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Das jüdische Winterthur: Israelitische Gemeinde Winterthur

15.03.1886
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Die Israelitische Gemeinde Winterthur kann auf eine mehr als 125-jährige Geschichte zurückblicken. Hoch und Tiefs wechselten sich ab. Aber alle Tiefs wurden immer wieder überwunden. So ist die Geschichte der Juden Winterthurs auch die Geschichte der erfolgreichen Einwanderung einer Minderheit, die in Winterthur ihr Glück versuchte. Dabei haben sie positive Spuren hinterlassen.

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Anfänge

Wie vielerorts waren jüdische Einwanderer früher auch in Winterthur unerwünscht. Vorurteile und Neid waren dazu ausschlaggebend. Im 14. Jhdt. sollen sogar Juden auf dem Brühlberg verbrannt worden sein, weil man sie für den Ausbruch der Pest 1349 verantwortlich machte. Das änderte sich im 15. und 16. Jhdt. Man begann die Ansiedlung der Juden zu fördern. Dieser neuen Toleranz lagen aber die Finanznöte der Stadt zu Grunde. Die Bürger brauchten Darlehen und die Stadt liess sich Schutzgelder bezahlen. Im Grunde genommen taten sich die Behörden aber nach wie vor schwer, eine Gleichstellung der Juden zu bejahen. Vorurteile waren vorhanden. Durch diskriminierende Gesetze wurde unter anderem die Niederlassung erschwert und der Erwerb von Grundstücken verunmöglicht. Diese Machenschaften wurden von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich gehandhabt. So ermöglichten die Gemeinden Töss und Veltheim die Niederlassung von Hermann Bernheim und Seligmann Gut und Veltheim von Jonas Biedermann.

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Der Winterthurer Stadtrat hatte diese Toleranz nicht. Ob dabei der Vize-Stadtpräsident Heinrich Biedermann einen Juden gleichen Namens verhindern wollte....? Erst 1866 mit der neuen Kantonsverfassung bekamen Juden das Recht zur Einbürgerung und zum Bodenerwerb. Am 15. März 1886 gründeten acht Juden die Israelitische Cultusgenossenschaft Winterthur und Veltheim. Die Hälfte der Mitglieder gehörte der Familie Biedermann an. Die neue jüdische Gemeinde stellte den Kantor- und Religionslehrer Nathan Goldberg ein. Sie wollten damit die Durchführung eines Gottesdienstes und des religiösen Unterrichtes sicherstellen. Der Kantor war somit Vorsänger, Schächter und Lehrer. Als Betlokal anstelle eines Synagoge wurde vorerst ein Zimmer bei Biedermanns genutzt. Die Finanzen führten nur wenig später zu Diskussionen und bereits 1888 wurde die Genossenschaft aufgelöst. Wieder war es ein Biedermann, nämlich Emanuel, der noch im gleichen Jahr zusammen mit sechs Gleichgesinnten die Nachfolgeorganisation „Israelitische Cultusgenossenschaft Winterthur“ ins Leben rief.

aus Kurzweil

Als Treffpunkt wurde der Gasthof Frohsinn an der Ecke Wülflinger-/Feldstrasse (heute Restaurant Oldtimer), später die Pension der Caroline Wolf am Untertor, anschliessend am Kirchplatz, genutzt. Die Finanzen blieben ein Thema und es waren die Biedermanns, die immer wieder für den Ausgleich sorgten. Die Gemeinde wurde grösser. Damit war auch die Örtlichkeit des Betsaales immer wieder eine Sorge. Nach der „Linde“ in Veltheim dislozierte die IGW an die Palmstrasse, wo zwei Zimmer gemietet werden konnte. Als es wieder zu eng wurde, zog man ans Obertor 30 (heute Obertor Post). Beim Händler Lazarus Keller und bei Ignaz Aufricht (Abzahlungsgeschäft) fand man Unterschlupf. 1912 wurde wieder gewechselt. Der Betsaal wurde ins Haus Graben 35 verlegt. Das Haus war die ehemalige Stadtkanzlei und war nun im Besitz der Viehhändler Gebrüder Guggenheim (Später war in diesem Hause die Graben-Post und heute die Rathaus-Apotheke).

