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Merkurplatz, Musikpavillon


Der Merkurplatz war immer wieder ein Thema. Am heftigsten anfangs 2000, als sich rund um den dortigen Musikpavillon eine offene Drogenszene zu bilden drohte. Die Situation konnte mit polizeilichen und sozialen Einsätzen und (improvisierten) baulichen Massnahmen beruhigt werden. Eine endgültige Lösung der Probleme versprach man sich von einer Neugestaltung des Stadtgartens. Pläne dazu wurden ausgearbeitet, deren Umsetzung wurde und wird jedoch immer wieder vertagt.

Foto: Sammlung Ernst Hager, www.winterthur-vorhersehbar.ch

Kaum ein anderer Winterthurer Platz hat in der Vergangenheit für so viel Gesprächsstoff und Schlagzeilen gesorgt wie der Merkurplatz am Westrand des Stadtgartens. Dabei gibt es ihn genau genommen erst seit dem Bau des angrenzenden „Manor“-Kaufhauses und der endgültigen Unterbrechung der Merkurstrasse. Im Mittelalter war letztere als Ausfallstrasse Richtung Norden eine wichtige Verbindung zu Basel und Schaffhausen. Im 18. und 19. Jahrhundert verdichtete sich die Bebauung entlang dieser Strasse. Und als in den 1940er Jahre der Stadtgarten erweitert wurde, verlor sie vollends an Bedeutung. Mit dem Bau des Musikpavillons 1991 über der Einfahrt ins Manor-Parkhaus und der Neugestaltung des Raumes davor wurde die Strasse zur Sackgasse, beziehungsweise zum Platz.

Foto: Sammlung Ernst Hager, www.winterthur-vorhersehbar.ch

Ein immer wiederkehrendes Thema in Verbindung zum Merkurplatz war und ist besagter Musikpavillon. Dessen eigentliche Leidensgeschichte geht ursprünglich auf eine gemeinderätliche Motion des SP-Parlamentarier Alfonso Hermann aus dem Jahr 1970 zurück, in welcher der Bau eines Musikpavillons für „Stadtverbände, Musikkorps und Gesangsvereine“ gefordert wurde. Die Stadtregierung stand dem Ansinnen eher skeptisch gegenüber. Ein eigenständiges Gebäude würde die „bescheidenen Verhältnisse des Stadtgartens sprengen“, schrieb sie in ihrer Antwort. Als Alternative schlug sie vor, die Strauss-Bühne des Sommertheaters mittelfristig so auszubauen, dass sie auch für Auftritte von Musikvereinen dienen könne. Die Motion wurde als erledigt abgeschrieben. Es vergingen zwanzig Jahre, bis es ein konkretes Projekt wieder in den Grossen Gemeinderat schaffte.

Schon in der parlamentarischen Diskussion über den Baukredit von knapp 600‘000 Franken wurde das von Architekt Arnold Amsler entworfene Bauprojekt als „architektonischer Missgriff“ bezeichnet und Konfliktpotenzial – etwa als Treffpunkt für Randständige – geortet. Trotzdem wurde der Kredit gesprochen. Die Befürchtungen der Gegner erwiesen sich bald als nicht unbegründet. Kaum war der Pavillon 1991 gebaut, monierte der städtische Musikverband, dass die Plattform davor für Auftritte von Musikvereinen viel zu klein geraten war. In der Tat blieb dieser nach der Einweihung leer und unbenutzt. Die Stadt steckte nochmals Geld in den Bau und liess die Stufen aufbetonieren, um damit die Fläche zu vergrössern. Der Eingriff blieb ohne die erwarteten Folgen, die Musikanten und Sänger blieben weiterhin aus. Bald darauf nahm die lokale Alkoholikerszene die Pavillonbank in Beschlag –und schon wurden Stimmen laut, die den Abriss des ungeliebten Baus verlangten. So 1996 ein Vorstoss im Gemeinderat, der sechs Jahre zuvor den Bau bewilligt hatte. Dieser wurde zwar zurückgewiesen, doch willigte der Stadtrat damals ein, die Abrissdiskussion wieder aufzunehmen, falls die Unterhaltskosten für den Pavillon zu teuer würden.

Bild: Archiv NZZ/Adrian Baer

In den Nullerjahren wurde der Pavillon, der Merkurplatz davor und der angrenzende Teil des Stadtparks immer mehr zum Treffpunkt für Randständige. Zu den Alkoholikern kamen Drogensüchtige und vor allem Dealer hinzu. Um die hundert Personen, darunter viele auswärtige Süchtige hielten sich täglich auf dem Platz auf. Vor allem die Anwohner und dortigen Geschäfte beklagten sich über Schmutz, Lärm und Kleinkriminalität. Lange schienen die Behörden dem Treiben machtlos gegenüber zu stehen. Es wurde eine Entwicklung zu einer offenen Drogenszene befürchtet.

