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Igelstation, Erika Heller


Jedes Jahr werden um die zweihundert verletzte oder kranke Igel in der Igelstation Winterthur aufgenommen. Betreut werden sie von „Igelmutter“ Erika Heller. Und das seit vierzig Jahren.

Angefangen hat alles in einer Vierzimmerwohnung in Oberwinterthur, wo Erika Heller ihren ersten verletzten Waldtieren, Vögeln und eben: Igeln Asyl gewährte. Schon bald sprach es sich im Quartier herum, dass da jemand sich um die hilflosen Tiere kümmerte. Der Patienten wurden immer mehr. Erst recht, als die junge Familie 1977 in ihr neugebautes Haus in Seen zügelte, wo seither die „Igelstation Winterthur“ beheimatet ist. Damals war dies weit und breit die einzige Anlaufstelle dieser Art. Entsprechend viele Tiere wurden ihr denn auch vorbeigebracht und anvertraut. Sogar aus der Romandie und aus Süddeutschland seien damals Leute mit hilfsbedürftigen Igeln angereist. Bis zu 500 Fälle jährlich habe sie damals in ihrer Igel-Kellerklinik beherbergen und behandeln müssen. Im Laufe der Zeit seien in der weiteren Umgebung einzelne weitere Stationen entstanden. Inzwischen sind es pro Jahr durchschnittlich rund 200 Tiere, die in einer der zehn grossen Käfigboxen im Hellerschen Keller vorübergehende Aufnahme finden.

Gebracht werden Heller verletzte und offensichtlich kranke oder unterernährte Tiere. Sind sie wieder aufgepäppelt, kommen sie in ein Gehege im Garten oder zu Privaten, die sich verpflichten, die Tiere weiter zu hegen und zu füttern. Hochsaison ist der Herbst, wenn am meisten junge Igel aus späten Würfen aufgegriffen werden. Für untergewichtige Tiere, die darum nicht in einen Winterschlaf fallen können, sucht die Igelmutter immer wieder Freiwillige, die einen vorübergehenden Heimplatz bieten können. In letzter Zeit sah sie sich vermehrt mit Tieren konfrontiert, die von Rasenrobotern arg zugerichtet wurden. „Für Kleintiere eine Katastrophe!“ ereifert sie sich. Oft blieb ihr nichts anderes übrig, als die Schwerverletzten einzuschläfern.

Im Laufe der Zeit hat sich Erika Heller ein grosses Fachwissen angeeignet. Sie gilt als „Igelspezialistin“ und hat immer wieder Fachvorträge gehalten, nicht zuletzt für angehende Veterinäre.

Seit vier Jahrzehnten ist die Igelstation täglich in Betrieb. Zwar wird Heller mit der Betreuung ihrer Pensionären, der Fütterung, dem Ausmisten der Boxen, von einzelnen Freiwilligen unterstützt. Eine Mitarbeiterin hat auch die Aufklärungsarbeit in den lokalen Schulen übernommen. Die Hauptarbeit erledigt aber nach wie vor sie. Besonders zeitaufwendig ist die Beratung von Anrufern und Besuchern, die sie um Ratschläge im Umgang mit Igeln in ihrem Garten bitten. Täglich führt sie mehrere solcher Telefonate und das nicht nur zu Geschäftszeiten.

Das Betreiben einer Igelstation ist nicht gratis zu haben. Futter, Medikamente, Abfallgebühren, Spesen – Jahr für Jahr kommen so Kosten von mehreren tausend Franken zusammen. Diese werden praktisch ausschliesslich durch Spenden gedeckt. Und sollte es einmal nicht reichen, muss das Defizit halt aus der Haushaltskasse gedeckt werden. Ausser zwei, drei einmaligen Beiträgen hat Heller im halben Jahrhundert ihrer Tätigkeit keinerlei Unterstützung durch die öffentliche Hand erhalten, geschweige denn eine regelmässige Subvention.

Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, ist Heller auf der Suche nach einer Nachfolge für ihre Station. Kein Zeitungsartikel, kein Interview in welchem sie das Thema nicht erwähnte. Bisher erfolglos. 2008 reichte ein Gemeinderat ein Postulat ein, das Heller Hoffnung auf eine Lösung in ihrem Sinne schöpfen liess. Der Stadtrat wurde darin aufgefordert, eine städtische Auffangstation für Wildtiere zu schaffen, als Alternative zu den bestehenden privaten Hilfsangebote wie die Seemer Igelstation, deren Betreiber trotz aufopferndem und zeitintensivem Einsatz bisher keine öffentliche Unterstützung erhielten. Die Antwort der Stadtregierung auf den Vorstoss war ernüchternd. Für die unter das Jagdgesetz fallenden Tiere seien die Jagdpächter zuständig, welche gehalten seien, verletzte oder kranke Tiere abzuschiessen. Für die restlichen, kleineren „Findeltiere“ – insbesondere die Igel – sei der Bedarf einer Auffangstation „nicht ausgewiesen“, insbesondere, da diese in ihrem Bestand nicht bedroht seien…

Knapp zehn Jahre später zeichnet sich eine konkretere Nachfolgelösung ab. Geplant ist, dass der Tierschutzverein Winterthur in seinem neuen Tierheim in Gundetswil bei Wiesendangen die Rolle als Anlaufstation für kranke und verletzte Igel übernehmen wird. Spätestens im Frühjahr 2018 soll es soweit sein. Sie hätte sowieso aufgehört, sagt Heller, beziehungsweise aufhören müssen. Und das nicht in erster Linie wegen ihres Alters: Gemäss einer Verfügung des kantonalen Veterinäramts von Anfang 2017 ist sie künftig nicht mehr befugt, schwer verletzte oder kranke Igel zu behandeln oder einzuschläfern, trotz ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als Igelspezialistin. Bei Zuwiderhandlung drohen Bussen in dreistelliger Höhe.

Text und Bilder: Jean-Pierr Gubler

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