Aus: Kurzweil

Etablierung

Mit diesem zentralen Standort am Graben gelang es, die jüdische Gemeinde zu festigen. Ihr gehörten in den 1920/30er-Jahren bis 140 Jüdinnen und Juden an. 1924 kam die Umbenennung in „Israelitische Gemeinde Winterthur“ (IGW). Die Finanzen hatte man mehr oder weniger im Griff, war aber immer noch auf spezielle Zuwendungen vor allem in Form von Kultgegenständen angewiesen. So kam auch 1901 durch Vermittlung von Biedermann die dritte Torarolle ins Lokal, womit die Ausrüstung endlich komplett war. Als Kantor wirkte in dieser Zeit Ignaz Kurzweil (1880-1961), der 1930 gegen den Willen der FDP in Winterthur eingebürgert wurde. Kurzweil stammte ursprünglich aus Bratislava und kam über das bayrische Ichenhausen und über Mannheim 1921 nach Winterthur, wo er bis zur Auswanderung 1960 als Religionslehrer und Kantor wirkte. Im Februar 1936 gab es im Winterthurer Gemeinderat eine hitzige Debatte, ob Kurzweil eingebürgert werden solle. Sprecher der Nationalen Front und der FDP sprachen sich dagegen aus, während sich vor allem die SP-Parlamentarier positiv äusserten. Es gehe nicht darum, ob ein Bürger Christ oder Jude sei, sondern ob er ein rechter Mensch sei. Diese Option siegte schliesslich mit 16 gegen 9 Stimmen.

Aus: Das jüdische Winterthur

jüdischen Geschäftsleute

Zirka die Hälfte der jüdischen Geschäftsleute stand einem eigenen Unternehmen vor. Sie führten 24 jüdische Geschäfte, davon waren 14 Kleidergeschäfte, einige wenige handelten mit Möbeln und Vieh. Damals zogen auch die Viehhändler Albert und Julius Wyler in die Stadt. Der Nachfolger Silvain Wyler führte später als Viehhändler den Hof am Deutweg (heute Gebäude des Restaurant Tiefenbrunnen) und stand dem IGW mehr als vierzig Jahre vor. Nur wenige der Winterthurer Juden besassen einen Universitätsabschluss. Das waren der Jurist und spätere Bezirksgerichtspräsident Ernst Biedermann (Bruder von Max Biedermann) und der Gymnasiallehrer Eugen Hess, sowie der Arzt Karl Bollag, Sohn des Winterthurer Kaufmanns Josef Bollag, der aber nach dem Studium in Basel wirkte.

Die jüdische Geschäftswelt stellt sich in den 1920er-Jahren wie folgt dar:

