w i n t e r t h u r - g l o s s a r . c h


Bretscher Jakob, Dr. iur., Stadtschreiber, 1905-2002

Jakob Bretscher
30.06.1905
01.01.2002

Dr. iur., Stadtschreiber, Rechtsanwalt

Foto: winbib (Signatur 170257.)

Persönlicher Lebenslauf

1876 geboren in Dorf (im Flaachtal), Bauerngemeinde von 300 Einwohnern; damals 40 Bauernbetriebe. Es wohnen mehr Lehrer als Bauern im Dorf. Geistiges Niveau seit meinem Wegzug offenbar bedeutend gehoben. Zwei Kindheitserinnerungen lokal bedeutender Ereignisse: Einführung des elektrischen Lichtes, der Doktor aus Andelfingen kommt mit einem Auto (vorher Pferdefuhrwerk).

Nach Herkunft ein Bauernbub. Angenehme unbeschwerte Jugend. Eltern waren für bäuerliche und ländliche Verhältnisse finanziell gut situiert. Landwirtschaftsbetrieb war nach seiner Grösse damals eine rechte Existenz. Zwei Pferde, die sich auch zum Fahren mit Break und Chaise eigneten, sowie die für den Pferdebetrieb erforderlichen landwirtschaftlichen Maschinen. Zwei Angestellte (ein Knecht) und ein jüngerer Bursche, der noch als Briefträger eingesetzt wurde, Vater war nebenamtlich auch Posthalter des Ortes. Eltern sehr aufgeschlossen; ermöglichten 2 Söhnen das Studium; dem mittleren, der das elterliche Heimwesen übernahm, wurde ebenfalls eine rechte Ausbildung zuteil: Handelsschule Neuenburg, landwirtschaftliche Schule Wülflingen, 1 Jahr Praxis auf Gutsbetrieb in der Normandie.

Sekundarschule Flaach, 1921 Industrieschule (heute MN Gymnasium) in Winterthur. Gute, meist strenge autoritäre Lehrer. Vom Knabe vom Lande alles Respektspersonen. [Später differenziertere Beurteilung der Mittelschullehrer. Schilderung der 1969 im Auftrage der Aufsichtskommission an der gleichen Schule durchgeführten Disziplinaruntersuchung gegen den Rektor und der Auseinandersetzung mit der Lehrerschaft wegen der Wahl des Nachfolgers.

Foto: winbib (Signatur 170258)

1924 Maturitätsprüfung, 1 Jahr Bankpraktikum bei der SVB Winterthur (Kurse an KV Schule). 1925 Immatrikulation an der Rechts- & Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, Nachholung des Latinum, Kurs bei PD Dr. Abegg. Grundlage für Arbeit mit Corpus juris civilis (Jnstinien). In Pension bei Arbeiterfamilie Häusermann, nach 2 Semestern RS in Bière bei der Artillerie.

1926/27 Universität Genf. Oft Verhandlungen des Völkerbundes beigewohnt. Hochkonjunkturzeit des Völkerbundes, Aufnahme Deutschlands (Staatsmänner Frina F, Austin Chamberlain GB, Seiabria J, Stresemann D). Dolmetscher, Internationale Sphäre an der Uni. Ecole international des étudiants. Eintritt in die Zofingia.

1927 Art. Offizierschule (hochkarätiges Instruktionskorps, davon später 4 Divisionäre, 3 Korpskommandanten). Fortsetzung des Studiums in Zürich, herausragender Dozent Prof. Fleiner (Staats- und Verwaltungsrecht, Kirchenrecht). Bildhafte Sprache ("3 Sterne am juristischen Firmament...) Aktive Teilnahme am Zofingerleben.

1931 Juristisches Doktorexamen (Fleiner: materielle Enteignungsaufgabe, falsch entschieden, aber in guter Gesellschaft). Überschattet durch den Tod zweier Zofingerfreunde, die mit mir das Examen bestanden, Absturz am Dammastock.

1931 Mai - Oktober praktische Tätigkeit auf der Rechtsabteilung der Schweizerischen Versicherung Helvetia in Paris. Kolonialausstellung, Vergnügungsetablissement: La Folies Bergère (Mistinguette), Casino de Paris (Josephine Baker, Maurice Chevalier). Deutsch-Französisches Staatsmännertreffen (als falscher Journalist mitgewirkt!)

1931/32 Semester an Universität Florenz. Zeremonieller Gerichtsbetrieb. Ein Monat in Rom; Teilnahme an einem Empfang des Papstes. Duce nicht gesehen (Zwischenfall mit Polizei).

Herbst 1932 Auditor & Gerichtssekretär am Bezirksgericht Winterthur ; Anwaltsexamen.

