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Lagerplatz


Im einstigen Sulzer-Werkgelände „Lagerplatz“ zwischen dem breiten Gleisfeld der SBB und den Strassen Zur Kesselschmiede/Tössfeldstrasse lagen unterschiedlichste Gebäude der Maschinenfabrik. Nach dem die Sulzer dieses Areal bereits ab den späten 1980-Jahren verlassen hatte, begann eine Zwischennutzung mit unterschiedlichsten Gewerbefirmen. Die Stiftung Abendrot kaufte das ganze Areal auf und sicherte damit die vielfältige Nutzung.

Der folgende Text beruht auf dem Buch „LAGERPLATZ WINTERTHUR, ein Industriequartier im Wandel“. Es wurde 2015 von der Stiftung Abendrot/Projektsteuerung Lagerplatz herausgegeben. Die Fotos stammen von Roger Szilagyi/winitpix.com.

Foto: wintipix.com

Der Lagerplatz, das Areal zwischen dem Gleisfeld der SBB und den Strassen Zur Kesselschmiede/Tössfeldstrasse und Wylandbrücke nahm circa 1/4 des Winterthurer Sulzer Areals Stadtmitte ein. Dieses wurde zwischen 1895 und 1950 vom Industrieunternehmen überbaut und genutzt. Der Lagerplatz bestand vor allem aus Hallen und Plätzen für die An- und Auslieferung von Industriegütern, dazu Laboratorien und Modellwerkstätten für die Giessereisparte des Konzerns. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Areal zunehmend für die Fertigung von Industriemaschinen genutzt. Nach der Produktionsaufgabe Ende der 1980er-Jahre und dem Scheitern der geplanten Grossüberbauung „Winti Nova“ zogen Mitte der Neunzigerjahre die ersten Zwischennutzer auf dem Lagerplatz ein.

Bild: wintipix.com

Die Stiftung Abendrot aus Basel konnte per 1. Januar 2009 das fast 50‘000 m2 grosse Lagerplatzareal von Sulzer Immobilien und der Schweizerischen Post erwerben. Der Kauf erfolgte auf Initiative des Arealvereins hin, dem ein Grossteil der aktuellen Mieter angehört. 100 kleinere und mittlere Betriebe mit gegen 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben durch die Zwischennutzung zur Entwicklung vom unbelebten Industrieareal in ein urbanes Arbeits- und Freizeitquartier beigetragen. Mit dem Kauf ging die Zeit der Zwischennutzung dem Ende entgegen. Statt Abbruch und Neuüberbauung wurde die sanfte und nachhaltige Entwicklung weitergeführt.

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Der Stiftung Abendrot war es wichtig, nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg Entscheide zu fällen. Deshalb hatte sie die verschiedenen Interessentengruppen zu einer Zukunftskonferenz eingeladen. 120 Mieterinnen und Mieter, Anwohner, Mitglieder des Quartiervereins und Vertreter der Stadt nutzten die Gelegenheit, am 4. und 5. September 2009 in der ehemaligen Kesselschmiede ihre Visionen für die künftige Entwicklung des Lagerplatzareals zu entwerfen. Dabei kam stark zum Ausdruck, dass das Areal von vielen als Heimat, als Perle und als Biotop empfunden wird, das in seiner Durchmischung erhalten und weiterentwickelt werden muss. Dank günstiger Miete haben hier auch Betriebe eine Bleibe, die auf dem normalen Liegenschaftsmarkt Mühe hätten. Zugleich wurde aber auch klar, dass in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein enormer Unterhaltsstau entstanden ist.

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Im Anschluss an die Zukunftskonferenz wurden zur Vertiefung der wichtigsten Themen —Verkehr, Aussenraum, Wohnen, Energie, Durchmischung, Kommunikationsplattform sowie Finanzierung und Mitsprache— Arbeitsgruppen gebildet. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden am 4. November 2009 präsentiert und lieferten wichtige Grundlagen. Der Stiftungsrat der Stiftung Abendrot hat diesem Nutzungskonzept am 17. Juni 2010 zugestimmt und der Projektsteuerung den Auftrag für die Umsetzung erteilt. Die Umsetzung erfolgt bedarfsabhängig innert den nächsten zehn Jahren. Die Umsetzung des Nutzungskonzepts wurde von versierten Fachleuten in Angriff genommen. Das waren für die Projektsteuerung die Winterthurerin Architektin Valérie Waibel und vom Kantensprung AG die beiden Architekten Barbara Buser und Eric Honegger. Kein einziges Gebäude wurde abgerissen, sondern lediglich renoviert und in Einzelfällen aufgestockt. Der Charme, die Lebendigkeit und die Vielfalt konnten so erhalten bleiben.