Firmennamen Ort Inhaber Handelsware
Obertor Adolf Neuhaus Möbel, Konfektion und Manufakturwaren, Abzahlungsgeschäft
Winterthurer Engroslager Marktgasse Gustav Bernheim Damenkonfektion, Schürzen, Unterkleider
Rothaus Marktgasse Biedermann Cie. Konfektions- und Massgeschäft
Marktgasse Judith Brunschwig Manufakturwarenhandlung
Marktgasse Moses Guggenheim Viehhandel
Zur Stadt Mülhausen Marktgasse Moritz Hess Manufaktur- und Bettwaren
Ljaskowski-Schmuklersky Untertor Israel Ljaskowski Partiewarengeschäft und Feilträgerei, Herrenkonfektion
Zum Schweizerhaus Untertor Gebrüder Mayer Manufakturwaren, Herren- und Knabenkonfektion
Schweizer Hut-Bazar Untertor Benno Seligmann (ehem. L. Kaller) Hüte, Schirme und Stöcke/Konfektion
Neue Warenmagazine Neumarkt Gebrüder Bloch Konfektion und Manufakturen
Neumarkt Samuel Schmuklersky Glas- und Porzellanwaren, Haushaltartikel
Lagerhausstrasse Gebr. Witztum Handel mit Industrieabfällen
Steinbergggasse Sigismund Levy Möbel und Weisswaren
Zur Winterthurer Warenhalle Stadthausstrasse Joseph Bollag Manufakturwaren engros und détail
Merkur Stadthausstrasse Henri Bollag Herren- und Damenkonfektion
Stadthausstrasse Jakob Bollag Tuch- und Manufakturwaren
Zum Einheitspreis Stadthausstrasse Georg Naphtaly (Zürich) Herren- und Knabenkonfektion, Bonneterie und Herrenwäsche
Stadthausstrasse Sally Klopstock Damen- und Kinderkonfektion, Glas, Porzellan (Nachfolge Warenhaus Doster)
Trollstrasse Samuel Bollag Viehhandel
Schaffhauserstrasse 59 Moritz Wyler Viehhandel
Kreuzstrasse Gebrüder Guggenheim Weine und Spirituosen, Immobilen
Möbel Bloch Feldstrasse Eugen Bloch Möbel und Weisswaren
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Jonas Biedermann 1812-1887

1842 liess sich der Gailinger Tuchhändler Jonas Biedermann in Veltheim nieder. Da den Juden amtlich verwehrt war z.B. ein Handwerk auszuüben, mussten sie sich dem Handel zuwenden. Also zog Jonas Biedermann ein Geschäft unter dem Titel „Handel en gros & en detail in Woll-und Baumwolltücher und Bettwaren“ auf. Auch Möbel gehörten zu seinem Sortiment. In jener Zeit ging man mit den Waren oder Mustern von Haus zu Haus und pries seine Verkaufsgegenstände an. Nur wenig später zählte Biedermann zu den besten Steuernzahlern der Vorortsgemeinde. Es versteht sich von selbst, dass der Gemeinderat ihn gegen aussen immer verteidigt hat. 1862 konnte Biedermann vom ehemaligen Gemeindepräsident Veltheims, Johann Wiesendanger, ein Wohnhaus erwerben. 1867 erhielt die Familie Biedermann von der Gemeindeversammlung das Bürgerrecht. Die Biedermanns waren eine der ersten jüdischen Familien im Kanton Zürich die das Bürgerrecht besassen. Sie errichteten 1876 das Haus „Concordia“ (heute Feldstrasse 2). Das Haus ist im klassizistischen Stil erbaut und passte eigentlich nicht so ganz ins traditionelle Bauerndorf. Trotzdem prägt das Gebäude den im 19. Jhdt. an der Bachtelstrasse entstandenen Dorfplatz. (1992 erfolgten innere und äussere Umbauten.) Die Wohnstube war auch Verkaufslokal, Warteraum und Gastlokal. Sein Sohn Emanuel, anfänglich auch seine Brüder Max und Salomon, verlagerte das Geschäft „J. Biedermann zum Merkur“1884 in den „Merkur“ beim Bahnhof (Nebenhaus des „National“). Um mit der Zeit zu gehen kamen nun auch Kleider, billigere Konfektionsware wie Regenmäntel, Hemden, Hosen und Jupes ins Angebot. Das war der Beginn der nicht mehr individuell geschneiderten Kleider. Die Lage direkt am Bahnhof war für das „älteste Aussteuergeschäft von Winterthur und Umgebung“ wie es in der Werbung hiess, genau richtig. Kam doch die Kundschaft neu auch per Bahn nach Winterthur. Fast alles wurde angeboten, von Bettfedern über Betten, Sofas und Diwans bis zu Lingerie-Artikeln. 1899 verkaufte Emanuel Biedermann die „Concordia“. Er hinterliess seinem Sohn Max das modernste Geschäftshaus Winterthurs: das „Rothaus“. Nach den Plänen der Architekten Rittmeyer und Furrer ist für das Unternehmen Biedermann an der Markgasse ein modernes Warenhaus entstanden. Die Biedermanns haben sich damit vom Hausierer zum wohlhabenden Stadtbürger und Warenhaus-Unternehmer entwickelt. Die gesellschaftliche Anerkennung blieb nicht aus. Emanuel war auch einer der ersten Juden, der 1882 zum Hauptmann ernannt wurde. 1930, das Warenhaus stand nun unter der Leitung seines Sohnes Max (1881-1856), wurde das Rothaus erweitert und zum „führenden Geschäft der Manufakturwarenbranche, Damen- und Herrenbekleidung der Ostschweiz“ ausgebaut.