Im März 2008 präsentierte die Stadt endlich ihr Aktionsprojekt „Merkur“, einen Massnahmenplan, dank welchem in erster Linie die Drogenszene aufgelöst werden sollte. Zum einen wurde auf dem Platz vermehrt Polizeipräsenz gezeigt, inkl. Personenkontrollen. In einem Baucontainer war ein provisorischer Polizeiposten untergebracht. Parallel dazu kamen regelmässig Sozialarbeiter zum Einsatz, welche sich um die Randständigen kümmern sollten.

Zur Belebung des Platzes wurden schliesslich Marktfahrer eingeladen, ihre Stände und Imbissbuden zu günstigen Bedingungen auf dem Platz aufzustellen. Das als vorübergehende Lösung, bis entschieden war, mit welchen gestalterischen und baulichen Eingriffen der Merkurplatz in den Stadtgarten integriert werden könnte. Einer der ersten, der dem Aufruf folgte, war der stadtbekannte Rosenverkäufer Sazo Ferati, der seinen Stand gleich im Musikpavillon selber einrichtete. Es folgten weitere, insbesondere Betreiber von Imbissständen: Döner-, Würstchen- und Spaghettibuden, welche vor allem über Mittag Kundschaft anlockten. Und weiterhin anlocken. Denn die seinerzeit als provisorische Übergangslösung angekündigte „Platzbelegung“ (damals war von einem Jahr die Rede) gilt acht Jahre später (2017) weiter.

Zwar wurden 2009 im Rahmen einer Testplanung dreier Teams von Landschafts- und Bauarchitekten Ideenvorschläge erarbeitet, wie der Stadtgarten (und damit auch der heutige „Merkurplatz“) aufgewertet werden könnte. Diese gingen von der Sperrung der Museumsstrasse für den Autoverkehr, über die Verlegung der Parkhaus-Einfahrt bis hin zu einem Durchstich durch das Manorgebäude als Verlängerung der Turnerstrasse. Letztmals war vonseiten der Stadt 2010 von Neugestaltungsplänen die Rede, bei der Veröffentlichung des „Syntheseberichts“ zur oben erwähnten Testplanung. Damals war wiederum – auch wenn nicht explizit – vom Abriss des ungeliebten Pavillons die Rede: „Zur besseren Orientierung können der Raum und die Sichtachse der ehemals durchgehenden Merkurstrasse wieder freigelegt werden“, hiess es da. Seither ist in der Sache nicht viel gegangen, nicht zuletzt angesichts der angespannten finanziellen Lage der Stadt und den damit verbundenen diversen Sparprogrammen. „Der Stadtgarten habe nicht mehr hohe Priorität“, räumte Stadtpräsident 2014 in einem „Landbote“-Interview ein. Gewisse grössere Gestaltungsarbeiten sind zuletzt für 2018 angekündigt worden. Ob diese dann auch wirklich ausgeführt werden, ist abzuwarten.

2014 war es auch, als das „Stadtspielwerk“, eine elf Meter Eisen/Aluminiumplastik auf dem Merkurplatz aufgestellt und feierlich eingeweiht wurde. Der zum Jubiläumsjahr „750 Jahre Stadtrecht“ vom Eisenplastiker-Duo Chrispierre Labüsch (Christoph Landolt und Peter Büschlen) geschaffene, von einem privaten Verein mit 350‘000 Franken finanzierte Uhrenturm, zeigt jeweils zur vollen Stunde mechanisch bewegte Bilder, welche gemäss seinen Schaffern die Industriegeschichte der Arbeiterstadt Winterthur symbolisieren. Der künstlerische Wert des Winterthurer Zytglockenturm ist in der Bevölkerung umstritten. Ob er in einem dannzumal umgestalteten Stadtgarten seinen Platz behalten wird ist deshalb fraglich.

Im Sommer 2016 gelang der Merkurplatz wieder einmal in die Schlagzeilen der Lokalpresse, da sich rund um den Pavillon wieder eine „Szene“ zu bilden schien. Diesmal waren es pöbelnde und betrunkene Jugendliche, die für Aufmerksamkeit sorgten. „Nur halb so schlimm“, wiegelte die zuständige Polizeivorsteherin ab. Noch seien keine Zustände wie zur Zeit der Drogenszene zu beklagen.

Text und neue Fotos von Jean-Pierre Gubler

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