Bild: wintipix.com

Der Charakter des Lagerplatzes als ehemaliges Industrieareal konnte trotz Energiesanierungen erhalten werden. Die bestehenden Gebäude wurden sorgfältig renoviert und umgenutzt. Auf gute Wärmedämmung und grossflächige Fotovoltaikanlagen wurde viel Wert gelegt. Auf dem ganzen Areal sind verschiedene grössere und kleinere Werkstätten, Ateliers, Dienstleistungsbetriebe und Schulen eingemietet. Im Gebäude 118 sind Wohnateliers und Wohnterrassen entstanden, auf dem Dach der Halle 194 ebenfalls. Im Gebäude 195 hat die Jugendherberge (Backpacker) ihren Platz gefunden. Das Areal ist weitgehend autofrei. Parkplätze wurden Schritt für Schritt aufgehoben. Anlieferungen finden jeweils bis 11 Uhr statt, danach ist das Areal nur noch für berechtigte PKW zugänglich. Auf dem ganzen Areal sind Veloständer aufgestellt, damit die Velos regen- und diebstahlsicher versorgt werden können. Um Gepäck oder schwere Sachen zu transportieren, stehen Gepäckwagen zum Gebrauch zur Verfügung.

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Es wurden drei öffentliche Plätze eingerichtet, die von Mietern und Besuchern vor allem im Sommer intensiv genutzt werden. Der urbane Platz beim Eingang zum Areal ist weitgehend frei von Einrichtungen, damit die Anlieger diesen nutzen können. Australia Outback und Portier haben Aussenbereiche eingerichtet. Die Besucher finden Informationen zum Areal und zu den Mietern. Der Arealplatz in der Mitte des Areals ist sowohl Ruhe- als auch Freizeitzone mit Boulebahn, Wasserbecken, Grillstation usw. Hier treffen sich die Mieter des Areals zum Mittagessen, Feierabendbier und Samstagsgrillplausch. Der Quartierplatz am Südende des Areals dient den Mietern und der Quartierbevölkerung als Begegnungsraum. Er wird durch ein Restaurant ergänzt, das den Studenten als Mensa dient und abends der Quartierbevölkerung leichte Kost bietet.

Bild: HB

Aus dem Lagerplatz ist ein lebendiges Stadtquartier entstanden. Werner Hartmann, Präsident des Stiftungsrates schreibt dazu in einem Bericht im Jahre 2015 dazu: „Die Stiftung Abendrot ist in Winterthur angetreten, die Geschichte des Lagerplatzareals mit den bereits angesiedelten Nutzerinnen und Nutzern fortzuschreiben - eine städtebauliche Entwicklung der gewachsenen Strukturen im Slow- statt im Fast-Modus. Die lebendige Durchmischung von Gewerbe, Ateliers, Dienstleistungen, Hochschule, Freizeit, Sport, Gastronomie, Läden und Hotel wird mit dem Kino «Cameo» des Filmfoyers Winterthur sowie dem Neubau für die Erweiterung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und 80 Wohnungen für die Genossenschaft Zusammenhalt ergänzt.“

Einige Projekt-Portraits

Bild: wintipix.com

Gebäude 180

Die Kesselschmiede am südlichen Ende des Lagerplatzes ist eines der grösseren Gebäudes auf dem Lagerplatz. Der Stahlrahmenbau wurde 1924 erbaut und ersetzte einen Vorgängerbau. Darin eingemietet ist die Architekturabteilung der ZHAW seit 1990. Über 500 Studierende gehen hier ein und aus. Sie beleben das Areal stark und geben ihm ein Gepräge. Mit dem Einzug von Zwischenböden konnte die Nutzfläche stark vergrössert und eine eigene und spezielle Atmosphäre geschaffen werden. Das „Schulhaus“ kommt an und ist beliebt. 2004 wurden die angrenzenden Hallen 189 und 191 miteinbezogen.

Bild: HB

Gebäude 161

Im Herzen des Lagerplatzes sozusagen, liegt das Haus 161, in das 1996 der Musikclub und das Kulturlokal Kraftfeld eingezogen ist. Statt einem neuen Postverteilzentrum zu weichen, konnte das Industriehaus gerettet werden. An 270 Tagen pro Jahr wird ein umfang- und abwechslungsreiches Kulturprogramm angeboten. Das Lokal ist zum Treffpunkt vieler junger Leute nicht nur aus Winterthur geworden. Der Holzfachwerkbau war 1896 erbaut worden.