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Max Biedermann 1881-1956

Max Biedermann-Bergmann (1881-1956, Sohn von Emanue(1847-1924) und Bertha Biedermann-Moos und Enkel von Jonas Biedermann) bewahrte die IGW vor der Auflösung. Er übernahm 1941 mitten im Zweiten Weltkrieg das vakante Präsidium. Mit aller Kraft hielt er die Mitglieder zusammen und war auf verschiedensten Ebenen aktiv. Er gründete den „Verein für jüdische Geschichte und Literatur“, er präsidierte den Bestattungsverein „Chevro Kadischo“, revidierte die Statuten und arbeitet die Statuten für den Israelitischen Frauenverein aus. Seine 1912 in Konstanz mit Frieda Bergmann geschlossene Ehe blieb kinderlos. Als Kaufmann und Rothaus-Inhaber seit 1878 (bis 1890 zusammen mit Bruder Emanuel) genoss Max Biedermann in der ganzen Damen- und Herrenbekleidungsbranche einen äussert guten Ruf. 1943, kurz nachdem seine Mutter gestorben war, verkaufte er sein Geschäft. Das geschah nicht zuletzt, da er keine eigenen Nachkommen hatte. Max Biedermann wird auch als vorbildlicher Arbeitgeber beschrieben. Mit vielen seiner Angestellten habe er lange nach der Aufgabe des „Rothauses“ den persönlichen Kontakt gepflegt. Als Max 1856 starb wurde er auf dem jüdischen Friedhof oberer Friesenberg bestattet. Sein Bruder Ernst, der Jurist und Bezirksgerichtspräsident (auf Vorschlag der Demokratischen Partei) wurde in Winterthur kremiert und seine Söhne pflegten den jüdischen Glauben nicht mehr.

Möbelhaus Bloch Ecke Tell-/Wülflingerstrasse in Veltheim

Hermann Bloch zog 1920 vom aargauischen Surbtal nach Winterthur und baute mit seinem Bruder Eugen das Möbelgeschäft E. Bloch & Cie an der Feldstrasse 57 (Ecke Tellstrasse). Auf. Die kleine jüdische Gemeinde Winterthur erlebte zu dieser Zeit ihre Blütezeit. Bei einer Einwohnerzahl von rund 50'000 Winterthurern lebten 140 Jüdinnen und Juden, soviel wie nie mehr, in der Eulachstadt. Natürlich war das religiöse Leben der Juden bescheiden. Aber es gab immerhin einen Kantor für Gottesdienste und Ausbildung der jungen Juden. Dazu gehörte auch das lernen des Hebräischen, damit dem Gottesdienst zu folgen war.

