seine Pläne für einen Neubau, und obwohl sein forsches Tempo überall auf Ablehnung stiess und eine Finanzierung in den Sternen stand, entwickelte er das Projekt unbeirrt weiter. Als er 1941 eigenmächtig einen Architekten mit der Ausarbeitung eines Projekts beauftragte, war das Mass voll: Wiesmann wurde 1942 als Präsident und Vorstandsmitglied abgewählt, und um das Sonnenbad wurde es ruhig.

Bild: winbib

Erst 1947 kam das Thema wieder aufs Tapet. Nach einigen heissen Sommern mit guten Besuchszahlen beschloss der Verein, ein neues Sonnenbad nach Plänen des Gartengestalters Ernst Meili zu bauen. Trotz grossem Arbeitseinsatz der Vereinsmitglieder wurde das Baubudget von 88‘000 Franken um 27‘000 Franken überschritten; dank privaten Spenden und einem städtischen Beitrag entging der Verein einem Fiasko. Die 1948 eingeweihte Anlage besass einen offenen Familienbereich und ein rundum gegen Sicht geschütztes, nach Geschlechtern getrenntes Nacktbadeabteil mit Einzelzellen. Sie war fortan der Stolz des Vereins und erfreute sich auch reger Benutzung.

Bild: winbib

Als das Sonnenbad in den 1970er-Jahren allmählich Altersmängel zeigte, wurde es 1980 renoviert und umgebaut – durch den Verkauf des Schwimmbads an die Stadt war der Verein 1963 zu einem unverhofften Geldsegen gekommen, so dass die Finanzierung kein Problem war. Die Einzelzellen wurden abgebrochen und das Männerbad der gemischten Abteilung zugeschlagen – das Sonnenbad wurde zum reinen Nacktbad mit einem separaten Frauenabteil.

Eine treue Anhängerschaft nutzte in den folgenden Jahrzehnten das «FKK-Bad» und wurde mit ihm älter. Jungen Nachwuchs gab es kaum, und die Schrebergärtler hatten sich bereits 1976 vom Verein gelöst. Als sich zu Beginn des neuen Jahrtausends eine erneute Renovation der Anlage aufdrängte, beschloss die Sektion Winterthur von vitaswiss, das Sonnenbad nicht mehr weiterzuführen. Die gewünschte Übernahme durch die Schwimmbadgenossenschaft Veltheim kam nicht zustande, dafür kaufte die Stadt dem Verein das Areal 2011 für 180‘000 Franken ab. Aus der damals angekündigten Öffnung der Anlage für die Bevölkerung wurde bislang nichts; die Tore sind verschlossen, und das Sonnenbad träumt verwunschen vor sich hin.

Text: Andres Betschart

Weitere Informationen: Hundert Jahre Volksgesundheit Sektion Winterthur 1898–1998, Winterthur 1999 von Andres Betschart.

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