Gebäude 107

Das Portiergebäude, aus dem früher der Zugang zum Fabrikareal überwacht wurde, ist 1955 als Ersatzbau erstellt worden. Nach dem Umbau 2010 wurde es zu einem viel beachteten Bistro. Im Innern stehen 24 Sitzplätze zur Verfügung. Im Aussenbereich ist es ein Mehr. Nebst Getränken und kleiner Küche ist das Portierbistro auch Kontakt- und Informationsstelle. Die innovativen Betreiber organisieren auch Konzerte und Sommerfeste.

Bild: HB

Gebäude 188

War das Haus einst das Feuerwehrmagazin, 1940 erbaut, ist es heute fast schon traditionell ein Veloladen. Nachdem der Vorgänger schliessen musste, konnte ein Nachfolger mit demselben Angebot gewonnen werden. Es gehört zum Grove des Lagerplatzes, dass an prominenter Stelle am Eingang und vis-à-vis vom Portiergebäude das umweltgerechte Fahrzeug ausgestellt und repariert wird.

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Gebäude 142

Zwischen der Kesselschmiede (180) und der Schiffbauhalle (181) entstand 1941/42 eine rechtwinklige Überdachung über einer Kranbahn von 1910. Sie diente zum Ausglühen von Glühprodukten und zum Zusammenbauen von Blechteilen. Dieser witterungsgeschützte Platz stellt heute ein Sammelpunkt dar, der multifunktional genutzt wird. Tischtennisplatten und überdimensionale auf den Boden gezeichnete Brettspiele geben dem kleinen „Stadtplatz“ einen sympathischen urbanen Charakter. Die Verantwortung über die Nutzung liegt beim ArealVerein, dem Zusammenschluss aller Mieter und Bewohner. Pro Jahr werden vier bis fünf Veranstaltungen selbst organisiert, für andere Angebote kann man diese Treffoase belegen. Ins Ambiente passen sozusagen Events aller Art.

Bild: wintipix.com

Gebäude 195

Bereits 1904 ist in dieser Zeile der Satteldachhäuser der Neubau für die Zimmerei und die Schreinerei entstanden. Im Erdgeschoss war bereits seit langem das Restaurant Australian Outback untergebracht. Anlässlich eines umfassenden Umbaus in den Jahren 2012/13, in dem die wärmetechnische Sanierung im Vordergrund stand, wurden die brachliegenden Obergeschosse zu einem Hostel umgebaut. Für preisgünstige Übernachtungsmöglichkeiten bestand ein Bedarf, nachdem die städtische Jugendherberge geschlossen wurde. Diese einmalige und sich ergänzende Nutzung funktioniert seither hervorragend.

Bild: wintipix.com

Gebäude 181

Entlang den Baugeleisen im Zentrum des Lagerplatzes steht die Schiffbauhalle. Der Grundstein wurde bereits 1906 gelegt und mehrmals wurden bauliche Eingriffe vorgenommen. Letztmals durch Sulzer selber wurde das Haus 1948 bis 1952 umfassend umgebaut und vor allem durch Stahlträger verstärkt. 2013/14 wurde das Gebäude durch Kilgapopp Architekten genial saniert und auch mit drei Etagen aufgestockt. Die bestehende Aussenwand zu den Geleisen wurde durch eine Gewächshausfassade aufgedoppelt. Der so entstandene Zwischenraum von 1,5 Meter Tiefe wurde begrünt und bildet einen akustischen und klimatischen Pufferraum zwischen Bahngeleisen und Büros. Diese neu errichtete Gebäudeschicht erweitert den Büroraum optisch und kann als geschützter Wintergarten genutzt werden.

Bild: wintipix.com

In der neu entstandenen Schicht wachsen auch exotische Pflanzen, und es können Früchte und Gemüse produziert werden. Die Pflanzen werden über ein automatisches Bewässerungssystem mit Regenwasser versorgt. Die ungeheizte Eingangshalle sowie die drei spartanisch ausgebildeten Treppenhäuser, nur zwei davon mit Lift, tragen zur guten Energiebilanz und Nachhaltigkeit des Baus bei. Auf dem Dach wurde eine vollflächige aufgeständerte Photovoltaikanlage installiert. Die zusätzlichen 4000 Quadratmeter Bürofläche wurden zuerst den bisherigen Mietern auf dem Areal angeboten; bereits drei Monate nach Fertigstellung waren fast alle Flächen vermietet.