Zeit der politischen Bewegung der Nationalen Front. Zielsetzung hatte am Anfang etwas für sich (Stärkung von Armee & Regierung, Eindämmung der direkten Demokratie), jedoch falscher Geist, vom Nationalsozialismus inspiriert. Aktive Mitarbeit in jungliberaler Bewegung als Gegenbewegung zur Front. Diskussionsredner in frontistischen Versammlungen als Opponent. Politische Auseinandersetzungen unter Gerichtsschreiber - Verbot des Parteiabzeichens, Aussprüche von Kläui.

1937 Gerichtsschreiber in Uster. Stellung und Aufgabe des Gerichtsschreibers. Straffall des Deutschen (verurteilt wegen Begünstigung, Art. 305 StfB, weil entflohenen Landsmann versteckt, flieht und schickt ???? Karte an Deutschland), Grosser Teil der Gerichtsschreiberzeit im Aktivdienst verbracht als Kdt. F. Bat. 40, 6. Div unter legendärem Divisionär Constam.

1944 Wahl zum Stadtschreiber von Winterthur (Bewerbung veranlasst durch Stadtpräsident Dr. Rüegg).

Funktion: Chef der Stadtkanzlei, Protokollführer in den Stadtratssitzungen (nur Beschlussprotokoll), daneben auch noch Sekretär im Grossen Gemeinderat (Führung des Verhandlungsprotokolls), juristischer Berater der Stadtverwaltung. Im Stadtrat beratende Stimme; d.h. er kann an der stadträtlichen Diskussion mitwirken und auch Anträge stellen, nur steht ihm kein Stimmrecht zu.

Heute Stadtverwaltung zum Teil anders organisiert. Wichtig damals die Bodenpolitik, welche weitsichtig geführt wurde. Ankauf wichtiger Herrschaftssitze, welche der Bodenspekulation entzogen wurden z. Bsp. Lindengut, Adlergarten, Büel, Goldenberg. Da keine Bauordnung mit Zonenplan bestand, dienten die Landkäufe auch der Stadtplanung (vorsorglicher Landerwerb: Grüngürtel Altstadt-Seen, Stadtgarten.

Heute Büro für Landerwerb mit notariell ausgebildeten Beamten. Damals führte Stadtrat Schätti als Chef des Güteramtes bei Landkäufen die Kaufverhandlungen; wobei für die rechtliche Seite der Stadtschreiber zuständig war, der auch die Erledigung beim Notariat besorgte. In speziellen Fällen wurde auch der Stadtschreiber mit Kaufverhandlungen beauftragt, z. Bsp. Ankauf des Landes im Grüngürtel zwischen Altstadt & Seen (Sportplatz Deutweg, Bäumli, Goldenberg) oft schwierige, langwierige Gespräche.

Prozessführung für die Stadt nur in kleineren Fällen; schwierige, langweilige Prozesse Anwälten übertragen - Beispiel für eigenartigen Prozess: Mauer Friedhof Wülflingen.

Behauptung ich sei 8. Stadtrat hatte insofern eine gewisse Berechtigung als ich oft mit Funktionen betraut wurde, die nicht zur Aufgabe des Stadtschreibers gehörten. Dies ergab sich zum Teil aus der Tatsache dass ich in der Stadtratssitzung oft meine Meinung zu den Geschäften äusserte, häufig als Vertreter des Stadtrates zu Veranstaltungen delegiert wurde (Tagungen von Organisationen), manchmal an Stelle von Stadtpräsident Dr. Rüegg, der wegen seines schlechten Gehörs, solche Aufgaben nicht mehr schätzte. Mehrmals Gast am Sechsläuten bei verschiedenen Zünften. Mit Schwierigkeiten verbunden die Vertretung des Stadtrates bei der 700 Jahrfeier der Stadt Hall in Tirol.

Familie (Heirat und Kinder)

Stadtschreibertätigkeit sagte mir zu, aber Angst vor Pensionierung, weil keine Hobby, das meine Zeit voll ausgefüllt hätte. Als Stadtpräsident Dr. Rüegg ankündigte, dass er auf Frühjahr 1966 zurücktreten werde, hielt ich dies für den gegebenen Anlass mich nach einer geeigneten Altersbeschäftigung umzusehen. Ich war damals 61 Jahre alt. Als naheliegend erschien mir die Tätigkeit als Anwalt. Der Aufbau einer eigenen Praxis kam aber nicht in Frage. Unfalltod von Dr. Gubler in Büro Drs. Gubler & Kundert gab Anlass bei Heinz Kundert anzufragen, ob ich mit ihm eine Bürogemeinschaft eingehen könne, womit er erfreulicherweise einverstanden war. Dieser schloss sich auch der bis dahin allein praktizierende Dr. Geilinger an. Das war eine erfreuliche, mich befriedigende Tätigkeit. Ich dachte anfänglich, dies bis zum 70. Altersjahr auszuüben, praktizierte dann aber bis zum 85. Altersjahr.

Politiker/innen
nach oben ↥
nach oben ↥
link