Silvain Wyler *1926

Die Familie Wyler zog 1927 von Endingen nach Winterthur. Sie übernahm vom Viehhändler Bollag, ebenfalls ein jüdischer Geschäftsmann, den Viehbetrieb-Betrieb am Deutweg (heute Restaurant Tiefenbrunnen). Winterthur wurde ein Ableger der Viehhandlung Gebrüder Wyler in Uster. William Wyler blieb in Uster. Seine beiden Brüder Albert und Julius (1889-1961) etablierten sich 1935 endgültig. Silvain heiratet später Marion Neuburger aus München. Ihre Eltern sind in Vernichtungslagern ermordet worden. Marion und ihre Schwester überlebten und kamen nach Zürich zu ihrer Grossmutter. Silvain und Marion Wyler wurden zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und die Tochter Irene. Wyler führte das Viehhandelsgeschäft zusammen mit seinem Cousin Marcel Wyler-Margelist bis ins Jahr 1990. 1969 übernahm er das Präsidium der Israelitischen Gemeinde Winterthur. Nach langen Verhandlungen gelang es ihm, einen jüdischen Friedhof in der Friedhofanlage auf dem Rosenberg zu erhalten. Nur zu früh musste er kurz darauf, 2002, seine Frau Marion dort begraben. Die Funktion eines Präsidenten übte er 42 Jahre, also bis 2011, aus. Fast pünktlich auf das 125-Jahr-Jubiläum der Winterthurer Israelitischen Gemeinde Winterthur, fand er zwei Nachfolger, die in einem Ko-Präsidium die Leitung der Gemeine übernehmen. Es sind dies Jules Wohlmann und Shlomy Hermon. Es ist ihr fester Wille, die jüdische Tradition in Winterthur weiter zu pflegen und sie so attraktiv machen, dass neu zuziehende Juden gerne in sie eintreten.

Marcel Wyler *1921 und sein Cousin Silvain *1927 übernahmen von ihren Eltern Julius Wyler-Dreyfuss (1899-1961) und Albert Wyler das Unternehmen und führten es bis 1990 weiter.

Betsaal

Die Israelitische Gemeinde Winterthur hat keine eigentliche Synagoge. Im Zentrum von Winterthur hat sie einen Raum gemietet, den sie als Betsaal eingerichtet hat. Zum 125. Jahres-Jubiläum seit der Gründung von 1886 soll dieser Raum nun erneuert werden. Ein weiteres Ziel ist eine Neuerung im Wahl- und Stimmrecht. Die rund 60 Mitglieder der IGW sind hauptsächlich Familienväter. Verheiratete Frauen haben kein Stimmrecht, hingegen Ledige und Witwen. In der heutigen Zeit ist diese Regelung überholt. Eine Änderung ist beabsichtigt.

Möbel Bühlhof

1879 kam Simon Levy aus dem Elsass zusammen mit seiner Tante Rosa Schick nach Winterthur. Am Obertor 38 betrieb seine Tante ein Möbel- und Aussteuergeschäft. Als Reisender arbeite Simon für dieses Geschäft. 1913übernahm er zusammen mit seinem Bruder Leopold und seiner Mutter Carolina dieses Möbelgeschäft unter dem Namen Levy & Cie. Nach der Heirat mit der Viehhändlertochter Fanny Gidion aus Bülach und der geschäftlichen Trennung von seinem Bruder nannte er seine Firma „S. Levy-Gidion“ und erfuhr damit einen raschen Aufschwung. An der Steinberggasse 2 konnte er eine Liegenschaft erwerben, die er für seine Zwecke umbaute. Das Gebäude war zuvor der Gasthof zum Ochsen und dann die Kaufmännische Berufsschule gewesen. Erst nach 1911 nach einer Statutenänderung konnte Simon Levy, damals noch als Unverheirateter, der Israelitischen Gemeinde beitreten. Im Sommer 1918 wurde Levy Winterthurer Bürger. Aus einem jüdischen Gastarbeiter war nun ein rechtschaffener und erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Seine Religionszugehörigkeit hatte dabei nie eine Rolle gespielt. Er hielt sein Geschäft zum Beispiel auch Samstag geöffnet.