Bild: HB

Gebäude 193

Die 120 mal 30 Meter grosse ehemalige Speditionshalle ist bereits 1998 zur Karthalle „Tempodrom" umgebaut worden. Darin hatte auch ein Skaterparadies Aufnahme gefunden. 2016 wurde der grosse Innenraum umgenutzt. Auch eine Isolierung der Wände und des Dachs waren nötig. Die Architektin Valerie Waibel, die bereits für mehrere Renovationen und Umnutzungen im Lagerplatzareal erfolgreich verantwortlich war, nahm auch diese Herausforderung an. Im Dezember 2016 konnte der Skillspark, ein vielseitiger Sportpalast, in Betrieb genommen werden. Ein grosszügiges Restaurant mit 100 Sitzplätzen ergänzt diese Anlage.

Bild: HB

Es sind noch viele weitere Mieter und Nutzer präsent in dieser kunterbunten Welt des Lagerplatzes. Folgende sind in eigenen Glossar-Einträgen vorgestellt: Kino Cameo, Hunziker Partner AG, Skillspark, Labüsch Künstlerduo. (siehe „Verwandte Einträge“).

Foto: HB

Neubau 141

Am südlichen Ende des Lagerplatzes befand sich eine Kranbahn, die unter freiem Himmel das Be- und Entladen von Fahrzeugen und dem Bewegen von Containern diente. Seit 2016 ist hier nun der einzige Neubau im ganzen Lagerplatz-Areal im Entstehen. In diesem Baufeld 1 von 13'400 Quadratmetern Bruttogeschossfläche erstellt. Es sind weitere Räumlichkeiten für die ZHAW mit Labor-, Schulungs- und Büroräumen, damit die wachsende Architektur- und Ingenieurschule auch in Zukunft auf dem Lagerplatz bleiben kann. Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit der Genossenschaft Zusammenhalt, die Genossenschaft für Tätigsein und Wohnen in der zweiten Lebenshälfte, ca. 80 Wohnungen entstehen. Die individuellen Wohnungen mit je 40, 60 oder 80 Quadratmetern Grundfläche werden durch Gemeinschaftsräume wie Bibliothek, Stiller Raum, Sauna und Arbeitsplätze ergänzt. Durch die Platzierung der Wohnungen im Südwesten des Areals wird ein fliessender Übergang der Nutzungen zum angrenzenden Wohnquartier geschaffen.

Foto: HB

Ein lang gestreckter, frei stehender Bau wird als Abschluss der Arealbebauung einen Riegel mit einem markanten Kopf gegen die Tössfeldstrasse bilden. Dadurch entsteht ein weiterer Quartierplatz für alle und eine neue Eingangssituation für die bestehende und zukünftige Hochschulnutzung. Am Platz soll ein öffentliches Cafe mit Laden als Nachbarschaftstreff entstehen.

Zwischen Alt- und Neubau liegt eine lange, fünf Meter schmale Gasse, die die Verknüpfung der Tössfeldstrasse mit dem Fussweg entlang des Gleisfeldes sicherstellt. Hier befinden sich die Zugänge zur grossen Halle, zu den Hörsälen, den Wohnungen sowie zu einem Grossteil der Veloabstellplätze. Die gegenwärtig 129 Autoparkplätze werden in einer Einstellhalle unter dem geplanten Neubau angeordnet. Die Zufahrt- und Abfahrt in die Einstellhalle erfolgt direkt von der Tössfeldstrasse. Der Stadtbalkon und die gemeinschaftlich nutzbaren Terrassen und Bereiche des Daches kompensieren die fehlenden Freiflächen und bringen mit Urban Gardening eine neue Nutzung ins Areal.

Bild: wintipix.com

Bistro „Les Wagons“ am Arealplatz

Wagen der Uetlibergbahn von 1923 bieten als Bistro und Bar in Winterthur allen Platz, die das Schöne geniessen, das Feine schätzen und das Charmante lieben. Das Beizli ist ein besonderes Schmuckstück am Lagerplatz und befindet sich, wie es sich gehört, direkt vor den Geleisen, am Arealplatz. Die drei Wagen fuhren tatsächlich vor rund 100 Jahren auf den Zürcher Hausberg. Zwei davon waren zuvor im Luzerner Verkehrshaus in einer befristeten Unterkunft. Ein Dritter kam aus Privatbesitz dazu, als bekannt wurde, was für eine tolle Idee damit realisiert wird. Anja Holenstein und Florian Moser-Dubs machten es möglich, dass am 21. November 2015 das Gastro-Unternehmen gestartet werden konnte. Neben erstklassigem Kaffee werden die Gäste mit einem täglich wechselnden Mittagsmenu und hausgemachten Kuchen verwöhnt.

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