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Klar war das die Familie mitarbeitete. Die Mithilfe seiner Frau und seiner Söhne (Marcel *1918 und Siegfried) war selbstverständlich Es galt die Kunden auch in der Region aufzusuchen, da sie nicht konnten oder wollten in die Stadt fahren. Zielpublikum waren Brautleute. Es war damals üblich, dass man eine Aussteuer fürs Leben kaufte und dabei eher weniger sparte. Parallel dazu wurde das Verkaufslokal in der Innenstadt ausgebaut. Matratzen wurden in der Werkstatt aufgefrischt, Möbel neu auch ausgestellt und ausprobiert und Kataloge zum Durchblättern lagen bereit.

Simon Levy verstarb bereits anfangs des Zweiten Weltkrieges und seine Frau übernahm mit den beiden Söhnen das Geschäft. Gleichzeitig erhielt es den neuen Namen „Bühlhof-Möbel AG“. 1951 wurde der Bühlhof in eine Wohnausstellung umgestaltet. Grosse Schaufenster zeigten ganze Wohneinrichtungen, was damals absolut eine Neuheit war. 1962 wurde in Räterschen eine Filiale eröffnet, die auf den motorisierten Kunden ausgerichtet war. Anfang der 1990er-Jahre gaben die Levy das Stammhaus in der Winterthurer Altstadt auf und 2002 gaben die beiden Brüder mangels eigener Nachfolger den ganzen Familienbetrieb auf. Vermietung des Das Möbelzentrum in Räterschen wurde zuerst an das Coop Möbelhaus Toptip vermietet und später auch verkauft. Das monumental-markante Gebäude an der Steinberggasse kam in das Portefeuille von Bruno Stefanini.

Aus: Himmelheber/Hofmann

Jüdische Beiträge zum Winterthurer Kulturleben

Das Kulturleben in Winterthur wurde lange Jahre von bedeutenden jüdischen Repräsentanten aus den verschiedenen Kultursparten bereichert. Drei Juden haben sogar den Kulturpreis der Stadt Winterthur erhalten. Es sind dies Peter Rybar 1963 (1913-2002) Violinist, Markus Breitner 1965 (1902-1988) Schauspieler und Regisseur (Sommertheater) und Abraham Comfort 1985, Violinist und Konzertmeister (1931-1990). Es war dabei auch immer wieder Jakob Melchior Rieter-Biedermann und Werner Reinhart die diese Kontakte anknüpften und förderten. Nebst den bereits genannten Künstlern, die auch in Winterthur wohnten, seien hier die Pianistin Clara Haskil, der Dirigent und Pianist Bruno Walter genannt. Sie spielten, nebst vielen weiteren, in Winterthur und Zürich zusammen mit dem Stadtorchester Winterthur. Dank Reinhart hat 1917 auch eine Erstaufführung eines Werkes von Arnold Schönberg in Winterthur stattgefunden. Reinhart ist verschiedenen jüdischen Künstlern in der schwierigen Zeit des Dritten Reiches helfend zur Seite gestanden. Im Bereich Literatur stand die Freundschaft von Hans Reinhart mit dem Schriftsteller Alfred Mombert, den er in Heidelberg kennen und schätzen gelernt hatte, im Vordergrund.

Quellen

Die Informationen für diese Glossar-Eintragungen stammen weitgehend aus Publikationen vom Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser. Das Büchlein „Das jüdische Winterthur“ enthält viele weitere Geschichten und Informationen dazu. Es ist vergriffen, kann aber bei den Winterthurer Bibliotheken ausgeliehen werden.

Die Präsidenten der Israelitischen Gemeinde Winterthur

1886-1889 Biedermann Emanuel
1889-1890 Bollag Joseph
1890 Biedermann Max
1891-1911 Biedermann Emanuel
1911-1915 Bollag-Heumann Samuel
1915-1923 Bernheim Gustav
1923-1932 Guggenheim Samuel
1932-1940 Seligmann Benno
1940-1941 Wyler Julius
1941-1952 Biedemann Max
1952-1960 Bloch Hermann
1960-1969 Wyler Marcel
1969-2011 Wyler-Neuburger Silvain
2011- Jules Wohlmann und Shlomy Hermon
Kirchen
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